vergrößernverkleinern
Dieter Hecking (r.) wurde Ende 2009 Nachfol- ger von Michael Oenning als Club-Coach © getty

Mit jungen Talenten mausert sich Nürnberg zum besten Rückrunden-Team, ist aber kaum Gesprächsthema. Das ärgert Dieter Hecking.

Von Andreas Berten

München - Andreas Wolf ist lange genug im Profigeschäft dabei, um alle Fußball-Weisheiten auf Knopfdruck abspulen zu können.

Zum Beispiel diese: "Wir gewinnen zusammen, und wir ver...", sagte der Kapitän des 1.FC Nürnberg den Journalisten nach dem 2:1-Sieg in Wolfsburg - und brach abrupt ab.

Ihm selbst fiel der kleine Fehler auf, noch bevor er die Floskel vervollständigt hatte. Bei den Franken ist man es nämlich gar nicht mehr gewohnt, nach einem Spiel Niederlagen zu erklären.

Mit 20 Punkten aus neun Spielen und der dazu besten Abwehr (fünf Gegentore) hat sich der Club zur besten Rückrunden-Mannschaft gemausert.

Und kaum jemand merkt's (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

Hecking will "mehr Wahrnehmung"

Weil sich mit "lahmen Enten" (Veh) und "Turbo-Enten" (van Gaal) eben bessere Schlagzeilen produzieren lassen.

Kein Wunder, dass sich Dieter Hecking schon nach dem 2:0 gegen den HSV, dem Ausgangspunkt einer nun acht Partien anhaltenden Serie ungeschlagener Spiele, "mehr Wahrnehmung nach außen" gewünscht hatte.

So wie sie die Kollegen in Mainz und Freiburg für ihre erfrischende Spielweise auch bekommen.

"Spielen wir aggressiv und lassen den Gegner nicht ins Spiel kommen, gilt das als kämpfen", sagte Hecking zu SPORT1.

"Machen Bayern oder Dortmund das gleiche, ist das attraktives Pressing."

Abschied vom alten Image

Aber Nürnberg, das in der vergangenen Saison erst in der Relegation gegen Augsburg die Klasse sicherte, ist noch ein wenig stecken geblieben in der Schublade, in der sie vorher neben der Tuchel- und Dutt-Truppe lagen.

Doch gemeinsam mit Mainz, Freiburg und natürlich Hannover ist das Hecking-Team die Überraschung der Saison.

Mit der drittbesten Spielzeit in der Vereinshistorie nabelt sich der Club auch endgültig vom alten Image ab, das der Teppichhändler Michael A. Roth als umstrittener Präsident, Schulden und andere Skandale prägten.

"Genauso habe ich mir das erhofft"

Mit Hecking als einem manchmal etwas hölzern, aber jederzeit kompetent wirkendem Coach steht der FCN nun für eine Mischung aus guter Förderung vereinseigener Talenten und erfolgreicher Leiharbeit.

Philipp Wollscheid (22) überzeugte bislang in der Innenverteidigung, weitere Hoffnungsträger sind Almog Cohen (22), Timothy Chandler (20), Marvin Plattenhardt (19) und Markus Mendler (18).

Jens Hegeler und Mehmet Ekici sind mit Anfang 20 schon Leistungsträger.

Und Ilkay Gündogan (20/Vertrag bis 2012) hat im Mittelfeld schon andere Klubs derart überzeugt, dass sein Abgang ebenso wahrscheinlich ist wie der des momentan verletzten Julian Schieber.

Die Leihgabe des VfB Stuttgart erläutert gegenüber SPORT1, warum es "definitiv richtig" war, nach Nürnberg zu gehen:

"Ich konnte hier Spielpraxis sammeln, mich weiterentwickeln. Genauso habe ich mir das erhofft, insofern gehen meine Vorstellungen zu 100 Prozent auf."

Realist Bader

Die Krux an den vielen Wahl-Clubberern: Nach ein, zwei Jahren sind sie wieder weg. "Wir müssen uns dieses Modells bedienen", so Hecking.

"Es geht darum, dass Nürnberg dauerhaft in der Bundesliga spielt."

Und weiter: "Der 1.FC Nürnberg ist nicht dazu in der Lage, selbst Ablösesummen von 1,5 Millionen Euro zu stemmen."

Deswegen dürfe man sich keinen Fehlschuss erlauben: "Wenn wir Geld in die Hand nehmen, muss der Transfer sitzen."

Keine leichte Aufgabe für Hecking und seinen Sportdirektor Martin Bader, der im Schatten des Trainers maßgeblich an der Entwicklung in Nürnberg beteiligt ist.

Bader ist sogar Realist genug, nicht auf Teufel komm raus Hecking zum Bleiben überreden zu wollen.

Dessen Kontrakt verlängert sich im Falle des Nichtabstiegs eh automatisch bis 2012, aber: "Sollte ein großer Verein kommen, nützt uns doch kein Vertrag der Welt etwas."

"Es geht nur um unsere Entwicklung"

Dennoch sei der Kurswechsel in der Vereinspolitik der richtige Schritt gewesen.

Bader: "Qualität zu leihen, jungen Spielern eine Chance zu geben und dennoch weiter auf erfahrene Führungsspieler zu setzen, war eine gute Entscheidung."

Die Nürnberger genießen den Moment.

"Es wäre der größte Fehler, jetzt nach links und rechts zu schauen, es geht nur um unsere Entwicklung", sagte Andreas Wolf den "Nürnberger Nachrichten".

Denn eines ist sicher: Es kommen wieder die Zeiten, in denen der Club nicht von der Europa League träumen darf.

Und prompt erinnert sich Wolf auch an den zweiten Teil seiner Fußball-Floskel: "Dann würden wir auch zusammen verlieren."

Auch das wird wieder passieren.

Zum Forum - hier mitdiskutieren!Zurück zur Startseite

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel