"Die Entwicklung ist noch nicht am Ende"
Von Reinhard Franke
München - Bis ins Frühjahr hinein galt Mönchengladbach als sicherer Absteiger, die Verantwortlichen standen in der Kritik.
Doch dann gelang der Borussia unter dem neuen Trainer Lucien Favre die Wende. In der Rückrunde sammelte die Mannschaft 26 Punkte und rettete sich in den Relegationsspielen gegen den VfL Bochum.
In der neuen Saison bestätigen die Gladbacher den Aufwärtstrend und liegen sensationell auf Rang drei.
Sportdirektor Max Eberl, an dem sich in der vergangenen Spielzeit ein Großteil der Kritik festmachte, verspürt aber keine Genugtuung.
"Nein, die gibt es nicht", sagt er im Interview mit SPORT1.
Er spricht über sein Verhältnis zu Favre, das "neue" Gladbach und die Begehrlichkeiten, die die jungen Borussia-Spieler wecken.
SPORT1: Herr Eberl, Borussia Mönchengladbach ist die Überraschung der Saison: Platz drei. Ist das Ihre schönste Phase als Sportdirektor des Vereins?
Max Eberl: Es ist momentan eine ruhigere Phase. Doch oft macht man in den Phasen die größten Fehler, deshalb ist man aufmerksam, was passiert und muss weiter die Planung vorantreiben.
Aber mit Sicherheit ist jetzt eine Phase, die man auch mal genießt, nachdem wir letzte Saison extreme Probleme hatten sportlicher und politischer Art um den Verein herum.
SPORT1: Aber Sie können sich schon freuen, oder?
Eberl: Ich habe das registriert und es ist auch schön, aber vor allem finde ich es gut, wie wir Fußball spielen. Ich werde oft gefragt, ob es eine Genugtuung gibt. Nein, die gibt es nicht.
Ich bin nur froh darüber, dass viele Entscheidungen, die auf der Basis logischen Überlegens, eines Abwägens von Chancen und Risiken, gefällt wurden, nun zu positiven Ergebnissen geführt haben.
Jetzt haben wir ein Fundament mit einer Mischung aus jungen und arrivierten Spielern, in einem Verein, der durch die letzte Saison extrem zusammengewachsen ist.
SPORT1: Was war Ihre erfolgreichste Entscheidung in den zurückliegenden Monaten?
Eberl: Wir sind natürlich froh, dass wir Lucien Favre (Borussias Trainer, Anm. d. Red.) für uns gewinnen konnten.
Wir haben mit ihm einen Trainer gefunden, der nicht der obligatorische Feuerwehrmann war, sondern ein Trainer, der unseren Weg, mit jungen Spielern eine Mannschaft aufzubauen, mitgeht und in unseren Plan sehr gut reinpasst.
Genauso wichtig ist es aber auch einen Marc-Andre ter Stegen im Tor zu haben, einen Marco Reus in der Offensive. Diesen einen Moment mit der richtigen Entscheidung zu beschreiben ist schwer, aber es muss ein Bild entstehen mit mehreren Mosaiksteinen, die gut zusammen passen.
SPORT1: Wie soll das Bild weiter aussehen?
Eberl: Das Bild soll größer werden. Es sollen noch mehr Mosaiksteine gefunden werden, die in das Bild reinpassen. Das wird schwierig genug. Aber wir haben uns gerade in der Vergangenheit eine Identität geschaffen in der Arbeit mit jungen Spielern.
Der nächste Schritt ist, dass junge Spieler hier bleiben. Früher haben wir einen Marco Marin oder Marcell Jansen gehen lassen, dieses Jahr war der Anlass, dass wir unsere jungen Spieler wie einen Reus, ter Stegen oder Dante halten konnten.
SPORT1: Mit welcher Blickrichtung?
Eberl: Erfolgreich Fußball spielen. Wir haben eine Basis, eine Mannschaft und eine Struktur im Verein mit dem Trainer zusammen und sind auf einem guten Weg. 13 Punkte in sechs Spielen ist für Gladbach eine herausragende Bilanz.
