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Manager Christian Heidel ist seit 1991 für den FSV Mainz 05 tätig © getty

Mainz startet ohne einige Leistungsträger, aber mit neuen Stadion in die Saison. Bei SPORT1 spricht Manager Heidel über die Ziele.

Aus Mainz berichtet Matthias Becker

Mainz - Als Christian Heidel 1991 in den Vorstand des FSV Mainz 05 aufrückte, spielte der Verein "auf einer besseren Bezirkssportanlage", wie sich der heutige Manager erinnert.

Im LIGA total! Cup empfingen die Mainzer die Top-Klubs aus München, Dortmund und Hamburg erstmals vor fast 35.000 Zuschauern in der nagelneuen Coface-Arena.

Für Heidel und den FSV ist der Umzug vom alt ehrwürdigen, aber doch eher behelfsmäßigen Stadion am Bruchweg in die neue eigene Arena eine Zeitenwende (426109DIASHOW: Eröffnung Coface-Arena).

Nach Platz 5 in der vergangenen Bundesligasaison gehen die Mainzer dank der steigenden Einnahmen im neuen Stadion mit einem um 50 Prozent höheren Etat von gut 50 Millionen Euro in die Saison.

Im SPORT1-Interview erinnert sich Heidel an Wassergraben und Aschenbahn, spricht über steigende Ansprüche und einen Neuzugang mit Pferdelunge.

SPORT1: Herr Heidel, zeigt der endgültige Wechsel von Malik Fathi, dass der FSV Mainz 05 durch sein neues Stadion in der Bundesliga auch wirtschaftlich konkurrenzfähiger geworden ist? (NEWS: Mainz holt Fathi zurück)

Christian Heidel: Das kann man sicher nicht an einem Transfer festmachen. Wir erzielen durch das Stadion höhere Einnahmen, das steht jetzt schon fest. Wir haben über 2000 Business-Seats, 33 von 35 Logen sowie 25.000 Dauerkarten verkauft. So kann man natürlich sehr gesichert planen. Wir können den Lizenzspieleretat dadurch erhöhen - und da fällt natürlich auch das Gehalt von Malik Fathi rein. Dies war ja auch Sinn und Zweck des Stadionbaus.

SPORT1: Die Stadioneröffnung war ein ziemlich Mainz-typisches Spektakel. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie zum ersten Mal auf der Tribüne "Ihres" Stadions standen?

Heidel: Außer dass es an den Verkaufsständen ein paar Engpässe gab, weil der Andrang rund um das Stadion alle Erwartungen übertroffen hat, war es ein tolles Fest, wie es Mainz noch nicht erlebt hat. Ich konnte das ganze sehr entspannt verfolgen, da läuft dann schon so ein kleiner Film in einem ab. Die Entwicklung unserer Stadien ist völlig parallel zur Entwicklung des Vereins gelaufen. Vor 15 Jahren haben wir auf einer besseren Bezirkssportanlage, mit Aschebahn und Wassergraben, Fußball gespielt. Nach zwei Aufstiegen und einem Abstieg sowie zwei Umbauten am Bruchweg haben wir jetzt ein sehr, sehr schönes eigenes Stadion.

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SPORT1: Was zeichnet die neue Arena aus?

Heidel: Es ist ein reines Fußballstadion mit hohen, steilen Rängen, ganz nahe am Spielfeld, ähnlich wie in England. Für die Leute war das ein richtiger Wow-Effekt, als sie rein kamen. Es ist komplett rot, die Ecken sind nicht geschlossen. Besonders nachts sieht das toll aus, wenn die Flutlichter durch die Ecken nach draußen dringen. Das Stadion hat einen sehr eigenen Charakter, so etwas gibt es in Deutschland noch nicht.

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SPORT1: Können Sie selbst glauben, was in den letzten Jahren in Mainz passiert ist?

Heidel: Unser Ziel war immer, dass wir in diesem neuen Stadion Bundesliga spielen können. Jetzt findet das erste Pflichtspiel in der Europa League statt. Das zeigt die Entwicklung des Klubs. Vor zehn Jahren hätte uns niemand zugetraut, dass wir ein eigenes Stadion zu 90 Prozent mit eigenem Geld stemmen können. Und genauso wenig hätte man uns zugetraut, dass wir in der Saison 2011/2012 im Europapokal spielen.

SPORT1: Fiel der Abschied vom Bruchweg denn gar nicht schwer? Im Gegensatz zu anderen Bundesligastädten gab es in Mainz keine großen Proteste gegen einen Umzug.

Heidel: Ich selbst gehe seit 1972 zu Mainz 05 und das Stadion am Bruchweg ist das Herz des Vereins. Aber wir haben die Fans vom ersten Tag an in die Planung einbezogen. Das neue Stadion hat auf der Gegengeraden 13 Reihen Stehplätze, was außergewöhnlich ist. Der Fan-Umzug vom Bruchweg zur Coface Arena sollte dann symbolisieren, dass das "unser" neues Stadion ist - und weit über 20.000 Menschen sind mitgegangen.

SPORT1: Durch die steigenden Einnahmen rückt Mainz 05 auch in der Etat-Tabelle der Bundesliga nach vorne. Ist dass der einzige Weg, um dauerhaft erstklassig zu bleiben?

Heidel: Wenn wir in fünf Jahren über das gleiche Thema reden, wird es heißen: Ein neues Stadion ist Bedingung, um Profi-Fußball in Deutschland spielen zu können. Das sieht man doch schon in der Zweiten Liga, Vereine wie zum Beispiel Rot-Weiß Oberhausen haben auf Dauer ohne neues Stadion einfach keine Chance mehr. Für uns als Mainz 05 ist das neue Stadion ein Quantensprung, da wir jetzt einen Etat - die Transferumsätze mal außen vor gelassen - von rund 50 Millionen Euro stemmen können.

