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Tuchel trat im Sommer 2009 die Nachfolge von Andersen als Mainzer Trainer an © imago

Die Trainerwechsel gehen weiter. Der Präsident der Deutschen Fußball-Lehrer fordert von den Vereinen mehr Kontinuität und Mut.

Von Maik Rosner

München - Der Rauswurf von Michael Skibbe in Frankfurt war der nächste Höhepunkt der verrückten Trainertage in der Bundesliga.

Täglich grüßt woanders das Murmeltier, mal heißt es Magath, mal Rangnick, nun Christoph Daum. Und dann gibt es noch ein paar lahme Enten wie Bayerns Louis van Gaal. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

Gerade einmal in sieben von 18 Mannschaften wurde in der laufenden Spielzeit kein Trainerwechsel vorgenommen. 369253(ZUR DIASHOW: Das verrückte Trainerkarussell)

Zehn Mal musste ein Coach schon den Stuhl räumen, zählt man Seppo Eichkorns Kurzzeitaushilfe auf Schalke hinzu, waren es sogar elf.

Nicht eingerechnet sind die zum Saisonende scheidenden van Gaal, Jupp Heynckes (Leverkusen) und Robin Dutt (Freiburg).

Löw schlägt Alarm

Nach Bundestrainer Joachim Löw schlugen nun auch DFB-Sportdirektor Matthias Sammer und Teammanager Oliver Bierhoff Alarm.

"Generell müssen wir aufpassen, dass die Seriösität der Liga nicht leidet", sagte er angesichts des anhaltend schwungvollen Trainerkarussells.

Auch Horst Zingraf, Präsident des Bundes Deutscher Fußball-Lehrer (BDFL), verfolgt die Entwicklung mit Sorge.

Der 71-Jährige fordert von den Vereinen im Gespräch mit SPORT1 mehr Kontinuität und glaubt, dass künftig mehr Trainer vom Schlage des Mainzers Thomas Tuchel den Sprung in die Bundesliga schaffen.

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Zingrafs Idealbild: "Der Trainer passt zu der Kultur eines Vereins und man nimmt sich auf beiden Seiten Zeit. Die Arbeit müsste auf Kontinuität ausgelegt sein, denn Qualität braucht Zeit."

Die aktuelle Entwicklung schätzt er aber nicht als Trend ein, eher sei sie eine Folge der besonderen Umstände der Saison.

"Wir haben in jedem Jahr um diese Zeit Probleme, weil Ziele nicht mehr erreichbar scheinen. Aber in diesem Jahr tritt das massiv auf", sagt der ehemalige Torwart und Trainer des 1. FC Saarbrücken.

Dort war er einst Vorgänger und Nachfolger von Otto Rehhagel.

Falsche Erwartungen

Zingraf erklärt die aktuelle Kettenreaktion so: "Es kamen positiv überraschende Mannschaften nach oben. Andere, die die Plätze von Hannover, Mainz und Freiburg fest eingeplant haben, stehen im Abstiegskampf. Dadurch kommt eine ganz andere Dynamik herein."

Und am aktuellen Beispiel Skibbe sei zu sehen: "Manchmal führt auch eine zu gut gelaufene Hinrunde dazu."

Falsche Erwartungshaltungen seien oft die Ursache der Trennungen.

Bruchhagen "umgefallen"

Der Präsident der Fußball-Lehrer ist dennoch überrascht, dass bei Eintracht Frankfurt der Vorstandsvorsitzende Heribert Bruchhagen "umfiel", nach einem 2:1-Sieges gegen den FC St. Pauli.

Zumal Bruchhagen sonst stets um Kontinuität bemüht gewesen sei.

Studie: WM hat Einfluss

Die These, dass in dieser Saison offenbar besondere Umstände zu der Welle von Trainerentlassungen führten, stützt auch eine Studie der Technischen Universität München.

Demnach könnten die Rausschmisse in Serie eine Spätfolge der Abstellungen für die WM in Südafrika sein. Darauf weist jedenfalls eine Untersuchung der Münchner Forscher hin.

Teams der gefeuerten Trainer mussten im Durchschnitt 6,0 WM-Abstellungen leisten. Von jenen Teams, die ihren Trainern weiter vertrauen, haben durchschnittlich nur 1,9 Spieler an der WM teilgenommen.

Weniger WM, mehr Erfolg

Die Studie wurde am Lehrstuhl für Trainingswissenschaft und Sportinformatik erstellt. Dabei wurde festgestellt, dass die deutschen Vereine in sehr unterschiedlichem Ausmaß Spieler abgestellt haben.

Führend ist der FC Bayern München (13 Abstellungen), gefolgt von Wolfsburg (9), Hamburg (8), Stuttgart (6) und Schalke (6).

Überall wurde der Trainer gewechselt, bei den Bayern wurde die vorzeitige Trennung von van Gaal zum Saisonende jüngst beschlossen.

Am Ende dieser Tabelle stehen Kaiserslautern und St. Pauli (0), gefolgt von Freiburg und Mainz (1) sowie Dortmund und Nürnberg (2).

Keiner dieser Klubs hat den Trainer entlassen, alle gehören zu den Überraschungsmannschaften der Saison.

Wechselfristen für Trainer?

BDFL-Präsident Zingraf glaubt derweil, dass sich die jüngsten Turbulenzen auf dem Trainermarkt wieder beruhigen und in der kommenden Saison in diesem Ausmaß nicht wiederholen werden.

Wechselfristen für Trainer, wie unter anderem von van Gaal angeregt, hält er für überflüssig.

Vielmehr hofft er auf den Mut der Vereine, künftig jungen Übungsleitern wie Tuchel eine Chance zu geben.

Tuchel als Beispiel für die Zukunft

"Es ist ja ein großer Vorteil, wenn ich die Arbeit meines A-Juniorentrainers über längere Zeit beobachten kann, wie in Mainz mit Tuchel geschehen. Dann kann ich fast ausschließen, dass ich mich irre", sagt Zingraf.

Und weiter: "Ich habe eine Langzeitbeurteilung und nicht eine zufällige, weil irgendwo gerade ein Trainer frei wird, von dem es heißt, der sei gut. Ich glaube, dass wir Beispiele wie Tuchel häufiger erleben werden in der Zukunft."

Besondere Pointe

Das Beispiel des Vizepräsidenten Profifußball des BDFL sollte dagegen nicht unbedingt Schule machen.

Er sorgte im Trainer-Wechselwahnsinn für eine besondere Pointe. Binnen einer Woche saß er bei zwei Vereinen auf der Bank.

Sein Name: Felix Magath.

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