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Lucien Favre hatte die Borussia Mitte Februar nach Michael Frontzecks Entlassung übernommen © getty

Nach Gladbachs sagenhaftem Klassenerhalt ist der Trainer der Held. Reus beißt auf die Zähne, Dante erkennt sich nicht wieder.

Von Julian Meißner

München - Als der ekstatische Ausbruch der Gladbacher Fans nach dem Schlusspfiff langsam in normalen Jubel mündete, riefen sie den Vater des Erfolges zu sich.

"Wir woll'n den Trainer seh'n!", schallte es aus der Borussen-Kurve im Bochumer Stadion, nachdem die Gäste mit dem 1:1 (0:1) im Relegationsrückspiel den Klassenerhalt perfekt gemacht und die Aufstiegsträume des VfL zerstört hatten (Spielbericht).

Und als Lucien Favre sich etwas zierte, griffen seine Spieler kurzerhand zu und schleuderten den verdutzten Schweizer hoch in die Luft (DIASHOW: Bilder des Spiels).

"Die Stadt und unsere Fans haben es verdient, in der Bundesliga zu bleiben", freute sich der strahlende Favre, wieder auf dem Boden angekommen: "Bei unserem 1:0 im Hinspiel und auch heute hier hat das Publikum uns fantastisch geholfen, das war sehr wichtig."

Sagenhafter Endspurt

Dabei ist der Löwen-Anteil an der Rettung des Traditionsvereins dem Trainer selbst zuzuschreiben. Mit einem unglaublichen Saisonendspurt nach seiner Verpflichtung schaffte es die schon abgeschriebene Borussia erst in die Relegation, Favre impfte seinem Team wieder eine Gewinnermentalität ein.

Keeper Marc-Andre ter Stegen fasste treffend zusammen: "Unser Trainer Lucien Favre kam, sah und siegte."

Dieser habe "maßgeblichen Anteil am Klassenerhalt, weil er Struktur in die Mannschaft gebracht hat", so der Torhüter.

Und auch im Vergleich mit dem VfL ging Favres Taktik voll auf. Der Coach analysierte:"Wir wussten, wenn wir ein Tor schießen, ist Bochum geschlagen. Wir haben es mit Geduld und spielerischen Mitteln geschafft."

VfL dominiert erste Hälfte

Dabei waren die Bochumer engagierter in die Partie gestartet und durch ein erzwungenes Eigentor von Gladbachs Harvard Nordtveit (24.) verdient in Führung gegangen. (GAMES: Der SPORT1 Tipp-König)

Den Weckruf für die Borussia setzte Mohamadou Idrissou mit einem Kopfball-Knaller an die Latte kurz vor der Pause, nach dem Wechsel übernahm Mönchengladbach dann immer mehr die Initiative.

"Es war wichtig, Spieler zu haben, die bereit waren zu arbeiten", lobte Favre und fügte an: "Die Spieler haben schnell verstanden, was ich wollte."

[kaltura id="0_rqq7v158" class="full_size" title="Dante spricht von Abschied"]

Reus beißt auf die Zähne

Zu den entscheidenden Akteuren in der packenden und kampfbetonten Partie zählte einmal mehr Senkrechtstarter Marco Reus, dessen Einsatz vor dem so eminent wichtigen Spiel aufgrund von Oberschenkelproblemen lange fraglich gewesen war.

"Ich wollte unbedingt auf die Zähne beißen und spielen", meinte der Offensiv-Allrounder, der in fünf Tagen seinen 22 Geburtstag feiert: "Bei einer Situation habe ich die Verletzung wieder richtig gemerkt, es war aber etwas Besonderes, bei dem Spiel dabei zu sein."

Joker de Camargo sticht

Besonders auch, weil dem Neu-Nationalspieler das entscheidende Tor gelang: Nach feinem Anspiel des eingewechselten Igor de Camargo schob Reus in Minute 72 überlegt ein und stürzte die mitgereisten "Fohlen"-Fans in einem Freudentaumel.

"Der ganze Verein, alle Mitarbeiter, die Physios, bei denen ich mich bedanke, wir können stolz auf uns sein", jubelte Reus, der wenig später unter dem Applaus der rund 5000 Borussen-Anhänger ausgewechselt wurde: "Das ganze Team hat die letzten Monate sehr hart gearbeitet, und wir sind am Ende verdient drin geblieben. Das ist ein unbeschreibliches Gefühl, der Druck war enorm."

Eberl oder Effe?

Nun zeichnet sich ab, dass Sportdirektor Max Eberl und nicht "Rädelsführer" Stefan Effenberg den Klub wieder in ruhigeres Fahrwasser bringen soll.

"Effe" bräuchte mit seiner "Initiative Borussia" auf der Mitgliederversammlung am Sonntag eine Zwei-Drittel-Mehrheit, um die geplante Satzungsänderung durchzuführen. Dass dies nach dem Geschehen in Bochum noch gelingt, daran glauben die wenigsten.

Die Initiative gratulierte am Donnerstag in einer Pressemitteilung, in der es aber auch hieß: "Was wäre möglich gewesen, wenn Trainer Lucien Favre früher geholt worden wäre? Warum haben die Vereinsführung und der Sportdirektor so lange an Trainer Michael Frontzeck festgehalten?"

Dantes Haarpracht muss weichen

Am Mittwochabend dachte an die Zukunft zunächst einmal keiner, nach dem Abpfiff brachen alle Dämme.

Erste spürbare Konsequenzen der Jubel-Arie erlebte Abwehrmann Dante, der sich gemäß eingegangener Wette von seinem geliebten Afro-Schopf trennen musste.

"Ohne Haare auf dem Kopf fühlt es sich etwas komisch an", sagte der Brasilianer lachend: "Ich habe etwas Angst, ob ihre Kinder noch ihren Papa erkennen."

Wachstum im Oberhaus

Der Trost des Kahlrasierten: "Acht bis zehn Monate, dann ist der alte Dante wieder da." Dantes Wandlung wird Fußball-Deutschland nun also im Rampenlicht der Ersten Liga verfolgen können, sofern der umworbene Profi sich zum Verbleib am Niederrhein entscheidet.

"Ich fühle mich wohl in Gladbach, aber ich habe hohe Ziele. Wir müssen uns unterhalten", sagte Dante noch in der Stunde des Triumphes.

Die Chancen, ihn zu halten, sind mit dem geglückten Klassenerhalt sicherlich gestiegen - dank ihm selbst, dank Marco Reus, aber vor allem dank Lucien Favre.

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