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Angriffe auf den Machtmensch: Uli Hoeneß gilt als Seele des FC Bayern © getty

Die Anfeindungen gegen FCB-Präsident Hoeneß sind Höhepunkt eines ligaweiten Phänomens. SPORT1 zeigt Beispiele und nennt Gründe.

Von Maik Rosner

München - Als sich Nationaltorwart Robert Enke das Leben nahm, gingen die Bilder der trauernden deutschen Fußball-Familie um die Welt.

Einen menschlicheren Umgang forderten viele, es war von den Auswüchsen des Profi-Sports die Rede, die es zu stoppen gelte. Die Trauerfeiern waren allerdings auch eine gigantische Inszenierung.

Das merkt man spätestens anderthalb Jahre danach.

Denn nun erlebt die Bundesliga ein Phänomen, bei dem von einem menschlichen Umgang nicht die Rede sein kann. Im Mittelpunkt steht Bayern Münchens Präsident Uli Hoeneß.

Ein Machtmensch, den Teile der Fans gerade fertig machen wollen. So sah das am Samstag jedenfalls aus.

Doch auch anderswo sind Auswüchse der Fanokratie zu beobachten. Nur auf sie zu zeigen, wäre allerdings zu einfach. Ein Überblick samt Ursachenforschung.

Der Fan-Forscher Gunter A. Pilz findet, die massiven Anfeindungen gegen Hoeneß seien "durch nichts mehr zu rechtfertigen, jede Grenze des Geschmacks und des Vertretbaren" sei überschritten.

"Hass und Gewalt" werde geschürt, sagte der Sportwissenschaftler der Uni Hannover in einem "tz"-Interview: "Man greift den eigenen Verein an, der eine soziale Ader erkennen lässt."

Hoeneß hatte sich für die Rettung des Stadtrivalen und Arena-Untermieters 1860 engagiert, nachdem dem Zweitligsten die Insolvenz drohte.

Am Samstag beim 1:0 gegen Borussia Mönchengladbach machten zahlreiche Fans ihrem Unmut Luft und schossen dabei über das Ziel hinaus 374876(DIASHOW: Die Protestplakate gegen Uli Hoeneß) . Als "Lügner" hatten sie Hoeneß unter anderem beschimpft.

"Form von Gewalt"

Mit der Argumentation, ihr Verhalten sei kleingeistig, wird ihnen nicht beizukommen sein. Einsicht ist kaum zu erwarten.

Pilz warnt deshalb auch, dass sich an der Münchner Gruppierung "Schickeria" und den sympathisierenden Fanklubs andere ein schlechtes Beispiel nehmen könnten.

[kaltura id="0_9601v7xg" class="full_size" title=" Es hat mich schockiert "]

Und zwar an "einer Form von Gewalt", wie er die persönlichen und medial wirksamen Attacken auf Hoeneß und den Nationaltowart Manuel Neuer einstuft.

Er fordert ein Einschreiten des DFB und der DFL, notfalls müssten Stadionverbote verhängt werden.

"Wenn es nun in München kein abschreckendes Signal gibt, kann es anderswo zusätzlich Gruppierungen ermutigen, so aufzutreten", sagte Pilz.

Offener Brief von 130 Fanklubs

Es ist unklar, wie verbreitet die Parolen der "Schickeria" wirklich unterstützt werden.

Manfred Straßer, Vorsitzender des Fanklubs "De Rodn Waginga", berichtete in der "SZ" von angedrohter Gewalt, sofern man sich nicht an Aktionen beteiligt hätte und schlug nun eine Pro-Hoeneß-Gegenaktion vor.

Die soll es im kommenden Heimspiel gegen Bayer Leverkusen offenbar geben. Der Aufstand der Anständigen sozusagen.

Laut "Club Nr. 12", Dachverband der Bayern-Fans, unterstützten vor dem Spiel gegen Gladbach allerdings 130 Fanklubs einen offenen Brief, in dem die Anhänger Hoeneß an die Versprechen auf der zurückliegenden Jahreshauptversammlung erinnern. Hoeneß hatte angekündigt, das "Fass ohne Boden" 1860 nicht mehr zu unterstützen.

Kapellenchef Hoeneß

Schon vorher hatte er gesagt: "Wenn uns der TSV 1860, aus welchen Gründen auch immer, bitten sollte, aus dem jetzigen Vertrag auszusteigen, dann werde ich die Kapelle, die die Sechziger aus dem Stadion begleitet, persönlich mit dem Defiliermarsch anführen."

Vorstand, Spieler und Präsidium des FC Bayern haben die Attacken gegen Hoeneß inzwischen "aufs Schärfste" verurteilt und nannten sie "unverschämt und nicht akzeptabel".

Zudem wurde auf die Pflicht hingewiesen, die drohende Insolvenz des Stadtrivalen abzuwenden, um Schaden vom FC Bayern zu vermeiden.

Auch anderswo kochte die Fan- und Mitgliederseele zuletzt hoch. Bei Schalke 04 wurde der Antrag des damaligen Trainers und Managers Felix Magath abgelehnt, Grenzen für Transfers aufzuheben. Magath musste wenig später gehen.

Beim 1. FC Köln gab es auf der zurückliegenden Jahreshauptversammlung ein Misstrauensvotum gegen Präsident Wolfgang Overath. "Das ist ja fast eine Revolution", sagte Overath damals.

Beim VfL Bochum sorgten die Fans schon vor längerer Zeit für den Abtritt von Präsident Werner Altegoer - nach 17 Jahren im Amt.

Fan-Chef im Aufsichtsrat

Nach massiven Protesten musste beim Hamburger SV zuletzt auch der Vorstandsvorsitzende Bernd Hoffmann gehen.

Beim HSV sitzt der Anwalt Ralf Bednarek im Aufsichtsrat. Der 36-Jährige ist zugleich Chef der einflussreichen Fan-Vereinigung "Supporters" mit 63000 Mitgliedern.

"Die Bayern-Fans haben die Grenze überschritten", sagte Bednarek der "Bild". Doch warum begehren die Anhänger immer stärker auf?

Ein möglicher Grund: Fußball ist immer mehr zum Geschäft geworden, das die Fans zu wesentlichen Teilen über teure Eintrittskarten und Merchandising-Produkte, über Pay-TV und als Kunden der Werbepartner finanzieren.

Nur zahlen und applaudieren?

Der Fan ist Konsument, allerdings will er nicht nur wie im Kino stumm zuschauen, sondern auch Gehör finden. Nur viel zahlen und artig applaudieren funktioniert nicht.

Zumal das Fußball-Geschäft die ruppigen Umgangsformen häufig vorlebt.

Jüngste Beispiele: Torwart Tim Wiese, der seinem Kollegen Jens Lehmann wegen einer recht harmlosen Kritik die geschlossene Anstalt empfahl.

Oder eben Hoeneß, der zuweilen heftig austeilt. Über Frankfurts Vorstandsvorsitzenden Heribert Bruchhagen sagte er zuletzt, der müsse wohl ein Pülverchen im Kaffee gehabt haben, als er sich zu der Verpflichtung des ehemaligen Kokain-Konsumenten Christoph Daum entschloss.

Die Auswüchse der Fanokratie sind dadurch zwar nicht zu rechtfertigen, aber zumindest in Teilen erklärbar.

Die hehren Absichten alle Beteiligter nach dem Tod von Robert Enke scheinen in Vergessenheit geraten zu sein.

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