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Fredi Bobic (r.) ist seit dem 27. Juli 2010 Sportdirektor beim VfB Stuttgart © dpa

Nach einem Jahr als Sportdirektor beim VfB zieht Fredi Bobic im SPORT1-Interview Bilanz und räumt mit einem Vorurteil auf.

Von Thorsten Mesch

Stuttgart - Nach dem Remis in Mönchengladbach (Spielbericht) überwog bei Fredi Bobic die Enttäuschung.

Stuttgarts solider Start in die neue Bundesliga-Saison hätte nach Ansicht des VfB-Sportdirektors noch erfolgreicher sein können (Nachbericht: "Spätes Glück - aber nur für Cacau").

Ein neues Denken bei den Schwaben, zumindest, wenn man die Situation mit der abgelaufenen Spielzeit vergleicht (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

Bei SPORT1 zieht Bobic über seine Tätigkeit beim VfB ein Zwischenfazit und analysiert die Arbeit von Trainer Bruno Labbadia.

SPORT1: Herr Bobic, vier Punkte aus zwei Spielen sind eine gute Bilanz. Sind Sie nach dem Spielverlauf in Gladbach trotzdem etwas unzufrieden?

Fredi Bobic: Dafür, dass wir auswärts auf ein Team mit breiter Brust getroffen sind, haben wir eine gute Leistung gebracht. Aber die Enttäuschung ist auch vorhanden, da drei Punkte möglich gewesen wären.

SPORT1: Sie sind seit etwas mehr als einem Jahr Sportdirektor in Stuttgart. Wie sieht ihr Zwischenfazit nach einer turbulenten Saison aus?

Bobic: Die ersten zwölf Monate waren sehr aufreibend. Die letzte Spielzeit war sehr schwierig. Wir hatten einen schlechten Start mit sechs Niederlagen, aber wir haben eine starke Rückrunde mit 30 Punkten gespielt. Trotzdem hat es bis zum vorletzten Spieltag gedauert, bis wir wirklich endgültig gesichert waren. Aber wir haben es geschafft, und das macht mich stolz.

SPORT1: Für Sie war die Saison sicher nicht leicht. Sie mussten kurz nach Dienstantritt zwei Trainer entlassen.

Bobic: Es ging relativ schnell, aber es hatte natürlich mit der sportlichen Situation zu tun. Wir sind sehr schlecht gestartet und haben Christian Gross entlassen. Mit Jens Keller kam ein kurzzeitiger Aufschwung, aber dann lief es wieder in die falsche Richtung. Die Mannschaft hat in dieser Situation nicht richtig mitgezogen und konnte sich selbst nicht befreien, obwohl eigentlich genug Qualität im Kader steckte.

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SPORT1: Und Bruno Labbadia hat diese Qualität dann wieder zum Vorschein gebracht?

Bobic: Mit der Verpflichtung von Bruno Labbadia haben wir eine zum damaligen Zeitpunkt vielleicht riskante Entscheidung getroffen haben, aber für mich war sie absolut überzeugend. Das einzige Risiko lag darin, dass er keine Erfahrung im Abstiegskampf hatte. Wichtig war, die Mannschaft zu analysieren und zu sehen, welcher Trainer am besten zu ihr passt.

SPORT1: Labbadia trägt den Stempel, er sei nur ein Trainer für eine Halbserie. Was macht Sie sicher, dass Labbadia kontinuierlich erfolgreich arbeiten kann?

Bobic: Ich weiß durch meine eigene Karriere, auch im Medienbereich, dass viele Stempel zu schnell aufgedrückt werden. Bruno kann kontinuierlich arbeiten. Was die zwei Stationen angeht, hat alles seine eigene Geschichte. Das darf man nie vergessen. Er hatte vorher in Fürth und in Darmstadt, wo er als Trainer begonnen hat, auch sehr gute Arbeit geleistet. Ich sehe nur den Menschen, was er seinen Spielern abverlangt und wie akribisch er an die Sache herangeht.

SPORT1: Wie wichtig ist das Zusammenspiel zwischen Trainer und Sportlicher Leitung?

Bobic: Sehr wichtig. Wenn Du als Trainer Rückendeckung erhältst, kannst Du auch freier arbeiten. Ich weiß nicht, ob die Zusammenarbeit bei seinen vorherigen Stationen genauso eng war. Wir versuchen zusammen, das Optimum aus der Mannschaft herauszuholen, im Sinne des Vereins und des Erfolgs.

