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Martin Jol trainierte vor dem HSV Tottenham Hotspur von 2004 bis 2007 © getty

HSV-Coach Jol ist zuversichtlich, auch ohne van der Vaart ein Abrutschen zu verhindern. Die Sport1-Vorschau.

Von Martin Hoffmann

München - Im November vergangenen Jahres hatte Huub Stevens seinen Abgang als Trainer des Hamburger SV verkündet.

Geschlagene sechs Monate brauchte der HSV danach, um einen Nachfolger zu finden.

Die Führung der Hanseaten gab ein fatales Bild bei der vielleicht längsten Trainersuche der Liga-Geschichte ab.

Aber der Mann, den die Bosse letztendlich unter Vertrag nahmen, hat dieses Bild schon erheblich aufpoliert.

Der äußere Eindruck trügt

Der Niederländer Martin Jol mutet knorrig an, sein Aussehen hat ihm bei Ex-Klub Tottenham diverse Spitznamen eingebracht:

"Der Pate", "Tony Soprano" oder "Oberschulrat Chalmers" - nach einer immer schlecht gelaunten "Simpsons"-Figur.

Doch der Eindruck täuscht: Jol punktete in der Öffentlichkeit als charmanter, humorvoller und fachkundiger Gesprächspartner.

Prägende Figur hat sich abgesetzt

Doch ein wenig ist Jol das Lachen vergangen, seit seinem Klub der personalpolitische Super-GAU widerfahren ist.

Spielmacher Rafael van der Vaart, die herausragende Figur der vergangenen drei Jahre, hat sich zu Real Madrid abgesetzt.

Schon vorher erschien fraglich, ob der HSV den vierten Platz aus der Vorsaison wiederholen könnte. Ohne "vdV" steht Jol endgültig vor der Reise ins Ungewisse.

Wer ist neu?

Lange Zeit schienen die beiden Freiburger Jonathan Pitroipa und Dennis Aogo die einzigen Zugänge zu bleiben. Nach dem Abgang von Rafael van der Vaart sucht der HSV aber fieberhaft weitere Verstärkungen - noch ohne Ergebnis.

Die beiden fixen Verpflichtungen sind keine großen Namen, aber speziell Pitroipa hat schon mächtig Eindruck hinterlassen.

Manager Dietmar Beiersdorfer habe ihm erzählt, "dass die halbe Bundesliga hinter dem Jungen her war", sagt Jol über den Angreifer aus Burkina Faso: "Ich hielt das für übertrieben - aber jetzt kann ich das nachvollziehen."

Der wendige 22-Jährige ist aber ein Außenstürmer und nicht der "Neuner", den Jol noch sucht um die Torquote aufzubessern - die war mit nur 47 Treffern in der Vorsaison das große Manko.

Wer ist der Hoffnungsträger?

Rafael van der Vaart ist weg und die Vorstellung, dass ein Einzelner ihn ersetzen kann, ist eine Illusion.

Allerdings gibt es einen Mann, den Jol immer wieder an erster Stelle nennt, wenn es um die Neuverteilung der Lasten geht: Piotr Trochowski.

"In ihm steckt noch viel mehr drin", glaubt der Coach. Er müsse aber erst beweisen, "dass er ein so kompletter Spieler wie van der Vaart werden kann".

"Ich bin nicht van der Vaart II", hat der Nationalspieler zwar schon klargestellt. Aber er soll unter Jol von links ins Zentrum rücken und dort zum Verantwortungsträger reifen.

Trochowskis größte Schwäche: Anders als van der Vaart verbreitet er kaum Torgefahr. Ein Treffer bei 88 Schüssen lautet die verheerende Bilanz aus der Vorsaison.

Wie ist die Stimmung?

Es ist eine Mischung aus Frust und Trotzigkeit, die nach van der Vaarts Abgang in Hamburg eingekehrt ist.

"Wenn du zu einem Verein kommst und erst mal den besten Spieler abgeben musst, ist es schwierig", meint Jol: "Ich habe immer gehofft, dass es nicht so weit kommt."

Im gleichen Atemzug aber schaut Jol nach vorn: "Jetzt werden wir den Verlust auffangen."

Was Mut macht: Auch ohne van der Vaart hat der HSV ein Testspiel gegen Juventus Turin gewonnen - ob unter echten Wettkampfbedingungen solche Coups drin sind, muss sich aber erst zeigen.

Der mühsame Pokalsieg in Ingolstadt dürfte die Zweifel eher noch verstärkt haben.

Was sind die Ziele?

Als Jol in Hamburg angekommen ist, hat er das internationale Geschäft als Zielmarke ausgegeben.

Doch das war vor van der Vaarts Abgang. Danach hat Jol seine Ziele heruntergeschraubt.

Jetzt heißt es nur noch: "Der HSV war in den letzten drei Jahren unter den ersten sieben Teams, daran soll sich nichts ändern."

Sport1.de-Prognose:

Jol hat angekündigt, jeden Spieler weiterentwickeln zu wollen, und das ist auch bitter nötig.

Mit dem kaum verstärkten 08-Kader minus van der Vaart ist es sonst nicht drin, noch einmal ins internationale Geschäft vorzustoßen.

Viel hängt auch davon ab, ob der HSV noch den gewünschten Knipser an die Elbe lotsen kann.

Klappt das nicht, läuft Hamburg ernsthaft Gefahr, vom dichten Gedränge um die internationalen Plätze ins Mittelmaß abzusinken.

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