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SPORT1-Reporter Matthias Becker (r.) im Gespräch mit Jürgen Klopp © getty

Bei SPORT1 spricht Jürgen Klopp über neue Ziele nach der Traum-Saison, die Titel-Rivalen und das Abenteuer Champions League.

Von Matthias Becker

München/Mainz - Für Jürgen Klopp hätte der Pflichtspielauftakt kaum besser laufen können.

3:0 siegte Borussia Dortmund am vergangenen Samstag im Pokal bei Drittligist SV Sandhausen und bilanzierte:

"So wenige Kontermöglichkeiten des Gegners zuzulassen, war ein Qualitätsnachweis, den ich sehen wollte", sagte Klopp, der sich am Sonntag gleich weiter freuen konnte.

Da wurde seine Wahl zum Trainer des Jahres durch die deutschen Sportjournalisten publik.

Spielerisch war die Klopp-Elf die beste der Vorbereitung. Kein Wunder, dass bei Meister-Macher Klopp die Vorfreude auf den Bundesliga-Auftakt gegen den Hamburger SV (ab 20 Uhr im LIVE-TICKER) riesig ist.

Im 18. und letzten Teil der großen SPORT1-Interviewserie spricht Klopp über neue Ziele nach der Traum-Saison, die Rivalen im Titelrennen und das Abenteuer Champions League.

SPORT1: Herr Klopp, Sie wirken oft, als könnten Sie vom Fußball nicht genug bekommen. Können Sie nach Saisonende überhaupt abschalten?

Jürgen Klopp: Mittlerweile ja. Das muss ich auch, weil eine Saison sehr intensiv und anstrengend ist. Die ersten drei Wochen im Urlaub hatte ich nicht das Gefühl, dass es unbedingt gleich morgen wieder losgehen müsste. Dann kam das Gefühl, dass es nicht schlimm wäre, wenn es bald wieder losgeht - und dann war ich richtig froh, dass es wieder losgeht. Ich musste diese Phasen in meiner Trainerkarriere erst lernen.

SPORT1: Eine Meisterschaft mit der jüngsten Mannschaft und dem besten Fußball ist schwer zu übertreffen. In welchen Kategorien definieren Sie Erfolg für die kommende Spielzeit?

Klopp: Ein großer Erfolg ist grundsätzlich schwer zu bestätigen, das ist in anderen Sportarten auch so. Hinter der Frage steckt immer auch die Frage: "Ist alles was jetzt kommt schlechter?" Und das ist natürlich nicht so. Ich finde es schade, wenn man beispielsweise Olympiasieger wird, sich beim nächsten Mal über einen vierten Platz dann nur noch ärgert und ganz vergisst, dass man schon Olympiasieger ist. Unseren Titel kann uns keiner mehr nehmen und das ist schon mal gut.

SPORT1: Und mit welchem Anspruch gehen Sie in die Saison?

Klopp: Tabellarisch ist ein internationaler Platz für uns definitiv ein Erfolg. Platz sieben oder acht könnten wir natürlich nicht als Ziel ausgeben. Ansonsten geht es aber um Weiterentwicklung. Alle Spieler haben noch Entwicklungspotenzial und damit kann unser Mannschaftsspiel automatisch noch besser werden. Auch letzte Saison hatten wir Spiele, die uns nicht so gefallen haben. Und das waren gar nicht so wenige.

SPORT1: Ist der Abgang von Nuri Sahin beim Versuch, diese Entwicklung zu schaffen denn nicht ein herber Dämpfer? (316092Bundesliga-Wechselbörse)

Klopp: Selbst wenn Nuri Sahin noch da wäre, könnten wir nicht garantieren, den gleichen Fußball zu spielen. Man muss sich immer neu finden, neu aufstellen, neu definieren und dann für diese Mannschaft ein Ziel stecken. Wenn man das dann erreicht hat, kann man sich freuen. Das ist enorm wichtig, denn im Rückblick muss jede Saison eine besondere sein und es muss etwas hängen bleiben.

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SPORT1: Trotz des Titels sehen Sie den BVB als Herausforderer. Wen haben Sie denn außer den Bayern für ganz oben noch auf dem Zettel?

Klopp: Zum einen natürlich Bayer Leverkusen. Aber auch der HSV hat mit seiner Mischung aus jungen und erfahrenen Kerlen eine richtig gute Fußballmannschaft. Die werden eine gute Rolle spielen. Auch der VfB Stuttgart ist bekannt dafür, aus seinen Fehlern zu lernen. Die haben in der Rückrunde 30 Punkte geholt und sich mit William Kvist einen richtig guten Mann geangelt. Es gibt auch keine Anzeichen, warum Hannover nicht noch einmal so eine gute Saison spielen sollte und mit Mainz ist trotz der Abgänge immer zu rechnen. Da hat man recht schnell einige Mannschaften beisammen - und ich habe bestimmt noch welche vergessen. Schon ist die Liga wieder so spannend wie letztes Jahr. (Der SPORT1-Formcheck)

SPORT1: Sie haben früh die Personalplanungen für beendet erklärt. Waren Sie wunschlos glücklich, oder wollten Sie das Gefüge einfach nicht durcheinander bringen?