SPORT1: Nach seiner Entlassung in Hamburg hatte sich Labbadia eine Auszeit genommen. Hat ihm diese "Denkpause" gut getan?

Bobic: Die vier, fünf Monate, die er nicht als Trainer gearbeitet hat und in denen er gewisse Dinge reflektiert hat, waren sehr wichtig für ihn, dass betont er immer wieder. Es muss jedem gewährt sein, auf sich und auf seine Arbeit selbstkritisch zurückzublicken. Man muss die Ups und Downs mitnehmen und aus diesen lernen.

SPORT1: Welche Gemeinsamkeiten haben Labbadia und Sie?

Bobic: Wir haben die gleiche Philosophie. Wir lieben den offensiven, attraktiven und aggressiven Fußball. Wir wissen aber, dass dieser eine hohe Laufbereitschaft beinhaltet und von den Spielern großen Einsatzwillen erfordert. Dementsprechend versuchen wir, die Spieler zu scouten. Und wir versuchen, die Spieler dahin zu bringen, absolute Profis zu sein.

SPORT1: Labbadia ist ein sehr temperamentvoller Trainer. Können alle Spieler damit umgehen?

Bobic: Es ist wichtig, die Spieler nicht nur zu fördern, sondern auch zu fordern. Es kann im Einzelfall für einen Spieler mal ein bisschen hart und unangenehm sein, aber im Endeffekt geht es nur um die Sache. Die menschliche Ebene wird auf jeden Fall nie verlassen.

SPORT1: Kapitän Cacau hat gesagt, in der Mannschaft sei die Stimmung viel besser als in der vergangenen Saison. Spüren Sie das auch so? 441123(DIASHOW: Der 2. Spieltag)

Bobic: Die Mannschaft hat gemerkt, dass es nur zusammen geht. Daran haben wir in der vergangenen Rückrunde schon sehr gut gearbeitet. Nachdem die Talsohle durchschritten ist, dürfen wir unseren Weg aber auch nicht wieder verlassen. Wenn Einzelinteressen im Vordergrund stehen, werden wir früher oder später wieder an den Punkt kommen, an dem wir waren.

SPORT1: Erklären Sie den Fans damit auch, dass ein Spieler wie Ciprian Marica, der mehrere Millionen gekostet und noch Vertrag hat, den Verein ablösefrei verlassen hat?

Bobic: Es wird immer Situationen geben, in denen keine wirtschaftliche Win-Situation vorhanden ist und man Spieler verpflichtet, die vielleicht ablösefrei gehen oder deren Vertrag man auflöst. Genauso gibt es Spieler, bei denen man gar nicht investiert hat und bei denen man später einen großen Gewinn macht. Für uns war es ganz klar: Wir wollten den Vertrag auflösen. Das haben wir gemacht, auch wenn es nicht einfach war.

SPORT1: Christian Träsch hat den VFB für 13 Millionen Euro in Richtung Wolfsburg verlassen. Wenn man das Wirtschaftliche und Sportliche gegeneinander abwägt, war sein Verkauf eine Win-Situation?

Bobic: Wir wollten ihn nicht abgeben. Unser Ziel war, mit ihm zu verlängern. Der Spieler hat sich dagegen entschieden, er wollte unbedingt nach Wolfsburg. Wenn ein Spieler unbedingt weg möchte, ist er mit dem Kopf eigentlich schon woanders. Man könnte es knallhart durchziehen und ihn aus sportlichen Gründen halten, aber man muss auch an den Verein denken. Ein anderer Verein hat einen sehr guten Preis geboten und nach Abwägung aller Kriterien haben wir uns entschieden, ihn abzugeben.

SPORT1: Der Ex-Stuttgarter Andreas Hinkel trainiert momentan beim VfB. Wie ist der Stand?

Bobic: Andreas hat große Verdienste für den Verein, aber ist nach seinem Kreuzbandriss fast ein Jahr ohne Spielpraxis. Wir haben ihm gesagt "Es ist kein Probetraining. Du kannst bei uns fit werden und vor allem mit einer Mannschaft trainieren." Andi ist auf einem guten Weg. Er muss erst wieder in einen Fitness-Zustand zu bekommen, der ihm die Möglichkeit gibt, wieder auf Topniveau zu spielen. Dann werden wir sehen, was die Zukunft bringt.

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