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Jürgen Klopp feierte die Meisterschaft gegen Nürnberg in seinem 100. BVB-Spiel © getty

Dortmunds Erfolgstrainer wird geliebt für seine emotionale und mitreißende Art. Dass dahinter mehr steckt, wird gern übersehen.

Von Martin Hoffmann

München - Jürgen Klopp polarisiert.

Nicht im klassischen Sinne, in 50 Prozent Liebhaber und 50 Prozent Hasser.

Die übergroße Mehrheit liebt Dortmunds Meistertrainer als schlagfertigen Sympathen 391776(DIASHOW: Die Meisterfeier).

Aber eine kleine, meinungsstarke Minderheit ist ebenso fest der Ansicht, dass dieses Bild falsch ist. Dass hinter der freundlichen Fassade ein unfreundlicher Kern liegen muss.

Dass sich unter Klopps lockerer "Oberfläche" eine "Schicht kalter, fast despotischer Autorität" verbirgt, wie der Kolumnist Andreas Bernard vom "SZ-Magazin" kürzlich in einem Demaskierungsversuch niederschrieb.

"Nur rund ums Spiel emotional"

Ein Demaskierungsversuch, der daran scheiterte, dass es bei Klopp nichts zu demaskieren gibt.

Hinter dem Jürgen Klopp, wie ihn die Öffentlichkeit kennt, lauert kein zweites Gesicht.

Aber ein klarer Verstand, der wegen Klopps Emotionsausbrüchen während und kurz nach den Spielen gerne unterschätzt wird.

"Ich bin nur rund ums Spiel emotional. Im Alltag agiere ich komplett reflektiert", verriet Klopp dem Wirtschaftsmagazin "impulse".

Die Verschränkung von Herz und Gehirn, von Überlegtheit und Spontanität, von Begeisterungsfähigkeit und Autorität, sie mutet bei Klopp ideal an.

Nichts zu entlarven

Klopp weiß laut "SZ-Magazin", dass Macht "desto effizienter wirkt, je weniger sie mit den Mitteln der Unterdrückung arbeitet".

Sein "Einfühlungsvermögen" diene wie auch anderswo in der modernen Wirtschaft der Machtoptimierung.

Es soll eine Entlarvung sein, der BVB-Coach wird sie aber kaum als solche verstehen - eher als treffende Umschreibung seines Arbeitsstils.

Den Klopp nur eben nicht verfolgt, weil er es in einem Soft-Skills-Seminar für Führungskräfte gelernt hat. Sondern weil es seinem Wesen entspricht.

[kaltura id="0_o3uo2blv" class="full_size" title="Der Meister vom anderen Stern"]

Anführer aus Leidenschaft

Von jeher: In jungen Jahren war er Klassen- und Schülersprecher. "Man hat mir wohl zugetraut, Hitzefrei besser durchzusetzen als andere", erinnert er sich.

Dieselbe Anführerrolle hatte er auch als Spieler inne ("Zu mir kamen die Jungs, wenn etwas mit ihrer Abrechnung nicht stimmte").

Ein zielstrebiger Leader aus Leidenschaft - wegen dieser Eigenschaften vertraute ihm Mainz 05 2001 übergangslos den Trainerjob an.

Arrigo Sacchis Ideen

Die Spielidee lieferte Klopp, der nach eigenen Angaben bis heute nie ein Fußballbuch gelesen hat, ein von ihm hoch geschätzter Vorgänger: Wolfgang Frank.

Der hatte sich damals einen Namen gemacht, indem er die modernen Ideen des ehemaligen Milan-Coachs Arrigo Sacchi in die Zweite Liga brachte:

Viererkette, Raumdeckung, ballorientiertes Verschieben und das für Klopp-Mannschaften heute so typische Pressing zur frühestmöglichen Balleroberung.

Keine künstliche Distanz

Klopp paarte die von Frank gelehrten Taktik-Konzepte erfolgreich mit seiner ihm eigenen Art der Menschenführung.

Er ging in Mainz nicht auf Distanz zu den Spielern, zu denen er eben noch gehört hatte.

Wo Wolfsburgs Kurzzeit-Coach Pierre Littbarski in dieser Saison plötzlich gesiezt und nicht mehr "Litti" genannt werden wollte, wusste Klopp, dass das für einen wie ihn nicht die Lösung sein konnte.

Er ließ sich weiter duzen und "Kloppo" nennen - im Wissen, dass er mit diesem Signal Autorität gewinnen und nicht verlieren würde.

Verschmolzen mit der Aufgabe

Wo ein Trainertyp Felix Magath das A-Wort durch Abstand zu seinen Spielern zu stärken versucht, tut Klopp dasselbe durch Nähe.

Weil Klopp so ist - und weil auch nur so das Credo des Menschenfängers und Mitreißers funktioniert: "Menschen können viel erreichen, wenn sie sich mit Haut und Haaren auf etwas einlassen."

Er lebt es vor und ist mit Dortmund genauso verschmolzen, wie er zuvor verschmolzen mit Mainz war. Seine Schützlinge machen es ihm nach und opfern sich mit Freude auf dieselbe Art und Weise auf.

"Man spürt, wie intensiv Jürgen Klopp mit seinen Spielern arbeitet", lobt deshalb Bundestrainer Joachim Löw in der "Bild".

Seine Schützlinge seien körperlich in Schuss, von "hoher Auffassungsgabe" und "taktisch hervorragend ausgebildet".

"Arschlöcher werden verkauft"

Spieler, die nicht seinen Vorstellungen entsprechen, hat Klopp weggeschickt: Der torgefährliche, aber laufschwache Stürmer Alex Frei war das beste Beispiel.

Klopp schreckt vor Härten nicht zurück. Besonders nicht gegen diejenigen, die er charakterlich nicht auf Linie sieht:

"In dem Moment, wo einer den vorgegebenen Pfad verlässt, gibt es richtig was zwischen die Hörner."

Und für den Extremfall lautet Klopps Ansage: "Arschlöcher werden verkauft. Definitiv."

Strenge Ansprüche auch an sich selbst

Den charakterlichen Maßstab, den er an seine Spieler anlegt, legt Klopp im Umgang mit den Spielern aber auch an sich selbst an:

Individuelle Fehler kritisiert er nicht vor großer Runde - schon gar nicht öffentlich -, sondern im Einzelgespräch.

Einen Dede, den er sportlich nicht mehr braucht, lässt er nicht links liegen, sondern bindet ihn ein, rühmt nimmermüde seine Verdienste und bereitet ihm einen würdevollen Abschied.

Gottschalks Erbe?

Derlei Dinge sind der Grund, weshalb die Schwärmereien der Dortmunder Verantwortlichen weit über das hinausgehen, was man über Erfolgstrainer sonst so sagt.

So wie Klopp gerne vieles als "überragend" bezeichnet, so wird er als der Überrager gesehen, ohne den das Meisterstück nicht denkbar gewesen wäre.

Sein Trainer habe keine Schwäche, lobt BVB-Präsident Reinhard Rauball: "Klopp könnte sogar den Thomas Gottschalk als 'Wetten-dass'-Nachfolger 1:1 ersetzen."

Um ihn von dieser und anderen Verlockungen abzuhalten, hat er Klopp zu seinem Glück bis 2014 gebunden. Mit Haut und Haaren.

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