Klopp: Wunschlos glücklich ist man selten. Aber wir waren mit dem, was wir machen wollten, sehr früh dran. Außerdem müssen wir unseren Jungs die Chance geben zu spielen. Ich kann zu meinem Spieler nicht sagen, dass ich von ihm den nächsten Schritt erwarte - und ihm dann auf seiner Position jemanden vor die Nase setzen, der sie vier Mal so gut spielen kann. Die Jungs haben sich dieses Vertrauen erarbeitet.

SPORT1: Es gab bisher nahezu keine Spekulationen über weitere Abgänge. Haben Ihre Jungs einen so guten Charakter, oder haben Spielerberater beim BVB Kontaktverbot?

Klopp: Die Jungs wissen, dass sie im Moment in diesem Gefüge stärker werden. Außerdem haben sie noch genug Zeit um irgendwann mal wohin auch immer auf dieser Welt zu wechseln. Keiner ist gekommen und hat gesagt: "Wenn ein Angebot kommt, würde ich gerne gehen."

SPORT1: Die meisten Leistungsträger haben sogar verlängert...

Klopp: Vor allem die Verlängerung mit Mats Hummels war für mich eine außergewöhnliche Geschichte, wenn man seine persönliche Vergangenheit bei Bayern München bedenkt. Marcel Schmelzer hätte nur einmal mit dem Finger schnippen müssen und hätte überall hin wechseln können. Sven Bender hat sich total gefreut, dass er bis 2016 verlängern konnte. Die Jungs spielen einfach gerne für den BVB und gerne in dieser Mannschaft. Das gibt uns Sicherheit und Stabilität.

SPORT1: Sind Sie mit dem Leistungsstand Ihrer Neuzugänge zufrieden?

Klopp: Ivan Perisic hatte es am schwersten. Er ist offensiver Mittelfeldspieler und wurde in Belgien von defensiven Aufgaben weitgehend verschont - und jetzt kommt er ausgerechnet zu uns. Für ihn war das eine große Umstellung und er hatte daran zu knabbern. Aber er ist aus dem Loch wieder rausgekommen. Das gleiche gilt für Ilkay Gündogan, der in einer sehr guten Verfassung ist. Moritz Leitner ist der nächste blutjunge Kerl, der richtig gut Fußball spielen kann. Auch Chris Löwe bringt offensiv alles mit, um sofort in dieser Mannschaft zu spielen. Defensiv-taktisch müssen wir noch etwas arbeiten, aber dafür sind wir ja auch da.

SPORT1: Ab Mitte September steht die Champions League an. Wollen Sie eher lernen oder eher glänzen?

Klopp: Glänzen in Momenten, aber das ist nicht das Entscheidende. Wir wollen erfolgreich sein. Lernen werden wir zwangsläufig. Wir sind in Lostopf 4, da kann es durchaus passieren, dass der Wettbewerb nach der Gruppenphase für uns vorbei ist, ohne dass wir etwas falsch gemacht haben. Ob es dann wieder heißt, wir würden internationalen Ansprüchen nicht genügen, ist uns so lang wie breit. Wir haben alle gemeinsam davon geträumt, mittwochs abends im Stadion zu stehen und die Champions-League-Hymne zu hören. Der Tag, an dem letzte Saison sicher war, dass wir Platz 2 erreicht haben, war richtig geil. Die Vorfreude ist riesengroß.

SPORT1: Fast ein bisschen schade, dass die Top-Klubs ihre Talente dann ständig zu sehen bekommen, oder?

Klopp: Wer die jetzt erst entdeckt, ist sowieso zu spät. Unsere Aufgabe ist es, Borussia Dortmund so attraktiv zu machen - in weiten Teilen sind wir es schon -, dass keiner auf die Idee kommt, es könnte woanders besser sein. Es gibt viele Dinge, die in fast allen anderen Vereinen deutlich schlechter sind. Als Beispiel muss man sich ja nur unsere Fans, unser Stadion und die Intensität angucken, mit der Fußball in Dortmund gelebt wird.

SPORT1: Verhindern können werden Sie Abgänge in den nächsten Jahren aber nicht.

Klopp: Eine normale Spielerkarriere endet heute irgendwann um den 35. Geburtstag herum. Da haben die alle noch ein paar Jahre Zeit. Würden sie jetzt schon wechseln, müssten sie bis zum Karriereende ja noch sechs oder sieben Mal wechseln. Man kann auch bis zum Alter von 26 oder 27 bei einem Verein bleiben und dann weg gehen. Da kann ja dann auch Neugier dahinterstecken, so wie bei mir damals, als ich aus Mainz nach Dortmund bin. (310783Klopps Karriere in Bildern)

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