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Der FC St. Pauli kehrte zum 100. Geburtstag des Vereins 2010 in die Bundesliga zurück © getty

Der Becherwurf gegen Schalke rückt den FC St. Pauli in ein schlechtes Licht. Die Krise des Kiez-Klubs schwelt schon länger.

Von Matthias Becker

München - In den Stadien vieler Profi-Klubs gehört es inzwischen fast schon zum guten Ton, vor Spielbeginn "Gerry The Pacemakers" aufzulegen.

"You'll never walk alone" schallt es bei jedem noch so frisch empor gekommenen Verein aus den Boxen, als seien Fans und Spieler schon jahrzehntelang gemeinsam durchs Feuer gegangen.

Beim FC St. Pauli nahm man den Anhängern das Bekenntnis bis zum vergangenen Freitagabend noch am ehesten ab.

Kurz vor Spielschluss stimmten die Fans beim Stand von 0:2 (seit Dienstag auch offiziell der Endstand) gegen den FC Schalke die Hymne an - dann holte der Bierbecher-Werfer von der Haupttribüne zu seinem fatalen Schwung gegen Schiedsrichter-Assistent Thorsten Schiffner aus.

Auf den FC St. Pauli fiel durch diese Aktion ein schlechtes Licht. Denn so sehr die Verantwortlichen herbei beschworen, dass der Werfer "alone" gehandelt hätte, also ein Einzeltäter sei, so wenig ließ sich diese Hoffnung aufrecht erhalten.

Schon während des gesamten Spiels flogen immer wieder Bierbecher, Feuerzeuge und Münzen Richtung Spielfeld, zwei Minuten vor Schluss gab es eben nur den ersten Treffer.

Auch die Erinnerung an das Hinrundenspiel gegen Kaiserslautern, als FCK-Profi Christian Tiffert nach der Partie von einem Schneeball im Gesicht getroffen wurde, kommt nun wieder hoch.

Das Image der "Kiezkicker", die vom DFB zusätzlich noch mit einem "Geisterspiel" und einer hohen Geldstrafe belegt werden könnten, hat deutliche Kratzer abbekommen. Die heile Welt gibt es offensichtlich nicht mal mehr am Millerntor.

Rauball fordert Stadionverbot

Von offizieller Seite können die Hamburger keine Milde erwarten, auch wenn sich die Empörung vor allem gegen den Becherwerfer richtet.

"In diesem Fall sollte man ein Exempel statuieren und ein lebenslanges Stadionverbot gegen den Täter aussprechen", forderte DFL-Präsident Reinhard Rauball.

Die Bekanntgabe der Strafe für die Hamburger steht weiterhin aus, die Entscheidung will das Sportgericht des DFB "noch in dieser Woche" fällen.

"Ernüchternd und beschämend"

Als "ernüchternd, schockierend und beschämend", bezeichnete das Präsidium des FC St. Pauli die Geschehnisse vom Freitag in einem offenen Brief und stellte fest: "Ein solches Gebaren entspricht nicht dem Geist und den Idealen unseres Vereines."

[kaltura id="0_kqi8iz2u" class="full_size" title="Stanislawski Das ist kein Fan "]

Wie weit es mit diesen Idealen noch bestellt ist, darüber sind sich aber nicht einmal mehr die Fans einig. Schon seit geraumer Zeit versuchen die "Sozialromantiker" mit Petitionen und Aktionen gegenzusteuern.

Die zunehmende Kommerzialisierung ist der Gruppierung ein Dorn im Auge.

Sehr offensives Merchandising und auch die Vermietung einer Loge an "Susis Show-Bar" - eine Einrichtung mit Kiez-tauglichem Entertainmentprogramm - sind nur zwei Kritikpunkte an der Vereinsführung.

Überraschende Kessler-Ausbootung

Diese Konflikte zerren am Zusammengehörigkeitsgefühl, lange Zeit der einzige Wettbewerbsvorteil des finanziell nicht üppig ausgestatteten FC St. Pauli im Profi-Geschäft.

Auch im Kader herrscht nicht nur eitel Sonnenschein. Am Freitag überraschte Trainer Holger Stanislawski mit der Ausbootung von Torhüter Thomas Kessler, über die Saison gesehen der wahrscheinlich beste Pauli-Profi.

Kessler ist bis 2012 vom 1. FC Köln an die Elbe ausgeliehen. Nach Informationen des "kicker" zog er vergangene Woche eine Vertragsoption, die das Leihgeschäft schon in diesem Sommer beenden würde.

"Nur für den Fall des Abstiegs", versichert Kessler zwar. Ein Zusammenhang zwischen Optionswarhnehmung und Degradierung ist aber zumindest denkbar, hatte Stanislawski in der vergangenen Woche doch mit eigens angefertigten Sweatshirts den Teamgeist zu beschwören versucht.

"Begründet hat er seine Entscheidung nicht", sagte Kessler über seine Verbannung auf die Bank.

Erinnerungen an 2002

Sechs Spiele vor Schluss ist das Bundesliga-Märchen 2011 des FC St. Pauli nicht auf dem Weg zu einem Happy End.

Seit dem umjubelten Derby-Erfolg gegen den HSV hat die Mannschaft sechsmal in Folge verloren und steht jetzt erstmals auf einem direkten Abstiegsplatz.

Das erinnert an das Jahr 2002: Damals schwang sich St. Pauli durch den legendären 2:1-Sieg gegen den FC Bayern zum "Weltpopkalsiegerbesieger" auf - und stieg anschließend ab.

Personalsorgen in der Abwehr

Wie die Wiederholung der Geschichte verhindert werden soll, ist angesichts der personellen Sorgen und des Restprogramms ungewiss.

Nach den Platzverweisen von Jan-Philipp Kalla und Fin Bartels gegen Schalke fehlen Stanislwaski schon sieben Defensivspieler. Am Sonntag geht es zudem zum Tabellenzweiten Bayer Leverkusen.

Die übrigen Gegner bis Saisonende: Wolfsburg, Bremen, Kaiserslautern, der FC Bayern und Mainz 05.

Da hilft vermutlich nur noch ein lauthalses "You'll never walk alone" - in der Hoffnung, dass der Song seine Magie auf St. Pauli trotz allem noch nicht endgültig verloren hat.

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