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Diego erzielte in 114 Bundesligaspielen für Werder und Wolfsburg 44 Tore © getty

Diego wollte "so professionell leben, dass ich unantastbar bin". Nun ist er der Buhmann, womöglich weil er sich selbst überforderte.

Von Martin Hoffmann

München - Auf eine Feststellung legte Klaus Allofs Wert, als er vor fünf Jahren ein junges Spielmacher-Talent verpflichtete.

"Kein Pseudostar, der nach jeder langen Pause neun Tage zu spät zum Training kommt", sei dieser Diego Ribas da Cunha, erklärte Werder Bremens Manager damals.

Ein Vollprofi, keine dieser brasilianischen Diven: Eine Erwartung, der Diego über Jahre hinweg auch gerecht wurde.

Nun ist der einstige Musterjunge der Mann, der das ultimative Tabu im Mannschaftssport gebrochen hat (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

Kollegen im Stich gelassen

Der seine Teamkameraden im Stich gelassen hat - vor dem Abstiegs-Finale (Nachbericht). Weil er nur auf der Bank sitzen sollte 404216(DIASHOW: Der 34. Spieltag).

Der "Ego-Diego" - oder in der ungezügelten Boulevard-Sprache, das "Kollegen-Schwein" oder "der Verpisser der Bundesliga".

Der es sich in Wolfsburg wohl völlig verscherzt hat mit den Teamkollegen und Trainer Felix Magath und kaum noch eine Zukunft dort haben kann (Hintergrund).

Was ist passiert?

Tiefpunkt am Wochenende

Fußball-Deutschland hat am Wochenende den dramatischen Tiefpunkt seiner einst größten Attraktion erlebt.

Es ist wenige Jahre her, dass Diego als kreativer Gestalter bei Werder Bremen die Liga verzauberte - und sich auf die Einkaufszettel fast aller Top-Klubs in Europa spielte.

Der schließlich für sagenhafte 24,5 Millionen Euro zu Juventus Turin wechselte, wo sein Abstieg begann.

Verunglücktes Zwischenspiel in Turin

Der Diego, der Juve den verblassten Glanz spielerischer Schönheit und sportlichen Erfolgs zurückgeben sollte, kam nie in Turin an.

[kaltura id="0_3jj19gns" class="full_size" title="Wolfsburg und das Diego Problem"]

Weshalb ihn die "alte Dame" nach nur einem Jahr enttäuscht fortschickte - zumal er dem damals neu angetretenen Coach Luigi Del Neri auch nicht ins Spielsystem passte.

Eine verunglückte Arbeitsbeziehung, die das Glück des VfL Wolfsburg zu sein schien.

Fehlgeleitete Temperamentsausbrüche

Das Gegenteil trat ein: Eine von Manager und Ex-Trainer schlecht komponierte Mannschaft konnte auch ein Klassemann wie er nicht erfolgreich dirigieren.

Stattdessen fiel er sogar noch negativer auf: Durch wirkungslose Auftritte. Und durch fehlgeleitete Temperamentsausbrüche.

Die Trainings-Ohrfeige gegen Sascha Riether, der Elfmeter, den er in Hannover gegen die Weisung des Trainers für sich beanspruchte und verschoss, diverse Fast-Platzverweise wegen übermotivierten Zweikampfverhaltens.

Kontrast zur kontrollierten Art

Anwandlungen, die Diego nicht erst in Wolfsburg befallen haben. Schon zum Ende seiner Zeit bei Werder schrieb er schlechte Schlagzeilen. Man denke an die Würge-Attacke gegen Christian Eichner oder eine Alkoholfahrt an der Weser.

Die mittlerweile lange Liste an Verfehlungen steht im bemerkenswerten Kontrast zu der hyper-kontrollierten Art, die Diego sonst zur Schau stellt.

Die das Produkt einer Fußballer-Laufbahn ist, die ihn schon mit zwölf Jahren von den Eltern weg und hinein in ein Profi-Sportlerleben auf eigenen Beinen führte.

Sehr reif, professionell und verantwortungsbewusst für sein Alter, so charakterisierte ihn nicht nur Allofs, sondern jeder, der ihn traf.

"So professionell leben, dass ich unantastbar bin"

Als Beleg dafür dienen hunderte Interviews, in denen er niemanden hinter die Fassade ließ.

In denen er "Ich muss mich auf das nächste Spiel konzentrieren" antwortete, selbst als sein Vater 2007 wegen eines angeblichen Mordversuchs verhaftet wurde.

Und die klinisch bereinigt waren von allem, was seinem Arbeitgeber, seinen Kollegen und seinem Bild in der Öffentlichkeit wehtun könnte.

"Ich muss so professionell leben, dass ich unantastbar bin", beschrieb Diego 2007 in der Zeit sein Credo.

Zu viel von sich verlangt?

Ein Anspruch, an dem er womöglich gerade deshalb nun so sehr gescheitert ist, weil er mit diesem Anspruch zu viel von sich verlangte.

Und nicht damit klarkam, dass er nicht alles so kontrollieren konnte wie seine Worte.

"Ich versuche manchmal mehr zu machen, als ich machen sollte", beschrieb Diego kürzlich in der "Süddeutschen Zeitung" ein Grundproblem seiner selbst: "Jede Ecke, jeden Freistoß, ich will alle Verantwortung alleine tragen. Deshalb mache ich Fehler."

Alles-Woller sollte gar nichts tun

An diesem Samstag wurde dieser Alles-Woller konfrontiert mit der Nachricht, dass er im entscheidenden Spiel der Saison gar nichts machen sollte.

Was in diesem Moment in Diegos kontrollwütigem Kopf kollabiert ist, kann man von außen nur erahnen.

Und die Reaktion war da womöglich auch weniger egoistische Kameradenschweinerei als ein Blackout, ein Systemcrash, ein Akt hilfloser Überforderung.

"Problem, das wir zusammen lösen müssen"

Der erst am nächsten Tag wieder der Profi war, der er gerne sein will. Der zur Verblüffung aller auf dem Trainingsplatz stand und mitarbeitete, als wäre nichts gewesen.

Und im "kicker" nun Dinge sagt wie: "Es ist mein Problem, unser Problem, das wir zusammen lösen müssen. Ich habe beim VfL einen Vertrag, also müssen wir uns gemeinsam Gedanken über die nächste Saison machen."

Es sind dieselben kontrolliert-diplomatischen Sätze wie in Diegos Vorher.

Einem Vorher, das nach diesem Samstag nicht mehr existiert.

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