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Serdar Tasci stand in dieser Saison 17 Mal in der Startelf der Schwaben © getty

Bei SPORT1 spricht Stuttgarts Serdar Tasci über die Krise des VfB, die Hierarchie in der Mannschaft und den Torwartwechsel.

Von Christian Paschwitz

München - Serdar Tasci hat wahrlich schon bessere Zeiten erlebt.

2007 gehörte der 23-Jährige zu den Shootingsstars im Team des Überraschungsmeisters VfB Stuttgart. Eine glorreiche Zukunft wurde Tasci vorhergesagt.

Auf kurz oder lange würde er einen Stammplatz in der Innenverteidigung der Nationalmannschaft einnehmen, war aus Expertenkreise zu vernehmen. Doch Tascis Höhenflug wurde jäh gebremst.

Unter Christian Gross fand sich der immer wieder von Verletzungen zurückgeworfene Nationalspieler oft auf der Ersatzbank wieder. Die Kapitänsbinde wurde ihm entrissen. Der VfB geriet mit in Abstiegsnot. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

Erst der neue Trainer Bruno Labbadia sprach Tasci wieder das Vertrauen aus und machte ihn zum Stammspieler.

Im SPORT1-Interview spricht der Abwehrspieler über den Druck im Kampf um den Klassenerhalt und das Keller-Duell mit dem FC St. Pauli (So., ab 17.15 Uhr im LIVE-TICKER) , die Bürde des Kapitänsamtes und die Hierarchie in der Mannschaft.

SPORT1: Herr Tasci, nach dem wichtigen Sieg über Schalke im Abstiegskampf - ist der krisengeschüttelte VfB jetzt über den Berg?

Serdar Tasci: Wir sind noch lange nicht über den Berg, haben jetzt ohnehin nur noch Endspiele, um da unten rauszukommen. Aber es war wichtig, endlich mal wieder zu Null zu spielen und auch mal zwei Siege hintereinander zu landen. Doch wir sind noch nicht wirklich stabil - wären wir das, dann hätten wir das Spiel mit 2:0, 3:0 nach Hause gefahren und wären nicht ein paar Mal in Panik geraten.

SPORT1: Wie erklären Sie sich das Nervenflattern? Der VfB hat ja 75 Minuten in Überzahl agiert...

Tasci: Das ist eben typisch Abstiegskampf, der Druck ist enorm. Wenn wir um die Plätze drei und vier spielen würden so wie in den Vorjahren, dann wäre unser Auftreten ganz anders. Ich hoffe aber, dass wir jetzt mal eine Serie starten.

SPORT1: Gegen Schalke war auch der zuletzt stark kritisierte Sven Ulreich derjenige, der dem VfB den Sieg gerettet hat...

Tasci: Bei Ule können wir uns wirklich bedanken, er hat die letzten zwei Spiele sehr gut gehalten, ist überragend drauf. Mein Respekt vor ihm ist sehr groß: Man kann nur gratulieren, was er nach seiner Degradierung geleistet hat (Marc Ziegler erhielt den Vorzug, nach dessen Verletzung gleich im ersten Spiel wurde jedoch Ulreich wieder zur Nummer 1, Anm. d.Red.). Er ist erst 22, aber da sieht man, dass er einen starken Charakter hat.

SPORT1: In der Vergangenheit wurde aber nicht nur auf der Torhüter-Position gewechselt - das galt für die komplette Abwehr. Wie sehr hat auch das zur Krise beigetragen?

Tasci: Es wäre schon wichtig, wenn auch mal dieselben spielen würden, dann könnte man sich auch besser aufeinander abstimmen. Aber im Fußball hast du diese Situation leider selten, schon allein wegen Sperren und Verletzungen.

SPORT1: VfB-Sportdirektor Fredi Bobic hat gesagt, dass das Spiel in Frankfurt, das die Mannschaft zu zehnt gewonnen hat, ein Schlüsselerlebnis war für die Wende. Hat er Recht?

Tasci: Im Nachhinein war es tatsächlich gut, dass das Spiel so gelaufen ist. Ich weiß nicht, ob wir das mit elf Mann auch gewonnen hätten. Nach Delpierres Platzverweis ging ein Ruck durch die Mannschaft. Es war also ein Schlüsselspiel.

SPORT1: Es steht der Vorwurf im Raum, dass die Mannschaft in der Vergangenheit nicht ausreichend miteinander gesprochen hat...

Tasci: Wir haben uns bestimmt nicht angeschwiegen, aber auf dem Platz wird inzwischen tatsächlich mehr geredet, das stimmt. Das müssen wir uns vielleicht auch vorwerfen. Vorher hat jeder erst mal mit sich gekämpft - jetzt aber ist der eine für den anderen da, es wird auch mehr gedoppelt.

SPORT1: Christian Träsch war nun erstmals Kapitän...

Tasci: Er hat die Binde auch verdient.

SPORT1: Und Sie wollen sie nun definitiv nicht mehr?

Tasci: Das ist unter Christian Gross eben so gekommen, das hat mich gekränkt damals. Einmal habe ich die Binde noch unter Jens Keller getragen, weil er mich gefragt hatte und Cacau und Delpierre nicht zur Verfügung standen. Die Binde kann als Motivation dienen, und wir haben Spieler, die sie auch gern tragen. Für mich aber ist sie keine Motivation mehr.

SPORT1: Wenn schon acht Spieler wie beim VfB die Binde getragen haben, geht ihre Bedeutung doch eh unter, oder?

Tasci: Man muss aber auch bedenken, dass in dieser Saison schon drei Trainer da waren. Jeder von denen hat seine eigene Philosophie, jeder hat andere Führungsspieler.

SPORT1: Das sagt aber auch etwas über fehlende Hierarchie aus...

Tasci: Die Hierarchie verändert sich mit den Trainerwechseln. Ich bin seit Gross ja auch nicht mehr im Mannschaftsrat. Trotzdem sehe ich mich als Führungsspieler beim VfB: Ich bin erfahren und sehe mich deshalb auch in der Pflicht, die Mannschaft zu führen. Und das geht auch ohne Binde.

SPORT1: Zu schaffen macht Ihnen aber Ihr Körper...

Tasci: Seit drei Wochen habe ich Probleme mit dem Bauchmuskel-Ansatz, deshalb muss ich mich beim Training auch ein bisschen zurücknehmen. Für die Spiele lasse ich mich dann spritzen und bekomme Schmerzmittel. Inzwischen hilft das aber auch nicht mehr so wirklich, nach 60-70 Minuten kommen die Schmerzen zurück.

SPORT1: Was heißt das für das Saison-Finale?

Tasci: Um das komplett ausheilen zu lassen, müsste man einfach mal pausieren. Das geht aber wohl erst in der Sommerpause. Deshalb muss ich jetzt beißen - aber im Abstiegskampf muss man kämpfen.

SPORT1: Wie gefährlich ist dabei der nächste Gegner St. Pauli?

Tasci: Sehr gefährlich, weil sie gegen uns nun zu Hause spielen und ein paar Niederlagen hintereinander kassiert haben. Das 0:5 gegen Nürnberg kann für uns gut sein, weil St. Pauli demoralisiert ist. Es kann aber auch genau das Gegenteil bedeuten. Ein echtes Kampfspiel wird St. Pauli auch wegen ihrer Fans. Aber das ist Motivation pur.

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