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Jan Schlaudraff (l.) absolvierte gegen Hoffenheim sein 100. Bundesligaspiel © dpa

DFL-Schiedsrichterexperte Hellmut Krug verteidigt bei SPORT1 Thorsten Kinhöfer für seine Freistoß-Entscheidung in Hannover.

Von Daniel Michel

München - Es war die 15. Spielminute in der Partie zwischen Hannover 96 und 1899 Hoffenheim, die auch zu Wochenbeginn noch die Gemüter erhitzte: (Bericht)

Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer verhängte kurz vor dem Hoffenheimer Strafraum einen Freistoß für Hannover. 438367(DIASHOW: Der 1. Spieltag)

1899-Keeper Tom Starke begann vom linken Pfosten aus seine Mauer zu stellen, während Kinhöfer Hannovers Jan Schlaudraff fragte, ob er eine Mauer wünsche. Dabei machte Kinhöfer eine eindeutige Geste und hob seine Pfeife an.

Doch Schlaudraff entgegnete, er brauche keine Mauer und zirkelte den Ball ins rechte Kreuzeck zum 1:0 für die Niedersachsen.

"Schuld nicht beim Schiedsrichter suchen"

Hoffenheim sieht deshalb im Unparteiischen den Auslöser für die 1:2-Niederlage bei 96. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

Bei SPORT1 nimmt Hellmut Krug, Schiedsrichter-Experte der DFL, Kinhöfer aber in Schutz - und geht mit den Hoffenheimer Spielern hart ins Gericht und klärt über die Freistoß-Regel auf.

"Die Spieler von Hoffenheim sollten die Schuld bei sich selbst und nicht beim Schiedsrichter suchen", betont Krug.

Starke frustriert

Das sah 1899-Keeper Starke nach dem Spiel anders. Die Freistoß-Situation habe "das Spiel entschieden." Starke giftete: "Ich weiß nicht, warum er da keinen Arsch in der Hose hatte."

Der 30-Jährige fühlt sich vom Unparteiischen veräppelt: "Ich sehe aus wie ein Trottel."

Krug: Pfiff nicht zwingend

Selbst Ex-FIFA-Schiedsrichter Markus Merk griff seinen ehemaligen Kollegen an. "Es war eine Fehlentscheidung, ein Managementfehler, eine Unkonzentriertheit", sagte Merk bei "Sky"

Kinhöfer beharrte dagegen darauf, richtig gehandelt zu haben: "Das war alles regelkonform."

Von Ex-FIFA-Schiedsrichter Krug erhält er nun Unterstützung. "Der Pfiff des Schiedsrichters zur Wiederaufnahme des Spiels ist nur zwingend vorgeschrieben, wenn er zuvor die Mauer gerichtet hat. Fordert der Schütze keine Mauer, hat der Schiedsrichter auch keine Veranlassung, zu pfeifen", erklärt der DFL-Experte für das Schiedsrichterwesen bei SPORT1.

Auch die für Hoffenheim irritierende Geste Kinhöfers sei kein Verstoß gegen die Regeln. "Die Geste bedeutet nicht gleichzeitig, dass der Schiedsrichter das Spiel wieder anpfeifen muss. Die Geste war mit einer eindeutigen Frage an den Spieler der ausführenden Mannschaft verbunden", nimmt Krug Kinhöfer in Schutz.

"Schwer, Verständnis aufzubringen"

Außerdem sei Kinhöfer nicht von Schlaudraff aus zur Mauer gegangen, sondern direkt in seine Freistoßposition in der Spielfeldmitte. "Das hätten auch die Hoffenheimer Spieler erkennen müssen", sagt Krug.

Für die Reaktionen der 1899-Spieler zeigt der 55-Jährige nur begrenzt Verständnis: "Es ist einerseits bedauerlich, wenn Spieler die Geste eines Schiedsrichters falsch interpretieren", erklärt Krug. Er bemängelt aber:

"Andererseits fällt es mir ehrlich gesagt schwer, Verständnis dafür aufzubringen, dass Spieler das Regelwerk nicht kennen. Denn immerhin gehört das zu ihrem Handwerkszeug."

Der Schütze entscheidet

Krug liefert die Grundregel beim Freistoß: "Das Team kann selbst entscheiden, ob es eine Mauer stellen lassen oder sofort weiterspielen will."

Dennoch würden Schiedsrichter häufig den Schützen fragen, ob er eine Mauer wolle, um zum Beispiel Zeitvergeudung zu vermeiden.

Vor den Ball stellen kostet Gelb

1899-Coach Stanislawski kündigte an, sein Team werde sich künftig bei Freistößen cleverer verhalten und vor den Ball stellen.

Doch wer sich direkt vor den Ball stellt muss - laut Krug - mit einer Verwarnung rechnen, "wenn der Schiedsrichter diese Aktion als unsportliches Verhalten - einer bewussten Verzögerung der Ausführung - einordnet."

Allerdings liege das im Ermessen des Schiedsrichters.

Deja-vu für Starke

Für Hoffenheims Keeper Tom Starke dürfte das Erlebnis in Hannover jedenfalls Erinnerungen an den April 2003 wachgerufen haben. Damals hütete er in der Regionalliga das Tor der zweiten Mannschaft von Bayer Leverkusen beim Spiel gegen den Chemnitzer FC.

Damit ihn die Ärzte kurz vor Schluss behandeln konnten, spielten seine Teamkameraden den Ball ins Seitenaus.

Als Starke wieder fit war, setzten die Chemnitzer das Spiel mit Einwurf den Regeln entsprechend fort. Starke rechnete allerdings damit, den Ball wieder zu erhalten und stand außerhalb seines Strafraums.

Der Chemnitzer Ersin Demir nutzte die Situation und schlenzte den Ball fast von der Mittellinie aus über Starke zum 2:0-Siegtreffer ins Tor.

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