SPORT1: Wo stehen Sie damit in der Liga?

Heidel: Immer noch kurz vor den Abstiegsrängen, darüber lachen sich zehn bis zwölf andere Klubs kaputt. Sportlich waren wir zwar auch letztes Jahr mit dem niedrigeren Etat erfolgreich, was mal klappen kann, wenn alle Rädchen ineinander greifen. Aber auf Dauer gibt uns das neue Stadion auch neue Möglichkeiten.

SPORT1: Ändert sich dadurch die sportliche Zielsetzung?

Heidel: Unser Ziel war immer, zu den Top 24 in Deutschland zu gehören. Wenn es irgendwie ging, wollten wir Bundesliga spielen, aber es war immer einkalkuliert, dass ein Abstieg auch mal passieren kann. Die Entwicklung des Vereins in den letzten Jahren war positiver, als wir uns das erhofft hatten. Jetzt erheben wir den Anspruch sagen zu können, dass wir dauerhaft Bundesliga spielen wollen. Alles andere ist kilometerweit weg.

SPORT1: Lässt sich das so auch nach außen vermitteln?

Heidel: Auch wenn wir dieses Jahr Europa League spielen, unser Ziel ist ganz klar auch in der Saison 2012/2013 in der Bundesliga dabei zu sein. Wenn mehr dabei herauskommt - wunderbar. Aber die Erwartungshaltung ist auch nicht so hoch. Die Leute in Mainz sind sehr realistisch - und wir sehen zu, dass das auch so bleibt (DATENCENTER: Der Bundesliga-Spielplan).

SPORT1: Es gab in der Vergangenheit auch Beispiele von Vereinen, die sich mit einem neuen oder ausgebauten Stadion verhoben haben, zuletzt Arminia Bielefeld. Könnte das in Mainz auch passieren?

Heidel: Da muss sich niemand Gedanken machen. Das Stadion ist finanziell perfekt durchgeplant. Es müsste mit dem Teufel zugehen, damit der Verein durch das neue Stadion in Schwierigkeiten kommt. Die Kosten sind sehr übersichtlich. Wenn wir direkt in die Dritte Liga durchrauschen würden, würden auch wir Probleme bekommen. Aber die bekäme jeder Verein.

SPORT1: Wo liegt der Unterschied zu anderen Vereinen?

Heidel: Wir haben Erlöse aus Transfers oftmals in Steine und nicht in Beine investiert und konnten deshalb ein Eigenkapital von 15 Millionen Euro in der Stadionfinanzierung einbringen. Das ist der große Unterschied zu Stadionprojekten wie in Aachen oder Bielefeld, wo alles über Kredite ging. Wir zahlen in der Bundesliga 3,3 Millionen, in der Zweiten Liga 2,3 Millionen Euro Miete. Das findet im Etat immer Platz.

SPORT1: Von den Steinen zu den Beinen: Wie sind Sie mit der Kaderplanung für die neue Saison denn zufrieden, wo mit Malik Fathi auch das letzte Loch hinten links gestopft ist?

Heidel: Ich bin zufrieden, wenn mein Trainer zufrieden ist.

SPORT1: Und ist der zufrieden?

Heidel: Seit der Verpflichtung von Malik ist er sogar sehr zufrieden, das sagt alles. Außer Zdenek Pospech für hinten rechts haben wir wieder nur auf junge, hungrige Spieler gesetzt, die die Spielweise von Mainz 05 umsetzen wollen. Hinten steht die geballte Erfahrung, vorne haben wir Jungs geholt, die das Motto: "Laufen bis der Arzt kommt", umsetzen können und für jeden Gegner unangenehm sind. 316092(DIASHOW: Bundesliga-Wechselbörse)

SPORT1: Gibt es einen Neuzugang, der im Trainingslager besonders angenehm aufgefallen ist?

Heidel: Wir hatten in Mainz noch nie einen Spieler mit einem solchen Laufvermögen wie Julian Baumgartlinger. Bei uns wird ja auch alles ausgewertet, aber das haben die Laptops nicht mehr geglaubt, was der Junge mitbringt.

SPORT1: Wie bringen Sie solche Talente, oder auch auffällige Zweitliga-Spieler wie Zoltan Stieber und Nicolai Müller nach Mainz?

Heidel: Wir sagen den Jungs: "Kommt nach Mainz, ihr werdet besser." Wir bilden sie aus und machen sie besser und dann können sie vielleicht irgendwann einen großen Schritt machen. Die Jungs glauben uns das und vertrauen uns. Der Wunschzettel des Trainers ist abgearbeitet - es sind alle da.

SPORT1: Neuzugang Anthony Ujah war offenbar so begeistert von Mainz 05, dass er gleich mal den Europa-League-Sieg als Ziel ausgegeben hat. Gehen Sie da mit?

Heidel: Der arme Junge war gerade drei Tage hier und wollte eben nichts Falsches sagen. Da ist ihm aber auch keiner böse, wir ziehen ihn damit eher ein bisschen auf. Aber wir wären ja mit dem Klammersack gepudert, wenn wir die Europa League als Ziel ausgeben würden. Ganz klares Ziel ist: Wir wollen in der Bundesliga bleiben - das heißt aber nicht, dass wir mit Platz 15 zufrieden sind. Wenn wir Platz 15 sicher haben, sehen wir, was nach oben geht. So haben wir es letzte Saison auch gemacht.

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