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Uli Hoeneß (l.) ist seit November 2009 Präsident des FC Bayern © getty

Präsident Uli Hoeneß nutzt die Trennung zur Generalabrechnung und sieht eine Entscheidung van Gaals als besonders verheerend an.

Vom FC Bayern berichtet Matthias Becker

München - In der größten Not haben die Bosse des FC Bayern zum allerletzten Strohhalm gegriffen:

Louis van Gaal ist seit Samstagabend als Trainer des Rekordmeisters beurlaubt, an seiner Stelle übernimmt der bisherige Assistent Andries Jonker die Mannschaft. (KOMMENTAR: Die nackte Angst der Bosse)

"Nach dem 1:1 gegen Nürnberg, dem erneuten Abrutschen auf Tabellenplatz 4 und der Gefahr, das Minimalziel, die Qualifikation für die Champions League nicht zu erreichen, wurde diese Entscheidung im Sinne des FC Bayern getroffen", erklärte der Verein. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

Auf der gemeinsamen Rückfahrt vom ernüchternden Remis in Nürnberg habe er als Präsident mit dem Vorstand die Situation diskutiert, erzählte Präsident Uli Hoeneß auf einer Pressekonferenz am Sonntag, "bei Ankunft in München stand die Entscheidung fest."

Van Gaal sei diese noch am Samstagabend mitgeteilt worden, er habe sie "sehr professionell aufgenommen", und habe "keine emotionale Regung gezeigt", berichtete Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge.

"Mit der Butt-Entscheidung fing die Scheiße an"

Hoeneß machte deutlich, wie zerrüttet das Verhältnis zwischen ihm als Präsident, dem Vorstand und van Gaal in den letzten Monaten war. Er nutzte den gemeinsamen Auftritt mit Rummenigge, Finanzchef Karl Hopfner und Sportdirektor Christian Nerlinger zur Generalabrechnung.

"Mit der Butt-Entscheidung fing die ganze Scheiße an", polterte Hoeneß mit Bezug auf van Gaals Torwartwechsel in der Winterpause von Routinier Jörg Butt zu Talent Thomas Kraft.

Die Vereinsführung habe van Gaal mehrfach über die Explosionsgefahr dieses Wechsels hingewiesen. Das Krafts Patzer beim Ausgleich in Nürnberg letztlich van Gaals Schicksal besiegelte, nannte Rummenigge die "Ironie des Schicksals".

[kaltura id="0_nlrmpcye" class="full_size" title="Das Ende f r van Gaal"]

Unzufriedenheit seit Wochen

Bereits seit vielen Wochen gäre es in der Vereinsspitze. Auch die schon nach der Niederlage in Hannover (1:3 am 5. März, Anm. d. Red.) beschlossene Trennung zum Saisonende habe den erhofften Effekt verfehlt, so der Ex-Stürmer weiter.

"Schon gegen Freiburg (2:1, d. Red.) und Gladbach (1:0) waren wir schwach", erinnerte sich Rummenigge an die zurückgegangenen Partien. Die nun erfolgte Entlassung van Gaals sei "Ausdruck von Unzufriedenheit, Sorge und Verantwortung" um den Verein:

"Es war unser Wille, die Saison mit van Gaal zu beenden, wenn das Minimalziel Platz 3 nicht ernsthaft infrage gestellt ist. Wir haben aber eine größere Verantwortung gegenüber dem Verein als gegenüber van Gaal."

"Spaß hat es lange nicht gegeben"

Schmutzige Wäsche wolle er nicht waschen, versicherte Rummenigge. Dem schloss sich Hoeneß zwar an, lederte dann aber doch los. "Van Gaal hat unseren Rat nicht angenommen", sagte Hoeneß - und erneuerte damit die Kritik aus seinem legendären TV-Auftritt im Oktober.

Der menschliche Umgang des Niederländers sei das größte Problem gewesen. "Erfolg ist die eine Sache, Spaß die andere. Und Spaß hat es in diesem Verein schon lange nicht mehr gegeben!", wetterte Hoeneß.

Einmal in Fahrt, war er nicht mehr aufzuhalten: "Dass die Mannschaft hinter ihm stand, ist ein Märchen." Zuletzt habe "pure Angst" die Aktionen einiger Spieler begleitet.

"Großes Vertrauen" in Jonker

Neben van Gaal wurden auch sein Torwarttrainer Frans Hoek, Video-Analyst Max Reckers und Trainingsphysiologe Jos van Dijk beurlaubt. Jonker dagegen darf bleiben und soll das Ruder in den verbleibenden fünf Spielen doch noch herumreißen und den Sprung auf Platz drei schaffen.

"Wir haben großes Vertrauen in ihn und glauben, dass er die Aufgabe meistern wird", lobte Sportdirektor Nerlinger den 48-Jährigen, dem in den kommenden Wochen als Assistenten Herman Gerland, Marcel Bout und Torwarttrainer Walter Junghans zur Seite stehen.

Man habe in der brenzligen Lage einen Mann gebraucht, der die Verhältnisse im Verein kenne, erläuterte Rummenigge die Entscheidung. Jonker habe in seiner "bemerkenswerten Antrittsrede" vor der Mannschaft angekündigt Gutes bewahren, aber auch einige Dinge verändern zu wollen.

Hoeneß erwartet "Explosion" der Mannschaft

In der Mannschaft sei die Nachricht von der sofortigen Trennung von van Gaal positiv aufgenommen worden, berichtete Rummenigge.

Die Kapitäne Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger wurden am Samstag nach van Gaal und Jonker über die Entscheidung informiert. "Von beiden Kapitänen gab es vollste Zustimmung", so Rummenigge.

Für die verbleibenden Spiele sei es nun wichtig "die Zwangsjacke abzustreifen", die das Team in den vergangenen Monaten gehemmt habe, erklärte Hoeneß. Schon im Spitzenspiel gegen Bayer Leverkusen und den nächsten Trainer Jupp Heynckes am kommenden Sonntag erwarte er eine "Explosion":

"Schon da werden wir eine ganz andere Mannschaft sehen."

Das ist auch bitter nötig, sonst war auch der Griff zum letzten Strohhalm vergebens.

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