vergrößernverkleinern
Dieter Hundt (r.) ist seit 2002 Aufsichtsrats-Vorsitzender des VfB Stuttgart © imago

Die Wahl des neuen VfB-Präsidenten Mäuser verkommt fast zur Nebensache. Aufsichtsrat-Chef Hundt steht im Zentrum der Kritik.

Von Jakob Gajdzik

Stuttgart/München - Der Jubel fiel am Ende nüchtern aus.

Ein paar Hände wurden geschüttelt, ein Blumenstrauß entgegengenommen.

Mehr war beim neuen Präsidenten des VfB Stuttgart Gerd E. Mäuser nach einem turbulenten Abend nicht drin.

Mäuser tauscht seinen Platz im Stuttgarter Aufsichtsrat mit dem Präsidenten-Posten, auf seine Position rückt Ex-VfB-Spieler Hansi Müller. (BERICHT: Mäuser gewählt - Hundt abgewatscht)

Mehr als neun Stunden dauerte die Hauptversammlung der Schwaben in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle, bis der Nachfolger des nach acht Jahren aus dem Amt scheidenden Erwin Staudt feststand.

"Ihr habt doch bestimmt Besseres zu tun"

Da klang die Video-Botschaft von VfB-Trainer Bruno Labbadia aus dem Trainingslager in Längenfeld/Ötztal im Nachhinein fast wie Hohn.

"Viel Spaß und macht nicht so lange. Ihr habt doch sicher etwas Besseres zu tun, als sonntags ewig in der Schleyerhalle zu sitzen", sagte der Coach. Er wird froh gewesen sein, sich mit der Mannschaft in Österreich aufzuhalten.

Hundt erregt die Gemüter

Denn in erster Linie erregte nicht die Wahl von Mäuser die Gemüter, sondern der Mann, der den ehemaligen Porsche-Chef als Kandidaten vorgeschlagen hatte: Aufsichtsrat-Chef Dieter Hundt.

Bei seinem Antritt wurde er vom Groß der Mitglieder ausgepfiffen, reagierte am Anfang jedoch gelassen.

"Nachdem ich immer wieder höre, dass Pfiffe eine freundliche Form der Begrüßung sind, bedanke ich mich ganz herzlich", sagte der 72-Jährige zu Beginn seiner Rede.

"Wie ein Diktator in China"

Allerdings hielten viele der Mitglieder mit ihrer Meinung über Hundt nicht hinterm Berg. "Sie regieren den Verein wie ein Diktator in China", sagte ein Mitglied im Verlauf der hitzigen Debatte, um den seit 2002 im Amt stehenden Aufsichtsratsvorsitzenden des VfB.

Die Kritiker werfen dem Unternehmer vor, sich zu sehr ins tägliche Geschäft einzumischen und keine Demokratie im Verein zuzulassen.

[kaltura id="0_ozaz6oor" class="full_size" title="Alt und Neu in Stuttgart"]

Kritikpunkte, die Hundt als "unverständlich und inakzeptabel" kommentierte. Den scharfen Gegenwind, der ihm aktuell in Stuttgart ins Gesicht weht, konnte er dann schwarz auf weiß bei der Abstimmung um seine Person ablesen.

Drei-Viertel-Mehrheit zur Abwahl nicht erreicht

Mit 65,3 Prozent der Stimmen wurde zunächst für eine Antrag zu Hundts Abwahl gestimmt.

Für den Sturz stimmten in der Folge 50,7 Prozent. Nicht genug, um den Aufsichtsrat-Chef aus seinem Sessel zu hieven, für eine Abwahl wäre eine Drei-Viertel-Mehrheit vonnöten gewesen.

Trotz der entgangenen Demission: Hundt hat diesen Denkzettel registriert.

"Die Mitgliederversammlung gibt schon Anlass, mit etwas Besorgnis nachzudenken", sagte er nach dem turbulenten Abend, betonte aber, dass nicht seine persönlichen Bedenken ihn beschäftigen, sondern die öffentliche Wahrnehmung des VfB als potenzieller Chaos-Klub.

