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Holger Stanislawski kam 1993 von Concordia Hamburg zum FC St. Pauli © imago

Holger Stanislawski verlässt den Kiez-Klub. Mit 1899 sind nur noch Details zu klären. Vor dem letzten Heimspiel hat er Angst.

Von Maik Rosner und Rainer Nachtwey

München/Hamburg - 18 Jahre war Holger Stanislawski als Spieler, Vize-Präsident, Manager und Trainer beim FC St. Pauli.

Mit der "Volljährigkeit" verlässt der Coach den Kult-Klub.

Auf einer Pressekonferenz gab er seinen Abschied zum Saisonende bekannt.

"Mit mir geht das letzte Relikt aus alten Tagen, Tschüss bis bald. Ich werde immer den Totenkopf im Herzen tragen, der Verein hat mich mein halbes Leben begleitet", sagte der Erfolgscoach am Ende seiner 40-minütigen Rede, es fiel ihm unsagbar schwer, dabei die Fassung zu bewahren.

Es flossen bei ihm die Tränen, mehrfach brach ihm die Stimme. Es war eine hochemotionale Ansprache. (EINWURF: Großer Verlust - großer Gewinn)

"Es ist Zeit für eine Veränderung, auch deshalb, weil die letzten Jahre so viel Kraft gekostet haben", sagte der 41-Jährige.

Dauerkarte auf Lebenszeit

Sein Vertrag wäre ursprünglich noch bis 2012 gelaufen. Sportchef Helmut Schulte war es nicht gelungen, ihm die Vertragsklausel abzukaufen, wonach er für eine Ablösesumme von 250 000 Euro Hamburg verlassen kann.

"Ich verliere meinen absolut wichtigsten Mitarbeiter, mit dem ich jeden Tag der Zusammenarbeit genossen habe", erklärte Schulte.

Dem scheidenden Coach versprach er eine Dauerkarte auf Lebenszeit und bekräftige einen Präsidiumsbeschluss, demzufolge Stanislawskis alte Rückennummer 21 auch in Zukunft an keinen anderen Spieler mehr vergeben wird.

Freude und Angst vorm letzten Heimspiel

Zuvor hatte er gemeinsam mit Stanislawski und Präsident Stefan Orth bereits das Team informiert.

Auch die Profis reagierten geschockt. "Das war ein ganz brutaler Gang, den ich nicht vielen Menschen wünsche. Da kam zum Vorschein, dass ich auch einen weichen Kern habe", sagte der einstige eisenharte Vorstopper.

Einen sehr emotionalen Moment erwartet Stanislawski auch beim letzten Heimspiel gegen den FC Bayern.

"Egal, was zuletzt vorgefallen ist: Diese Zuschauer sind einzigartig und machen auch diesen Klub einzigartig. Ich freue mich auf das Bayern-Spiel, habe aber auch ein bisschen Angst davor", sagte Stanislawski.

Nur noch Details mit Hoffenheim zu klären

Einen Wechsel zu Ligakonkurrent Hoffenheim wollte er noch nicht bestätigen.

"Da wird eine finale Entscheidung erst in den nächsten Tagen fallen. Es sind noch Detailfragen zu klären", erläuterte der Fußballlehrer.

Dabei geht es augenscheinlich darum, ob ihm auch Co-Trainer Andre Trulsen und Torwart-Coach Klaus Peter Nemet ins Kraichgau folgen: "Ich bin gewillt, mit ihnen weiterzuarbeiten. Wir sind drei Köpfe und drei Ärsche sozusagen."

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Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp hatte Stanislawski eindeutig den "Favorit" für die Nachfolge von Marco Pezzaiuoli genannt.

Nur einen Tag vor Stanislawskis Rücktritt bei St. Pauli hatten die Kraichgauer die Trennung ihres aktuellen Coachs am Saisonende bekanntgegeben (Bericht).

Büskens heiß gehandelt

Zu Spekulationen über die Nachfolge Stanislawskis wollten weder Schulte noch Orth Stellung beziehen.

Dennoch scheint ein neuer Coach bereits gefunden: Mike Büskens, derzeit Trainer beim Zweitligisten Greuther Fürth.

"Ich werde mich zu Gerüchten nicht äußern. Vor drei Wochen war ich bei Schalke, jetzt ist es St. Pauli", sagte Büskens allerdings.

Das große Schweigegelübde

Und weiter: "Ich habe mit meiner Familie alles besprochen, bin mit ihr im Klaren."

Klingt nach einem großen Schweigegelübde allerorten, um bei St. Paulis Kampf um den Klassenerhalt nicht für noch mehr Unruhe zu sorgen.

Und nach dem Pfeifen im Walde bei den Verantwortlichen.

Fürths Präsident Helmut Hack sagte über Büskens: "Ich bin sehr optimistisch, dass er bei uns verlängert. Ich warte stündlich auf einen Anruf von Mike."

Neben Büskens wird auch der Paderborner Trainer Andre Schubert als Kandidat gehandelt, dessen Vertrag zum Saisonende ausläuft und nicht verlängert wird.

Pezzaiuoli zu unerfahren

In Hoffenheim versuchen sie derweil, Pezzaiuolis Abgang einigermaßen anständig über die Bühne zu bringen.

Mäzen Hopp bestätigte allerdings dem "Mannheimer Morgen", dass es auch aus ddem Team kritische Töne gegen den Trainer gegeben habe.

"Er ist wahrscheinlich noch zu unerfahren, um bei einer Mannschaft das nötige Feuer zu entfachen", sagte Hopp.

Nur die relativ sichere Position der TSG im Mittelfeld der Bundesliga verhinderte offenbar eine sofortige Trennung.

"Tabellarisch ist dies nicht unbedingt notwendig. Wir wollen die Runde würdevoll beenden", erklärte Tanner. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

Gespanntes Verhältnis

Doch zwischen den Zeilen wird immer wieder deutlich, wie angespannt das Verhältnis zwischen Pezzaiuoli und den Verantwortlichen im Verein zuletzt war.

"Es geht nicht darum, Marco Pezzaiuoli zu beschädigen", sagte Tanner zu den Gerüchten, die Trennung werde auch wegen der Abwanderungsgedanken zahlreicher Spieler vollzogen.

Hopp nannte dafür die zuletzt enttäuschenden Resultate als Grund.

"Was er auf dem Trainingsplatz macht, ist ja alles okay. Aber am Ende müssen auch die Ergebnisse passen", meinte der Mäzen.

Das erhofft man sich ab der nächsten Saison mit Stanislawski.

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