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Trainer Horst Hrubesch ist seit 2000 für den DFB-Nachwuchs zuständig. © getty

DFB-Nachwuchstrainer Horst Hrubesch spricht im SPORT1-Interview über Sahin, begehrte Talente aus Deutschland und die Risiken.

Von Maik Rosner

München - Am Montag verkündete Nuri Sahin seinen Wechsel zu Real Madrid (Bericht).

Der 22 Jahre alte Spielgestalter von Meister Borussia Dortmund ist bereits das dritte in Deutschland ausgebildete Talent, das nach Mesut Özil und Sami Khedira binnen eines Jahres bei Spaniens Rekordmeister anheuert.

Dass junge Spieler aus der Bundesliga immer begehrter im Ausland werden, ist einerseits ein gutes Zeugnis für die Ausbildung in den deutschen Vereinen.

Andererseits bedauern auch viele Fans, dass die Talente offenbar kaum zu halten sind, wenn große Vereine aus den europäischen Topligen locken. Nicht nur der Name der Klubs spielt dabei eine Rolle, sondern auch die besseren Gehälter.

Sahins riskanter Wechsel

Zuweilen nimmt die sportliche Perspektive eine nachranginge Bedeutung ein, meinen Kritiker. Und die Berater verfolgen mitunter eigennützige Interessen bei den Transfers.

Auch Horst Hrubsch verfolgt diese Entwicklung mit einiger Skepsis. Seit 2000 ist der 60-Jährige als Trainer in diversen Juniorenmannschaften des Deutschen Fußball-Bundes tätig, derzeit betreut er die U-18-Junioren.

Vor zwei Jahren führte er die deutsche U-21-Auswahl mit Özil, Khedira, Manuel Neuer, Jerome Boateng, Marcel Schmelzer, Marco Marin, Mats Hummels und vielen anderen mittlerweile etablierten Profis zum EM-Titel.

Im SPORT1-Interview spricht Hrubesch über die Gründe für die starke Nachfrage nach in Deutschland ausgebildeten Talenten, Sahins riskanten Wechsel zu Real und die Zukunft der Nachwuchsarbeit.

SPORT1: Herr Hrubesch, freut es Sie, dass in Nuri Sahin ein weiteres Talent den Sprung aus der Bundesliga zu einem großen Klub Europas geschafft hat?

Horst Hrubesch: Mich freut es vor allem, wenn die Jungs den Sprung aus dem Junioren- in den Seniorenbereich schaffen. Da wird im Moment gute Arbeit geleistet.

SPORT1: Hat Sahin den richtigen Zeitpunkt gewählt?

Hrubesch: Das muss er für sich selber beantworten. Ich verlange von meinen Spielern immer, dass sie die Entscheidung treffen, wo sie hingehen. Manchmal fallen solche Entscheidungen ja auch ein bisschen blauäugig, weil es um viel, viel Geld geht. Nuri Sahin hätte über Jahre, vielleicht sogar seine ganze Karriere, in Dortmund spielen können. Und er wäre dort auch ein erfolgreicher Spieler geworden.

SPORT1: Hätte er sich denn in Deutschland genauso weiterentwickeln können wie anderswo?

Hrubesch: Sicher. Das hat man ja bisher schon gesehen. Er hat sich ja hier so entwickelt. Die entscheidende Frage ist doch: Was will ich? Will ich bei Real Madrid spielen? Dann muss ich überzeugt sein davon, dass ich das kann. Die Zeit wird zeigen, ob das der richtige Schritt für Sahin war. Wichtig ist ja, dass man Leistung bestätigen kann. Wenn ich gefestigt bin und über Jahre konstant gute Leistungen gezeigt habe, dann ist das der richtige Weg.

SPORT1: Welche Chancen sehen Sie, dass er sich bei Real durchsetzt?

Hrubesch: Ich bin gespannt. Man sieht ja jetzt schon bei Real, dass Spieler dem System geopfert werden. Ich weiß nicht, ob man Sahin als zusätzlichen Offensivspieler einbaut.

SPORT1: In Deutschland ausgebildete Spieler werden immer beliebter im Ausland. Bei Real könnten sich Sahin, Özil und Khedira nun schon gegenseitig verdrängen. Worauf führen Sie diese Entwicklung zurück?

Hrubesch: Sie sind taktisch gut ausgebildet und haben eine gute Mentalität. Das passt gut zusammen, und das macht sie begehrt.

SPORT1: So war das aber nicht gedacht mit der Nachwuchsförderung: Talente erstklassig ausbilden und dann ins Ausland transferieren...

Hrubesch: Grundsätzlich geht es ja darum, dass man Jugendspieler in die Bundesliga bekommt. Diese Möglichkeit müssen sie erst einmal nutzen. Wenn sie dann irgendwann den Weg weitergehen wollen, ist das legitim. Aber man darf auch nicht vergessen: München, Dortmund, Schalke und andere sind ja auch gute Adressen. Und wenn man über Jahre mit einer Mannschaft zusammenspielt und Erfolg hat, dann ist man eine tragende Säule. Dass Sahin in Madrid so eine tragende Säule wie in Dortmund wird, wird schon schwierig werden.

SPORT1: Geht es nur über finanzielle Anreize, Talente in der Bundesliga zu halten?

Hrubesch: Der Lockruf des Geldes wird immer eine Rolle spielen. Aber es war ja immer Sahins Traum, zu Real zu gehen. Wenn er sich diesen Traum nun erfüllen kann, dann muss er es tun. Und eines muss man ja auch sagen: Es kommen ja viele Talente nach. Im Moment müssen wir uns da wenig Gedanken machen. Was ich nur hoffe: Dass die Spieler die Entscheidung selbst treffen und sich nicht von ihren Beratern verrückt machen lassen. Denn die verdienen ja nur Geld, wenn die Spieler wechseln.

SPORT1: Ist ein Defizit in der Nachwuchsausbildung anderswo auch ein Grund für die verstärkte Nachfrage deutscher Talente?

Hrubesch: Seit 2000 haben wir ja viel getan, und zwar alle in Deutschland. Wir haben jahrelang selbst ins Ausland geschaut. Und jetzt fängt es an, dass wir das ausgeglichen haben. Spieler kommen nicht nur hoch, wenn Vereine finanziell am Ende sind. Sondern auch, wenn es ihnen gut geht. Man hat die Zeichen der Zeit und das Potenzial des Nachwuchses erkannt. Ich hoffe, dass wir unsere Möglichkeiten weiter nutzen und nicht nachlassen, sondern das weiter vorantreiben.

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