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Freude pur: Gladbach ist seit 1998 wieder Tabellenführer in der Bundesliga © getty

Gladbach befindet sich im Rausch. Erst in der Relegation hielt die Borussia die Klasse, nun mischt die Favre-Truppe die Liga auf.

Von Reinhard Franke

München ? Gestern Frust, heute Lust.

Wer vor der Saison auf Borussia als Tabellenführer nach drei Spieltagen gesetzt hatte, dem hätten viele sicher zugestimmt. Allerdings hätten die meisten Experten dabei wohl an den Meister gedacht, an Borussia Dortmund - und nicht an Borussia Mönchengladbach.

Die aktuelle Tabelle wird sich wohl jeder Gladbach-Fan ausschneiden und übers Bett hängen. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

Es gibt einiges zu feiern am Niederrhein. Drei Spiele, sieben Punkte, Platz 1.

Die Saison begann mit dem Sensationssieg bei Bayern München und einige Borussia-Fans dachten in dem Moment vielleicht an die Saison 1997/1998 zurück.

Damals schaffte der 1. FC Kaiserslautern das Kunststück als Aufsteiger Meister zu werden ? und die Saison begann mit einem 1:0 Sieg beim FC Bayern. Träumen darf erlaubt sein, wenn auch die Verantwortlichen bei Borussia jeglichen Träumereien der Spieler und Fans einen Riegel vorschieben.

Bester Saisonstart nach 1973/74

Dennoch: Borussia Mönchengladbach, letztes Jahr noch Fast-Absteiger, mischt nach dem 4:1 gegen Wolfsburg 443246(DIASHOW: Der 3. Spieltag) die Liga auf. Es ist der beste Start der "Fohlen", der zuletzt von der Saison 1973/74 getoppt wurde (drei Siege).

Das letzte Mal Tabellenführer war Gladbach in der Saison 1998/99 nach einem Sieg über Schalke 04.

Der Erfolg hat vier Gesichter: Trainer Lucien Favre, Torwart Marc-Andre ter Stegen, Mittelfeld-Rennmaus Marco Reus und Stürmer Raul Bobadilla.

Was macht Favre richtig? Der Coach hat in der Vorbereitung dreimal am Tag trainieren lassen, genau wie ein Jürgen Klopp. BVB und Borussia sind nun die laufstärksten Teams der Liga. Köln hat unter Solbakken nur einmal trainiert.

Perfektionist Favre

Zum Vergleich: Ein Michael Frontzeck, Favres Vorgänger, hat letzte Saison nur sieben bis acht Stunden in der Woche trainieren lassen. Favre hat eine genaue Vorstellung vom Fußball. Der Perfektionist arbeitet akribisch wie im heißen Abstiegskampf.

Jedes Detail der Defensiv- und Offensivspiels packt er gewissenhaft an. Schlendrian im Team? Fehlanzeige. "Angriffe wie das 4:1", erklärt Mike Hanke, "haben wir unendlich oft einstudiert." Das wirklich entscheidende Mosaiksteinchen für den Erfolg: Favre machte viele Spieler besser.

Die besten Beispiele sind Kapitän Filip Daems oder auch Juan Arango. Auch Bobadilla blüht unter Favre auf. Während sich andere Mannschaften aber mit ihren Neuzugängen noch finden müssen, war Gladbach dank weniger Personaländerungen eingespielt.

"Wir wissen, was zu tun ist"

Hanke sagt im "kicker": "Wir wissen, was zu tun ist. Gegen Wolfsburg haben wir unser Pressing immer gut angesetzt, das haben wir taktisch hervorragend gespielt." Taktik ist das große Zauberwort bei Favre.

Dank Favre hat Borussia viel weniger Gegentore bekommen als noch unter Frontzeck. Die Defensive ist das neue Prunkstück.

Aber auch die bisherigen drei Spiele basierten auf einer taktisch geschlossenen Mannschaftsleistung.

Zittersaison hat zusammengeschweißt

Auch ein Plus: Die vergangene Zittersaison hat Spieler und Umfeld geprägt. "Sie hat uns zusammengeschweißt", erklärt Reus. Die Euphorie aus dem Last-Minute-Klassenerhalt wurde mitgenommen.

Doch ausruhen gibt es bei "Taktik-Fuchs" Favre nicht. Roman Neustädter, der unter dem Trainer zu einer festen Größe als "Sechser" wurde, betont, dass "wir uns nicht ausruhen dürfen und weiter hart an uns arbeiten müssen."

Reus und ter Stegen als Garanten

So sieht es auch Daems: "Wir dürfen nicht den Fehler machen, die letzte Saison zu vergessen." Favre versteht es offenbar seine Spieler auf dem Boden zu behalten. Zwei, die unter ihm zu absoluten Stabilisatoren des Systems wurden, sind ter Stegen und Reus.

Der Torwart wurde unter Favre zur Nummer 1 und Reus reißt die komplette Offensiv-Abteilung mit. Schon jetzt steht sein Name in den Notizblöcken anderer Spitzenklubs, wenn Reus Gladbach im nächsten Sommer für eine festgeschriebene Ablösesumme im zweistelligen Millionenbereich verlassen kann.

Topklubs stehen Schlange

Zuletzt haben schon Juventus Turin und Arsenal angeklopft. Laut Reus' Berater gibt es "unheimlich viele Anfragen aus ganz Europa." Noch sagte Reus allen ab. Ein weiterer Stern ging unter Favre mit ter Stegen auf. Die stabile Defensive basiert auf ihm als souveränem Keeper.

Der 19-Jährige machte da weiter, wo er in der Rückrunde aufgehört hatte. Er rettete der Borussia mit Glanzleistungen Spiele wie das zum Start in München.

Träumen erlaubt

Favre wurde bei seiner ersten Bundesligastation Hertha BSC Berlin entlassen, nachdem es im Jahr nach einem sensationellen vierten Platz abwärts ging.

Mit Andrej Voronin, Marko Pantelic und Joe Simunic musste die Hertha gleich drei Leistungsträger ziehen lassen und konnte diese nur unzureichend ersetzen. Favre musste vorzeitig gehen, konnte seine Vorstellungen von taktisch perfektem Fußball nicht weiter umsetzen.

Jetzt zeigt er, was er zu leisten imstande ist. Und das Jahr 1998 dürfte bei allen Gladbachern zumindest ein wenig im Hinterkopf herum spuken. Viele denken zurück an die glorreichen 70er Jahre der Borussia. Ein bisschen träumen wird erlaubt sein.

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