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Schiedsrichter Aytektin brach das Spiel in der 88. Minute ab © getty

Nach dem Spielabbruch gegen Schalke drohen dem Kiez-Klub schwere Konsequenzen. Der Coach bedauert. Es gibt auch Schiri-Kritik.

Von Dustin Werk

München - Die Gesichter auf St. Pauli waren lang. Es schien beinahe so, als ob das 0:2 im Abstiegskampf gegen den FC Schalke 04 dabei fast keine Rolle spiele.

Vielmehr überwog das Entsetzen über den geworfenen Bierbecher, der Schiedsrichter-Assistent Thorsten Schiffner (Konstanz) im Nacken traf, und 90 Sekunden vor Abpfiff zum Spielabbruch führte.

"Man wirft in einem Fußball-Stadion keine Bierbecher aufs Feld", erboste sich Holger Stanislawski bei LIGA total!.

Und St. Paulis Trainer ergänzte: "Dieser Drang, irgendwas aufs Feld zu werfen, ist schon krass. Das ist nicht zu erklären, über solche Szenen brauchen wir nicht zu diskutieren." (373533Bilder des Spiels)

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Geisterspiel oder Platzsperre?

Diskutieren werden jetzt allerdings die Herren des DFB:

Die Konsequenzen der von Kiez-Klub-Torwart Pliquett bezeichneten "Scheißaktion" reichen von einer hohen Geldstrafe über ein Geisterspiel bis hin zu einer noch härter treffenden Platzsperre.

Für die stark abstiegsbedrohten Hamburger wäre ein Geisterspiel ein herber Nachteil: Die nächsten beiden Gäste am Millerntor heißen schließen Werder Bremen und FC Bayern.

Ein Wiederholungsspiel wird es aller Voraussicht nach nicht geben. Nur über die Höhe des Sieges für Schalke wird wohl noch verhandelt werden. Realistisch ist, dass es beim 2:0 für die Königsblauen bleibt.

Der Kontrollausschuss wird sich kommende Woche mit dem Fall und möglichen Strafen befassen.

Zwei Pauli-Platzverweise

Soweit die rechtlichen Konsequenzen - der sportliche Schaden durch die Niederlage ist nicht weniger dramatisch.

Nach den Toren von Raúl (26.) und Julian Draxler (66.) wäre es für St. Pauli die sechste Pleite in Folge.

Mit Jan-Philipp Kalla (68.) durch eine Gelb-Rote sowie Fin Bartels (78.) durch eine Rote Karte flogen zudem zwei Akteure vom Platz.

"Wir sind natürlich über das Ergebnis enttäuscht. Mit zwei Platzverweisen wird es nicht einfacher", klagte Mittelfeldspieler Fabian Boll. "Wir müssen das erst mal sacken lassen."

Boll kontra Fandel

Im Nebenberuf Kriminalkommissar stellte ausgerechnet Boll die Entscheidung von Schiedsrichter Deniz Aytekin (Oberasbach) in Frage: "Es ist unnötig, Gegenstände zu werfen, aber auch unnötig, das Spiel abzubrechen."

Das sah Herbert Fandel anders: "Der Spielabbruch ist gerechtfertigt."

Und der DFB-Schiedsrichter-Boss ergänzte: "Wenn ein Mitglied des Schiedsrichter-Teams durch einen Angriff oder Gegenstand zu Boden geht, muss der Schiedsrichter das Spiel beenden."

Stanislawski mit Aussetzer

Wie es überhaupt zu der aufgeheizten Stimmung im Stadion gekommen war, muss sich im Nachhinein auch Stanislawski fragen.

Der Coach pöbelte nach einer Freistoß-Entscheidung gegen den Schiedsrichter: "Aufgestützt! Der macht sich doch lächerlich. Aufgestützt! Da werde ich ja wahnsinnig. Pfeife!"

Sein Geschrei garnierte Stanislawski mit einem "Vogel" in Richtung Aytekin.

Nach dem Spiel kanalisierte sich die Wut des Trainers allerdings auf den Becherwerfer:"Ich kann mich nur für diesen Vollhonk entschuldigen. Der soll sich das Ding von mir aus selbst an den Kopf werfen."

Schwerer Imageschaden

Zu der ohnehin schwierigen sportlichen Situation kommt für St. Pauli noch der Image-Verlust hinzu:

"Das ist absolut scheiße und wirft ein ganz schlechtes Bild auf uns", befand Towart Pliquett. Für Pauli-Manager Helmut Schulte "darf so etwas auf keinen Fall passieren. Der Täter wird zur Rechenschaft gezogen."

Genau dieser Täter ist es, der laut Schalke-Trainer Ralf Rangnick "als Idiot die ganze Fankultur eines Vereins in den Topf wirft."

Polizei verhaftet Verdächtigen

Manuel Neuer wiederum nahm sich auf seiner "Facebook"-Seite den Becher-Werfer gar als "Schwachkopf" zur Brust: "Da gewinnen wir 2:0 und können uns doch nicht richtig freuen."

Während das Opfer der Bierwerfers noch mit Schwindelgefühlen in der Schiedsrichter-Kabine von einem Notarzt versorgt wurde, schnappte die Polizei den vermeintlichen Täter.

Der bestreitet die Tat. Die Beamten suchen nun nach Zeugen. Unterdessen wurde der Verdächtige wieder auf freien Fuß gesetzt.

Verletzungen bei Schalke

Schaden trug aer nicht nur der Kiez-Klub davon: Die Schalker, bei denen sich Rangnick seine Trainer-Rückkehr sicherlich anders vorgestellt hatte, plagen vor dem Viertelfinal-Hinspiel in der Champions-League gegen Inter Mailand vor allem Verletzungen.

Christoph Metzelder erlitt einen Nasenbeinbruch, Mario Gavranovic eine Blessur an der Syndesmose und Mittelfeldmotor Peer Kluge eine Bauchmuskelzerrung.

"Zumindest bei Christoph haben wir die Hoffnung, dass er vielleicht mit einer Gesichtsmaske spielen kann", so Rangnick, "aber mit dem Erfolg von St. Pauli im Rücken fährt es sich etwas leichter nach Mailand."

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