Philipp Lahm hat mit dem Ausplaudern von Interna in seinem Buch ein Tabu gebrochen. Die Folgen könnten drastisch sein.

Philipp Lahm hat mit seinem Buch "Der feine Unterschied" einen Blick durchs Schlüsselloch gewährt.

Neben allerlei Seitenhieben auf seine früheren Trainer Rudi Völler, Jürgen Klinsmann, Louis van Gaal und Felix Magath kommen auch seine Teamkollegen nicht ungeschoren davon.

Doch auch Selbstkritisches ist zu lesen. So habe er nach seinem Fehler zum letztlich entscheidenden 0:1 im EM-Finale 2008 gegen Spanien in der Halbzeit verletzt in der Kabine gesessen und geheult.

"Schlimmer geht?s nicht", schreibt Lahm: "Zuerst den Bock schießen und dann nicht mehr mithelfen können, die Scharte auszuwetzen."

[image id="d31e7348-646e-11e5-acef-f80f41fc6a62" class="half_size"]

Genau das gleiche Gefühl dürfte den Buchautor nun überkommen beim Blick auf die heftigen Reaktionen auf seine kritischen Aussagen.

Die Meinung von Rudi Völler teilen wohl alle Genannten und die meisten Nicht-Genannten.

Lahm, bisher eher als perfekter Schwiegersohn wahrgenommen, habe "null Charakter" und "keinen Funken Anstand", so das vernichtende Urteil des ehemaligen DFB-Teamchefs.

Der Grund für Völlers Wutrede: Das Ausplaudern von Interna und die öffentliche Bloßstellung von Trainern und Mitspielern steht - bekanntermaßen - in der Branche absolut auf dem Index.

Viele Ex-Profis haben sich mit solchen Veröffentlichungen nach der Karriere keinen Gefallen getan, etwa Bodo Illgner.

Noch drastischer können die Konsequenzen für einen noch aktiven Spieler sein, wie das Beispiel von Toni Schumacher zeigt.

Dessen Laufbahn in der Nationalmannschaft war nach seinem kritischen Buch "Anpfiff" 1986 beendet.

Und das laut des damaligen DFB-Teamchefs Franz Beckenbauer nicht wegen seiner Doping-Anschuldigungen, sondern weil man "Interna aus einer Familie" nicht an die Öffentlichkeit bringe.

Lahms Problem: Er kann praktisch keine seiner Statements mehr zurücknehmen. Denn dann müsste er eigentlich sein Buch, das offiziell erst am nächsten Montag erscheint, wieder vom Markt nehmen.

So aber werden Fans, Journalisten und Kollegen das Buch verschlingen - und ihre Schlüsse daraus ziehen.

Es wäre wenig verwunderlich, wenn der bisherige Führungsspieler und Kapitän Lahm beim FC Bayern und der DFB-Auswahl Stück für Stück an den Rand gedrängt würde.

Denn welcher Trainer und welcher Mitspieler kann und will Lahm noch vertrauen, wenn er die Gefahr sieht, dass vertrauliche Dinge im nächsten Buch oder in einer Boulevardzeitung veröffentlicht werden?

Lahm hat mit dem Versuch, sich als Persönlichkeit zu positionieren, ein Eigentor mit Anlauf geschossen. Und es gibt derzeit kaum einen Weg für ihn, "die Scharte auszuwetzen".

Zum Forum - jetzt mitdiskutieren! Zurück zur Startseite

teilentwitternE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel