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Im März 2011 macht Veh von seiner Ausstiegsklausel Gebrauch, genervt von ständigen klubinternen Querelen: "Mit der Entwicklung im Verein kann man aus meiner Sicht nicht arbeiten. Es geht hier teilweise nicht mehr um Fußball, was aber mein Job ist"
Geht schon früher als gedacht: Armin Veh ist nicht mehr Trainer des HSV © getty

Nach dem Waterloo bei den Bayern trennt sich der HSV von seinem Coach. Sein Assistent und ein Ex-Profi sollen die Saison nun beenden.

Von Christian Paschwitz und Martin Volkmar

München - Gerade mal 17 Stunden hat es gedauert, bis die Verantwortlichen des Hamburger SV auf den 0:6 (0:1)-Offenbarungseid beim FC Bayern reagiert haben.

Nach einer Krisensitzung trennte sich das Bundesliga-Urgestein mit sofortiger Wirkung von seinem Trainer Armin Veh. 363670(DIASHOW: Der 26. Spieltag)

Veh, der ohnehin zum Saisonende den HSV verlassen hätte, wird von seinem bisherigen Assistenten Michael Oenning abgelöst. Ihm zur Seite steht der frühere Profi Rodolfo Cardoso, der zuletzt das Regionalliga-Team der Hanseaten coachte.

"Nach der Bekanntgabe seines Abschiedes zum Saisonende und den Eindrücken der vergangenen beiden Spiele haben wir uns entschieden, schon jetzt einen Schnitt zu machen und uns von Armin Veh zu trennen", sagte Sportdirektor Bastian Reinhardt.

Höchste Niederlage seit fast sieben Jahren

Der 50-jährige Veh hatte am Dienstag bekannt gegeben, dass er eine Vertragsklausel habe, vorzeitig aus dem eigentlich noch bis 2012 geltenden Arbeitsverhältnis auszusteigen.

Jetzt erfolgt die Trennung früher als erwartet - nämlich nach der höchsten Niederlage der Hanseaten seit fast sieben Jahren. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

Veh hatte am Samstag unmittelbar nach der bitteren Niederlage in München einen Rücktritt ausgeschlossen. (EINWURF: Demontage eines Riesen)

Nachfolger Oenning hat bereits Erfahrung als Bundesliga-Trainer vorzuweisen. Der 45-Jährige schaffte 2009 mit dem 1. FC Nürnberg den Aufstieg ins Fußball-Oberhaus, wurde aber im Dezember desselben Jahres entlassen.

Hoffmann bricht Urlaub ab

Noch-HSV-Boss Bernd Hoffmann, dem der Aufsichtsrat für die kommende Spielzeit pikanterweise die Gefolgschaft verweigert, hatte extra seinen Ski-Urlaub für die Krisensitzung abgebrochen.

"Wir fahren jetzt zurück nach Hamburg und werden uns zusammensetzen - der komplette Vorstand mit dem Trainer", erklärte Bastian Reinhardt am Samstag.

Die weiteren Worte des Sportchefs deuteten schon auf eine Trennung hin: "Ich denke, nach so einer Niederlage vom Ergebnis her und auch von der Art und Weise her gibt es sicherlich auch von unserer Seite Gesprächsbedarf."

Es sei zu einfach, "die Pleite auf die Unruhe im Verein zu schieben", sagte Reinhardt.

Oenning als Interimscoach

Nun darf Co-Trainer Michael Oenning übernehmen und versuchen, die Saison mit Anstand zu Ende zu führen.

Dabei wollte Veh sein Ende an der Elbe selbst bestimmen, hatte der Coach am Dienstag seinen Rücktritt zum Saisonende erklärt und mit den turbulenten HSV-Zuständen begründet.

"Ich habe so etwas wie hier noch nie erlebt. So kann man nicht arbeiten. Es geht nicht mehr um Fußball", so der lustlose Veh.

Robben schießt Veh-Elf ab

Dem stand der Auftritt seiner völlig indisponierten Elf in München in nichts nach.

Mit drei Toren (40., 47. und 55.) bereitete Bayerns Arjen Robben den Hamburgern fast im Alleingang ein Waterloo - und damit die größte Blamage seit dem 0:6 im Mai 2004 in Bremen.

Franck Ribery (64.), Thomas Müller (79.) sowie ein Eigentor von Heiko Westermann (85.) krönten die peinliche Vorstellung.

"Werde sicher nicht hinschmeißen"

"Hinschmeißen werde ich sicher nicht", sagte Veh noch nach dem Spiel zwar noch bei LIGA total! und verneinte damit einen vorzeitigen Abschied wie einst bei Hansa Rostock: "Ich habe den Fehler einmal gemacht, den mache ich sicher kein zweites Mal."

Dass Veh ("Ich weiß auch nicht, wie es weitergeht") die Spieler überhaupt noch erreicht, vermochte er ebenso wenig zu beantworten wie die Fragen nach den Ursachen für die Selbstaufgabe der Mannschaft in München.

Er könne das "auch nicht erklären. Wir haben es Bayern schwer gemacht durchzukommen, hätten in Führung gehen können. Dass wir uns dann auskontern lassen, ist für mich nicht nachvollziehbar."

Und Veh attackierte seine Spieler: "Da muss man den Kopf einschalten. Wenn ich auf dem Platz stehe, mache ich den Mund auf, sage was, drehe durch, wehre mich. Aber da ist nichts passiert. Alle hatten den Kopf unten."

Rost redet Tacheles

Mit Frank Rost nahm ihn nach Abpfiff immerhin ein Akteur wieder hoch - und kein Blatt vorn Mund:

"Es ist mir scheißegal, ob ich dafür wieder eine Geldstrafe bekomme oder zum Rapport muss", polterte der Keeper bei LIGA total!.

"Man hat wieder mal gesehen, wie labil das Ganze ist, wie schnell das auseinanderbricht. Das ist ein wankender Riese und ich glaube, das unterschätzen viele. Aus welchen Gründen auch immer, weil sie ihre persönlichen Positionen, ihre persönlichen Egoismen nach vorne stellen."

Attacke auch Richtung Vorstand

Rost attackierte dabei auch den Vorstand - und Hoffmann: "Wir erleben das hier jetzt seit acht Jahren. Sie müssen es vorleben, dann wird auch ein Trainer stark, dann wird auch der ganze Verein stark. Wir warten auf den Messias, der sowieso nicht kommt."

Dabei stellte der 37-Jährige wutentbrannt auch seine eigene Position zur Disposition:

"Leute werden enteiert ? nehmen Sie doch mein Beispiel: Man hat einen Torhüter geholt (Jaroslav Drobny, Anm. d.Red.). Warum hat man den geholt? Den hat man geholt, damit der Rost mal die Klappe hält! Aber wenn man konsequent ist, dann lässt man ihn auch spielen. Und von dieser Art der Baustellen haben wir Hunderte aufgemacht!"

"Es ist so ein Chaos"

Ähnlich sehen es auch Rosts Teamkollegen: "Es ist so ein Chaos! Nur Chaos. Das war die schlimmste Niederlage meiner Karriere. Der ganze Verein, dieses Chaos! Es ist nicht nur die Mannschaft", ereiferte sich Mittelfeldspieler Ze Roberto.

David Jarolim wiederum meinte nur desillusioniert: "Das ist der traurigste Moment, seit hier ich bin."

Veh hat ihn nun hinter sich und muss in Hoffmanns achtjähriger Amtszeit als achter Trainer seinen Hut nehmen.

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