"Marionette" Mäuser mit knappem Votum

Sein Kandidat Mäuser, von vielen Mitgliedern nur als "Marionette" Hundts bezeichnet, erreichte bei seiner Wahl ebenfalls nur ein schwaches Votum von 58,7 Prozent der Stimmen. 1268 Mitglieder hatten für ihn votiert, 891 gegen ihn.

Bei der Wahl zu später Stunde hatten zudem fast 500 Mitglieder nach den stundenlangen Diskussionen entnervt oder ermüdet die Halle bereits verlassen.

Mäuser machte sich um seinen schwierigen Stand keine Illusionen: "Ich weiß, dass ich jetzt unter ständiger Beobachtung bin. Aber der VfB Stuttgart steht über allem. Wenn es schwierig wird, kann man nicht weglaufen", sagte der 53-Jährige.

Die schwache Mehrheit bei seiner Wahl kam sogar zu Stande, obwohl Mäuser keinen Gegenkandidaten hatte.

Oppositions-Vorschlag abgelehnt

Der Vorschlag der Opposition um den ehemaligen VfB-Keeper Helmut Roleder, selbst einen Aspiranten im Kampf um den Präsidenten-Posten ins Rennen zu schicken, wurde von den Mitgliedern abgelehnt. Dazu wäre eine Satzungsänderung nötig gewesen. Somit dokumentierten die Mitglieder auch, in erster Linie Hundt auf der Abschuss-Liste zu haben.

Eine Tatsache, die im Verein auf viel Zustimmung traf. So kritisierte VfB-Manager Fredi Bobic die Opposition als "irgendwelche Traumtänzer, die den Verein in ein paar Monaten gegen die Wand fahren würden". Deutlicher kann man kaum Stellung beziehen.

Staudt mit Applaus verabschiedet

Positive Stimmung gab es bei der Mitgliederversammlung übrigens auch. Als Staudt sein Ende als Präsident verkündete und den "erstklassig aufgestellten" VfB übergab, gab es donnernden Applaus.

"Diese Zeit hat die Marke VfB geprägt wie lange nicht", sagte Staudt und schaute nicht zuletzt mit Stolz auf seine Arbeit zurück.

"Das ist eine Erfolgsstory, um die uns viele andere Klubs beneiden. Wir haben unsere Ziele nicht nur erfüllt, sondern übererfüllt."

In der Tat, erreichten die Schwaben doch in der Amtszeit des 63-Jährigen vier Mal die Europa-, und drei Mal die Champions League. Gekrönt wurde die Erfolgsgeschichte mit der Deutschen Meisterschaft 2007.

Erstes Minus seit 2002

An dem Jubel konnte auch das erste Minus-Jahr der Stuttgarter seit 2002 nichts ändern. 2,242 Millionen Euro Miesen machte der VfB im Geschäftsjahr 2010, allerdings spiegeln sich in diesen Zahlen immens die Umbau-Kosten für die Mercedes-Benz-Arena wieder. Dazu kommen fehlende Einnahmen aus der Champions League und niedrige Transfererlöse.

Das Minus sei jedoch eingeplant, sagte Staudt und betonte: "Der Verein steht finanziell sehr gut da. Wir sind gerüstet für das Financial Fairplay."

"Werte das, wie in einer Familie"

Mäuser tritt dennoch ein schweres Erbe an. Seiner knappen Wahl gewann er, zumindest nach außen hin, dennoch Positives ab und versuchte eine Brücke zu den Mitgliedern zu schlagen.

"Ich werte das wie in einer Familie", sagte er. "Da gibt es auch mal Krach und danach findet man wieder zusammen. Wenn der sportliche Erfolg zurückkommt, werden die Gräben wieder zu sein."

Zum Forum - hier mitdiskutieren!Zurück zur Startseite

teilentwitternE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel