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Raul (r.) absolvierte für Real Madrid 549 Erstligaspiele in Spanien © getty

Königsblau feiert in Mainz eine wundersame Auferstehung und Weltstar Raul. Helsinki soll sich warm anziehen. Die 05er überdrehen.

Von Eric Böhm

Mainz/München - Die emotionalen Schwankungen beim FC Schalke 04 als Achterbahnfahrt zu bezeichnen, wäre eine heillose Untertreibung.

Nach dem Offenbarungseid in den Europa-League-Playoffs bei HJK Helsinki und den ständigen Wechselgerüchten um Raul noch zu Tode betrübt, herrscht urplötzlich wieder Feierstimmung.

Denn die grandiose 4:2-Aufholjagd bei Mainz 05 (Bericht: S04-Comeback schockt Mainz) nach 0:2-Halbzeitstand veredelte Raul mit seinem S04-Bekenntnis noch zusätzlich (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

"Ich habe immer betont, dass ich mich freue, wenn er bleibt. Diese Nachricht bringt nur Vorteile für uns", wirkte nicht nur Coach Ralf Rangnick erleichtert.

Tag der Befreiung

Der Verbleib des Weltstars und die leidenschaftliche zweite Hälfte beim scheinbar ständigen Überraschungsteam wurden für die Königsblauen zum Tag der Befreiung.

Die Last der letzten Wochen schien den Spielern nach dem Abpfiff regelrecht von den Schultern zu fallen 443246(DIASHOW: Der 3. Spieltag).

Die Szenerie auf dem Rasen der Coface-Arena hatte Symbolcharakter.

Den Spielern fielen große Steine vom Herzen, sodass sie nicht einmal ausgelassen mit den euphorisierten Fans jubeln konnten - dazu trug auch die physische Anstrengung bei den hohen Temperaturen bei.

Farfan löst Blockaden

Vor allem der zur Pause eingewechselte Jefferson Farfan riss die Schalker aus der Lethargie und sorgte mit unwiderstehlichen Antritten für die triumphale Wiedergeburt der "Knappen".

"Farfan hat dafür, dass er seit drei Monaten nicht mehr gespielt hat, den Mainzern große Probleme bereitet", lobte Rangnick den Peruaner.

Seine Dynamik über den rechten Flügel hatte Schalke zuletzt extrem vermisst. Gleich an drei Toren war Farfan direkt beteiligt und ließ das pomadige Spiel der Schalker in den ersten 45 Minuten vergessen.

Raul macht Schalker glücklich

Die Initialzündung lieferte aber der Mann, der zuletzt für so viel Diskussionsstoff gesorgt hatte.

Raul bereitete den Anschlusstreffer von Huntelaar vor und war auch beim Ausgleich durch Kapitän Benedikt Höwedes involviert.

Den größeren Dienst hatte der Rekordtorschütze der Champions League dem Verein schon Stunden vor Anpfiff erwiesen.

"Ich bleibe definitiv auf Schalke und werde meinen Vertrag erfüllen. Ich fühle mich hier wie zu Hause. Es ist eine Ehre für mich, in der Bundesliga zu spielen", hatte der 34-Jährige gesagt und damit alle kühnen Spekulationen beiseite gewischt.

Rangnick als Gewinner

Als großer Gewinner durfte sich nicht zuletzt auch Rangnick fühlen.

Dabei spielte der erste Sieg gegen seinen Zögling aus Ulmer Tagen - Mainz-Trainer Thomas Tuchel - nur eine untergeordnete Rolle.

In der Pause rüttelte er sein Team nach dem "gefühlten 0:4-Rückstand" auf und hatte auch mit seinen taktischen Umstellungen Erfolg.

"Ich habe der Mannschaft gesagt, wenn wir so weiterspielen, kriegen wir zu recht um die Ohren. Dass wir die Partie gedreht haben, zeigt, dass wir auf einem guten Weg sind", so Rangnick.

Körperliche Fitness

Je länger das Spiel dauerte, umso wahrscheinlicher wurde der historische Sieg - ein solcher Rückstand wurde zuletzt vor zehn Jahren im Spiel der legendären "Vier-Minuten-Meisterschaft" gegen Unterhaching noch gedreht.

Ein weiterer Beweis, dass der Coach das Team auch körperlich topfit gemacht hat. Denn schon gegen Köln lieferte S04 eine fulminante zweite Hälfte.

Kampfansage an Helsinki

Trotzdem wackelte Schalke auch in dieser Phase. Der Pfostenknaller von Eugen Polanski - es wäre das 2:3 gewesen - steht dafür beispielhaft.

"So gefestigt, wie wir sein wollen, sind wir noch nicht", war sich Rangnick seiner noch offenen Baustellen bewusst.

Das Selbstvertrauen ist aber auch beim "Professor" wieder zurück. Seine Kampfansage an Helsinki für das Rückspiel auf Schalke am Donnerstag beweist dies: "Wer in Mainz vier Tore schießt, kann das auch zu Hause gegen Helsinki."

Tuchel gibt Fehler zu

Ganz anders sah die Gefühlslage beim entthronten Tabellenführer aus.

"Wenn ich mich jetzt noch einmal entscheiden müsste, dann würde ich komplett auf den Ballbesitz verzichten und den Schalkern die Initiative überlassen", räumte Tuchel eine vielleicht zu offensive Gangart ein.

In der Tat schienen die Mainzer mit ihrem Sturmlauf in der Anfangsphase überdreht zu haben. Am Ende waren gleich bei mehreren Spielern die Kraftreserven völlig aufgebraucht.

"Wir hatten einige Spieler, die schon in der Halbzeit Kreislaufprobleme hatten", bestätigte Torwart Heinz Müller den optischen Eindruck.

Müller lässt sich anstecken

Der sonst so souveräne Keeper ließ sich von der zunehmenden Verunsicherung anstecken und sah sowohl bei der Ecke, die zum 2:2 führte, als auch bei Fuchs' Freistoß in die Torwartecke nicht sonderlich gut aus.

Die 05er sind nach dem unverhofften Ende ihres Höhenfluges zurück auf dem harten Boden der Realität, während bei den Schalke-Fans wohl schon wieder die Champions League in den Köpfen herumspukt.

Das ist eben der ganz normale Schalke-Wahnsinn.

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