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Michael Oennings war von 2008 bis 2009 bereits Chef-Trainer beim 1. FC Nürnberg © getty

HSV-Trainer Michael Oenning spricht im SPORT1-Interview über das Trainerkarussell, seine Zukunft und den perfekten Einstand.

Von Andreas Berten

München - Noch vor den EM-Qualifikationsspielen ist Michael Oenning in die Schweiz gereist.

Beruflich natürlich, die Grasshopper Zürich haben gegen den FC Basel gespielt.

Nun ist der neue Trainer des Hamburger SV nicht aus purem Spaß am Schweizer Fußball nach Zürich gefahren. Er nahm viel mehr zwei potenzielle Neuzugänge, die Baseler Xherdan Shaqiri und Valentin Stocker, unter die Lupe.

Der 45-Jährige bastelt aktiv mit an der Zukunft des krisengeschüttelten HSV - obwohl Oenning noch gar nicht weiß, ob er auch in der neuen Saison noch Cheftrainer ist.

Aber irgendjemand muss ja diese Aufgaben erfüllen. Schließlich beginnt der neue Sportchef Frank Arnesen seine Arbeit erst am 1. Juli.

Eine Situation, mit der Oenning aber kein Problem hat. Und das, obwohl hinter seinem Rücken offenbar schon über seinen Nachfolger spekuliert wird. Morten Olsen soll ein Kandidat gewesen sein.

Im SPORT1-Interview spricht der Coach außerdem über den mächtig in Verruf geratenen Trainerstand und warum er eigentlich nicht noch mal "Co" werden möchte.

SPORT1: Herr Oenning, Sie waren einer der Ersten, die das Trainerkarussell in Gang gesetzt haben. Sie aber sind von der Kritik verschont geblieben, die nach den Neuanstellungen Ihrer Kollegen Magath und Rangnick auf die gesamte Branche hereingeprasselt ist...

Michael Oenning: Es ist sehr bedauerlich, dass Trainer nur noch eine Halbwertszeit von elf Monaten haben. Im Fußball ist es so, dass man überhaupt nicht mehr die Planungssicherheit hat. Es werden Projekte gestartet, bei denen man Geduld einfordert - was aber in der Praxis nie umgesetzt wird. Das halte ich für bedenklich.

SPORT1: Von Söldnern war da die Rede, von fehlender Seriosität. Können Sie solche Vorwürfe nachvollziehen?

Oenning: Das ist mir viel zu pauschal. Jeder Verein, der sich für einen Trainer entscheidet, hat sich dabei etwas gedacht und geht davon aus, dass er den bestmöglichen Mann bekommen hat. Dann kann man ihn natürlich hinterher nicht wieder wegschicken und sagen: Es war alles verkehrt. Da sind auch Vereine in der Fürsorgepflicht.

[kaltura id="0_ev4johdy" class="full_size" title="Lattek Das ist kein guter Stil "]

SPORT1: Sie befinden sich auch in einer komischen Situation. Sie haben einen Vertrag bis 2012, fungieren nun als Cheftrainer, wissen aber nicht, ob Sie das auch in der neuen Saison sein dürfen...

Oenning: Ja, aber der Situation war ich mir bewusst, als ich gefragt wurde. Es ist ja auch eine Chance. Mir wurde ja nicht gesagt, dass ich nur eine begrenzte Anzahl von Spielen habe. Ich habe jetzt die Möglichkeit, mit der Mannschaft zu arbeiten und werde versuchen, das so erfolgreich wie möglich zu machen.

SPORT1: Keine leichte Aufgabe, in so einer Situation sich als Chefcoach aufzudrängen. Zumal es auch immer wieder heißt, Arnesen könnte einen neuen Trainer mitbringen.

Oenning: Ich habe das von ihm noch nicht gehört, sondern auch nur gelesen. Entscheidend ist natürlich auch, wie erfolgreich ich mit meiner mir im Moment anvertrauten Mannschaft bin.

SPORT1: Es war für einen aufstrebenden Chefcoach eher ungewöhnlich, dass er wie Sie beim Antritt in Hamburg ins zweite Glied zurückgerutscht ist. Warum haben Sie sich entschieden, noch einmal "Co" zu werden?

Oenning: Ich war von dem Projekt in Hamburg von Anfang an überzeugt. Der Reiz des HSV war so groß, dass ich gerne gesagt habe: Ich mache das.

SPORT1: Als solcher müssen Sie sich auch mit Spielern auseinandersetzen, denen wie Frank Rost nach dem Bayern-Spiel der Kragen platzt. Mögen Sie solche Akteure?

Oenning: Man darf die Dinge nicht alle über einen Kamm scheren. Natürlich mag ich mündige Spieler, die nicht nur etwas zu sagen haben, sondern die auch Prozesse in Gang bringen oder sie anhalten. Wir haben mit Frank Rost eine bedeutende Persönlichkeit der Bundesliga. Trotzdem hat sich auch Frank gewissen Spielregeln zu unterwerfen.

SPORT1: Für Rost ist der HSV ein "wankender Riese". Herrscht in dem Verein eine große Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit?

Oenning: Der Verein verändert sich, er regt sich. Es gibt immer mal Phasen, wo es besser geht. Wir haben jetzt eine Phase hinter uns, die äußerst schwierig war. Aber darin liegt auch die Chance für die Zukunft, dass man wieder in ruhigeres Fahrwasser kommt und zurückfindet zu rein sportlichen Themen.

SPORT1: Sie selbst hatten einen Super-Einstand mit dem 6:2 über Köln. Sind Sie froh, dass sich in der Länderspielpause die Wellen nach turbulenten Wochen wieder legen können?

Oenning: Was wir genießen, ist die Ruhe nach dem Spiel. Dass wir endlich auch mal wieder mit einem guten Gefühl in die Trainingsarbeit gehen können. Dadurch dass wir viele Nationalspieler haben, müssen wir aber im Moment mit einer kleinen Gruppe trainieren. Wir können daher leider nicht direkt daran ansetzen, wo wir aufgehört haben.

SPORT1: Was muss sich noch ändern, damit der HSV noch das internationale Geschäft erreicht?

Oenning: Wir sind mit dem Weg der kleinen Schritte ganz gut beraten. Wir wollen auf dieses gelungene Spiel aufbauen und mit dem Gefühl ins Spiel in Hoffenheim gehen, dass wir in der Lage sind, eine gute Leistung zu zeigen. Da müssen wir erstmal wieder bestehen und nach Möglichkeit auch drei Punkte holen. Ob wir uns oben noch einmal hereinmogeln können, muss man abwarten.

SPORT1: Niemand weiß, wie das Team in der kommenden Saison aussieht. Ruud van Nistelrooy soll auf dem Sprung sein. Zudem heißt es, der Verein wolle Petric und Elia zu Geld machen für den Neuanfang. Beschäftigen Sie sich auch schon mit Planungen?

Oenning: Die Planungen laufen schon lange, Gedanken machen wir uns täglich. Natürlich ist man auch immer abhängig von den Spielern, dass man das deckungsgleich bekommt. Dass Spieler, die man behalten möchte, auch bleiben oder dass Spieler bekommt, die man dazu haben möchte. Das ist ein Prozess, der von der sportlichen Führung angegangen wird. Bei allen Aufgaben, bei denen ich unterstützen kann, werde ich das auch tun.

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