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Louis van Gaal (r.) holte 2009/2010 das nationale Double mit dem FC Bayern © getty

Louis van Gaals Rauswurf beim FC Bayern war letztlich unvermeidlich. SPORT1 zeigt die Gründe für die Trennung vom Holländer auf.

Vom FC Bayern berichtet Matthias Becker

München - Es war die perfekte FC-Bayern-Idylle am Sonntag:

Strahlend blauer Himmel über dem Trainingsgelände an der Säbener Straße, die Profis alberten beim Fünf-gegen-Zwei herum, vom Spielfeldrand verfolgt von zahlreichen Fan-Ausflüglern in roter Merchandising-Ware.

Doch es fehlte etwas. Er fehlte: Louis van Gaal. (KOMMENTAR: Die nackte Angst der Bosse)

Gut 21 Monate nach seiner Vorstellung und kein Jahr nach dem legendären Auftritt als "Feierbiest" auf dem Münchner Rathausbalkon ist die Ära van Gaal beim FCB vorzeitig beendet.

Wie konnte es so weit kommen? SPORT1 geht auf Spurensuche.

Kraft-Patzer bringt "Fass zum überlaufen"

Wobei Suche schon der falsche Begriff ist.

Denn die Gründe für die hässliche Scheidung zwischen Deutschlands stolzestem und erfolgreichsten Fußballunternehmen und der niederländischen Ein-Mann-Expertenkommission präsentierte Bayern-Präsident Uli Hoeneß auf der Pressekonferenz auf dem Silbertablett.

"Mit der Butt-Entscheidung fing die ganze Scheiße an", polemisierte er in Erinnerung an den umstrittenen Torwartwechsel von Jörg Butt zu Thomas Kraft in der Winterpause:

"Der gestrige Tag war nur das Ende einer Kette, deshalb musste der Vorstand reagieren."

An diesem Samstag sorgte ein Patzer Krafts für das 1:1 beim 1. FC Nürnberg (Spielbericht).

Bayern ist fünf Spieltage vor Schluss nur noch Vierter, die Champions-League-Teilnahme ist in akuter Gefahr. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

Diese Gefahr war es aber nicht, die "das Fass zum Überlaufen brachte", wie Hoeneß schimpfte.

[kaltura id="0_nlrmpcye" class="full_size" title="Das Ende f r van Gaal"]

Wutrede von Hoeneß

Die ohne Not getroffene Entscheidung pro Kraft fasst eben nur exemplarisch zusammen, was den Bayern-Verantwortlichen an ihrem früheren "Wunschtrainer" nicht passte: seine Beratungsresistenz.

An der sei van Gaal letztlich gescheitert, bestätigte auch Franz Beckenbauer SPORT1.

Hoeneß, der das Thema schon im Oktober bei seinem TV-Angriff gegen den Niederländer aufgebracht hatte, führte es am Sonntag in einer wahren Wutrede wieder ins Feld:

"Es ist ja nicht das Problem, dass einer mal einen Fehler macht", sagte er zum Patzer von Kraft. Vielmehr sei durch van Gaals Maßnahme das gesamte Gefüge bei den Bayern ins Wanken geraten:

"Durch die Umstellung ist eine Unruhe in der ganzen Abwehr entstanden. Zudem wäre auch das Thema Manuel Neuer niemals so hoch gekocht und wir hätten keine Probleme mit der Südkurve bekommen", meinte er.

"Wir haben uns Probleme gemacht, die völlig unnötig waren und den gesamten Verein durcheinandergebracht haben. Das sollte sich Louis van Gaal mal überlegen."

Unterschiedliche Philosophien

Selbst wenn der Ex-Coach sich diese Worte zum Herzen nimmt, eine Meinungsänderung sollte niemand erwarten. Zu unterschiedlich waren die Vorstellungen über die Philosophie.

Van Gaal sieht sich als Talentförderer, als Mannschaftsentwickler. Im ersten Jahr in München führte er Thomas Müller und Holger Badstuber in die Nationalmannschaft, Bastian Schweinsteiger als Sechser zur Weltklasse.

Gleiches schwebte ihm wohl auch mit Kraft vor. Zuviel für die Bosse. Der FC Bayern sei kein Ausbildungsverein, sagte Hoeneß.

"Wir haben ihn aber schon damals darauf hingewiesen, welche Explosionsgefahr sich dahinter verbirgt", erklärte Rummenigge am Sonntag zur Kraft-Entscheidung.

"Er hat unseren Rat nicht angenommen"

Für Hoeneß ist klar: "Van Gaal hat unseren Rat nicht angenommen."

Das hätten die Bayern aber schon nach der Verpflichtung des Trainers wissen können. "Mia san Mia - und ich bin ich", dichtete van Gaal damals.

Ein erster Hinweis darauf, dass er keine Meinungen neben der eigenen zu erhören gedenke.

Bei der Präsentation seiner Biografie machte van Gaal Hoeneß und Rummenigge dann vor versammelter Presse lächerlich.

Deren Vorstellung von der Familie FC Bayern, wo die Spieler beim Vorstand immer ein offenes Ohr finden, ging ihm gegen den Strich.

Verdiente Profis wie Martin Demichelis und Mark van Bommel nahmen Reißaus.

Keine Transfers im Sommer

Dass van Gaal im Umkehrschluss auf finanzstarke Aktivitäten auf dem Transfermarkt - von jeher ein Machterhaltungsinstrument der Bayern - verzichtete, erwies sich als Kardinalfehler in der Saison nach dem Double.

In der Defensive fehlten die Alternativen, als Demichelis weg war und Badstubers Form einbrach.

Auch rätselhafte Coaching-Pannen verschafften van Gaal den Spottnamen "Fehlerbiest".

Regelmäßig fielen seine Spieler nach der Pause in ein rätselhaftes Leistungsloch. Vor allem auswärts versprühten die Bayern kaum noch Gefahr.

Plan B fehlt

Auch das Erfolgsrezept aus der Vorsaison wurde von immer mehr Gegnern entschlüsselt.

Spätestens als die Bayern im eigenen Stadion von Borussia Dortmund vorgeführt wurden, dürfte auch der Letzte gesehen haben, dass der taktische Plan B fehlte.

Der BVB stellte Arjen Robben und Franck Ribery konsequent zu, mit diesem simplen Mittel war die Torgefahr der Münchner fast schon gebannt.

"Unangreifbarkeit verflogen"

Durch den ausbleibenden Erfolg war auch die Unangreifbarkeit van Gaals verflogen.

Der berief sich auch nach Bekanntgabe der Trennung zum Sommer auf den Rückhalt innerhalb der Mannschaft. Aber war der wirklich noch da?

Hoeneß behauptete: "Dass die Mannschaft hinter ihm stand, ist ein Märchen."

So rechnete der einstige Manager am Ende gnadenlos mit dem Mann ab, der den FC Bayern im vergangenen Sommer fast zum märchenhaften Triple geführt hätte.

Denn die Champions League und damit Hoeneß' Traum von der Teilnahme des FCB am Finale 2012 in der Münchner Arena ist in akuter Gefahr.

"Van Gaal hat den Uli immer ein bisschen abserviert, und das macht man einfach nicht", erklärte Beckenbauer die Trennung:

"Das war wie bei einem Schneeball, der immer größer und größer wird - und nun ist er auseinandergebrochen."

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