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Jürgen Kohler wurde 2002 mit Borussia Dortmund Deutscher Meister © getty

Für Jürgen Kohler ist klar: Dortmund wird Meister. Bei SPORT! spricht der Ex-BVB-Verteidiger über die Borussia und Bayern.

Von Mathias Frohnapfel

München - An ihm war kaum ein Vorbeikommen.

Wo Jürgen Kohler stand, wurde in jeder Abwehr Beton angemischt.

Auch dank des eisenharten Verteidigers schnappte sich Borussia Dortmund 2002 seinen bisher letzten Meistertitel.

Härtester Konkurrent im Titelkampf damals: Bayer Leverkusen.

Kohler arbeitete später unter anderem als Sportdirektor bei Bayer. Er kennt daher beide Klubs bestens, die auch jetzt im Endspurt die Meisterschaft unter sich ausmachen werden (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

Im SPORT1-Interview spricht der Weltmeister von 1990 über seinen persönlichen Favoriten, die BVB-Viererkette und den Trainerwechsel beim FC Bayern.

SPORT1: Herr Kohler, welches Team wird im Mai seinen Fans die Schale präsentieren?

Jürgen Kohler: Ich glaube, dass Dortmund Meister werden wird. Weil sie einfach über die ganze Saison den schönsten Fußball gespielt haben. Und Leverkusen hat einen zu großen Rückstand.

SPORT1: Der BVB spielte lange Zeit sehr schön und erfolgreich. In letzter Zeit schwächelt das Team aber. Geht Dortmund die Puste aus?

Kohler: Also Leverkusen ist doch in der Verfolger-Rolle und muss immer hoffen, dass Dortmund einmal ausrutscht. Aber dafür haben die Borussen bisher zu konstant gespielt.

SPORT1: Gegen den HSV hat Dortmund viele Chancen nicht genutzt. Fehlt den jungen Spielern die Kaltschnäuzigkeit? Vorher lief alles wie von selbst. Ist das Glück jetzt aufgebraucht?

Kohler: Der BVB hat auch einige Spiele gewonnen, die man nicht unbedingt gewinnen muss. Das gleicht sich ja über die Saison oft wieder aus. Aber Dortmund hat einfach eine überragende Saison gespielt. Und deshalb bin ich auch felsenfest davon überzeugt, dass Dortmund Meister am Ende als Meister feiern kann. Ob es die fünf Punkte bleiben oder der Rückstand noch etwas geringer wird, muss man sehen.

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SPORT1: Wie bewerten Sie als ehemaliger Weltklasse-Verteidiger die BVB-Viererkette? Ist sie stabil genug für den Titel?

Kohler: Wenn ich mich richtig erinnere, ist das die Viererkette, die die wenigsten Gegentore zugelassen hat. Sie ist also sehr stabil. Trotz der vielen jungen Spieler ist die Mannschaft erfahren und gut eingespielt.

SPORT1: Sie erinnern sich bestimmt gerne an das Jahr 2002, als Sie im letzten Jahr Ihrer Karriere mit dem BVB Meister geworden sind. Dabei war damals Leverkusen lange vorne. Wie hat diese Aufholjagd funktioniert?

Kohler: Wir hatten damals in Hamburg gewonnen und ab dem Zeitpunkt war klar, dass wir an die Meisterschaft glauben. Die Leverkusener hatten eigentlich ein hohes Punktepolster.

SPORT1: Gereicht hat das für Bayer jedoch nicht. Warum?

Kohler: Sie haben es aus verschiedenen Gründen verspielt. Die entscheidenden Momente sind nicht für sie gelaufen sind, es gab Verletzungen etc. Und im Fußball muss man einfach bis zur letzten Sekunde an sich glauben und das haben wir damals gemacht. Wir haben Spiele häufig gedreht, auch in den Schlussminuten. Das hatte den Ausschlag gegeben. Und genau so wollte ich aufhören.

SPORT1: Der Titel wäre für Leverkusen Zugabe einer starken Saison, ihr Ziel, ein Champions-League-Platz, ist ja quasi erreicht. Ist Bayer damit schon zufrieden?

Kohler: Nein, das denke ich nicht. Die Leverkusener sind seit Jahren in der Spitzengruppe drin und irgendwann wäre es auch mal schön, wenn sie jetzt mal den Titel holen würden. Sie hatten auch immer gute Mannschaften. Und dann muss man einfach aufpassen, dass man nicht als ewiger Zweiter abgestempelt wird.

SPORT1: Jetzt muss Bayer zum FC Bayern. Sind die Leverkusener nach den letzten Durchhängern des FCB und der Entlassung van Gaals die Favoriten?

Kohler: Ich glaube, dass die Bayern in der Champions League spielen werden. Sie sind einfach das Aushängeschild der Bundesliga. Das muss man auch ganz nüchtern und objektiv so betrachten.

SPORT1: Bayern hat Louis van Gaal entlassen. Wie wird sich dieser Trainerwechsel auswirken (KOMMENTAR: Die nackte Angst der Bosse)?

Kohler: Die Spieler sind jetzt in der Bringschuld. Zumindest wenn man den Worten Glauben schenken mag, dass van Gaal sie eingeengt hat. Sie haben keine Ausreden mehr und können zeigen, was sie drauf haben. Vielleicht hat es aber auch an den Spielern gelegen, nicht am Trainer. Man neigt ja dazu, so etwas gerne auf den Trainer abzuwälzen, obwohl die Spieler die Protagonisten sind.

SPORT1: Uli Hoeneß hat in letzter Zeit oft Stellung bezogen, auch harte Kritik geäußert, obwohl er nicht mehr Manager ist. Sie kennen ihn auch seit vielen Jahren. Kann er als Präsident einfach nicht von seinem Klub lassen?

Kohler: Ich glaube, ohne ihn wären die Münchner nicht da, wo sie heut sind. Daran hat Uli Hoeneß den größten Verdienst. Der Uli hat den Verein geprägt und ihm seine Philosophie gegeben. Und er ist so lange schon im Geschäft und sehr, sehr erfahren. Wenn er nun kundtut, was ihn bedrückt oder nicht gefällt, ist das ganz legitim. Und solch einen Rat sollte man nicht ignorieren, sondern genau zuhören.

SPORT1: Ist es nicht merkwürdig, dass van Gaal von den Bayern-Bossen jetzt im Nachhinein wegen der Torwart-Entscheidung so scharf kritisiert wird? Ist das bei so einem verdienten Trainer gerechtfertigt (die Hintergründe der van-Gaal-Entlassung)?

Kohler: Da steckt ja viel mehr dahinter. Ob so etwas gerechtfertigt ist oder nicht, ist immer schwer zu sagen. Leider ist es heutzutage so, dass der Trainer das schwächste Glied ist. Damit muss man einfach leben. Aber van Gaals Erfolge, die er überall hatte, sind nicht von der Hand zu weisen.

SPORT1: Nun übernimmt sein bisheriger Assistent Andries Jonker. Ihre Einschätzung?

Kohler: Ich finde das wirklich verwunderlich, dass die Bayern an dem Co-Trainer festhalten. Von der Spielweise wird sich jetzt ja nichts ändern. Aber ich kenn die Interna nicht. Ich persönlich halte sehr viel von Hermann Gerland. Diese fünf Spiele erfolgreich zu gestalten und die Qualifikation zur Champions League zu erreichen, hätte ich ihm voll zugetraut.

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