SPORT1: Wie ist Ihr Verhältnis zu Lucien Favre?
Eberl: Es ist konstruktiv, produktiv und auch kritisch. Wir diskutieren über viele Dinge, die im Fußball passieren.
SPORT1: Auch freundschaftlich?
Eberl: Wir haben ein sehr gutes Verhältnis. Ist es immer gleich eine Freundschaft? Es soll ja nicht zu eng werden. Wir sind beide in führenden Positionen, um etwas zu schaffen. Freundschaften sind da oft kontraproduktiv. Wir schätzen uns sehr.
SPORT1: Kommen in Gladbach wieder Gedanken an die glorreichen 70er Jahre auf?
Eberl: Wir haben den Vergleich mit den 70ern letzte Saison nach unserem 6:3-Sieg in Leverkusen erfahren. Zu was es geführt hat, wissen wir alle. Ich bin realistisch, bin kein Träumer.
Natürlich habe ich eine Vision und natürlich möchte ich den größtmöglichen Erfolg für den Klub haben. Wir wollen das jetzt genießen mit Platz drei, wissen aber, wie eng alles in der Bundesliga ist.
Von Spiel zu Spiel, das ist die Philosophie in Gladbach, gelernt aus der nahen Vergangenheit.
SPORT1: Was macht das neue Gladbach sonst noch aus?
Eberl: Dass wir eine Qualität in der Mannschaft haben. Der Trainer hat nicht umsonst gesagt, dass die Mannschaft nach vier Wochen schon verstanden hat, was er von ihr will.
Die Truppe hat die Intelligenz, wie der Trainer sich das vorstellt. Und die Mannschaft hat Potenzial, ist mit einem Durchschnittsalter von rund 24,5 Jahren in der Entwicklung noch nicht am Ende.
SPORT1: Sie hatten nicht viel Erfahrung als Sportdirektor, umso erstaunlicher dieser Erfolg.
Eberl: Ich war vier Jahre Jugenddirektor in Gladbach. Und da machst du eine ähnliche Arbeit wie als Sportdirektor. Nur nicht in dieser Öffentlichkeit. Das war eine wunderbare Plattform, um zu lernen.
Ich konnte über die Jugend Erfahrung sammeln. Das war ein Vorteil für meine jetzige Arbeit, weil ich gelernt habe, mit jungen Menschen zu arbeiten.
SPORT1: Sie haben letzte Saison viel Kritik einstecken müssen, weil Sie zu lange an Ex-Trainer Michael Frontzeck festhielten. Haben Sie da mal ans Aufhören gedacht?
Eberl: Nein, weil ich auch viel Zuspruch bekam. Ich habe mir gesagt 'warum soll ich aufgeben?' Wir haben so viele gute Entscheidungen gefällt, Vertragsverlängerungen, Spieler geholt, die richtig gut sind, im Jahr davor mit Frontzeck eine richtig gute Saison gespielt.
Jetzt sind wir wieder auf einem guten Weg. Die Tendenz ist positiv.
SPORT1: Der Erfolg weckt Begehrlichkeiten. Wie lange können Sie Spieler wie ter Stegen, Reus, Dante noch halten?
Eberl: Reus und Dante haben noch Verträge und auch ter Stegen hat noch Vertag bis 2014. Gerade bei ter Stegen muss ich sagen: Lasst den Jungen sich doch erst mal entwickeln.
Wir haben aktuell eine Mannschaft, die sich entwickelt. Mit Spielern, die sich ebenfalls entwickeln. Man wird sehen, was die Zukunft bringt.
SPORT1: Ist Borussia schon bereit für den großen Schritt oder kommt jetzt von Ihnen die "wir müssen 40 Punkte holen"-Nummer?
Eberl: Der ganz große Schritt ist das nächste Spiel gegen Nürnberg zu Hause.
Zum Forum - hier mitdiskutieren!
Zurück zur Startseite


