Aus Sicht des Psychologen Christian Nawrath kann die Fußball-Branche nach dem "Fall Rangnick" eine Vorreiterrolle übernehmen.

Ralf Rangnick ist ausgestiegen aus dem Bundesligageschäft.

Er nimmt sich jetzt die Zeit, die er braucht, um wieder gesund zu werden. Werden wir ihn wieder als Profi-Trainer an der Seitenlinie stehen sehen?

Dies hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab. Zuächst muss man abwarten, ob Ralf Rangnick überhaupt wieder in das Trainergeschäft einsteigen will.

Ein Mensch, der eine solche erhebliche Erkrankung erleidet, ändert sich, lernt sich neu kennen und sortiert die Prioritäten in seinem Leben anders.

Sollte Rangnick in etwas entfernterer Zukunft wieder voll belastbar und arbeitsfähig sein, was ihm zu wünschen wäre und auch denkbar ist, wird er sicherlich eine andere Einstellung zur Arbeit haben.

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Es gibt verschiedenste Strategien (zum Beispiel Entspannungstechniken), um sich für schwierige Situationen zu wappnen.

Selbst wenn Rangnick sich vollständig erholt, vielleicht sogar gestärkt aus dieser Krise heraustritt, bleibt aber eine andere Frage offen:

Gibt ihm die Bundesliga auch die Zeit, um zurückzukommen?

In Zukunft wird mit dem Namen Rangnick verbunden werden, dass es da eine Krise gab.

Vor einigen Tagen hätte ich noch gesagt, dass dies aus Sicht des Profifußballs ganz eindeutig ein Makel auf dem Trainer-Image ist und die Karriere an vorderster Front beendet sein wird.

Doch die anerkennenden Reaktionen auf den Rücktritt geben zumindest Anlass zur Hoffnung, dass sich die Branche ändert.

Zumal Ralf Rangnick den Vorteil hat, dass er in der Vergangenheit große Erfolge hatte, die auf seinem Portfolio stehen.

Das ist gut für ihn, denn ein unerfahrener Trainer würde an seiner Stelle wohl keine zweite Chance in der ersten Reihe des Profi-Fußballs bekommen.

Sollte also Ralf Rangnick wieder an die Tür eines Bundesligisten klopfen und die dortigen Entscheidungsträger ihn hereinbitten (oder anders herum), gibt es die Möglichkeit, dass seine Erkrankung auch so gesehen wird wie sie ist.

Als ein Phänomen, das in unserer Gesellschaft sehr häufig vorkommt. Als einen zwar gravierenden, aber auch heilbaren Einschnitt in das Leben.

Und als eine Chance für einen Menschen, daran zu wachsen.

Und wenn dann Ralf Rangnick nachweist, dass er sowohl erfolgreich als auch, auf seine Gesundheit bezogen, effektiv arbeiten kann, hätte der Fußball eine Vorreiterrolle eingenommen, die ihm viele so nicht zugetraut hätten.

Denn dann könnte im Fußball gezeigt werden, dass ein Image keine verlässliche bzw. unveränderliche Größe ist. Der Makel kann kleiner, unwichtig oder sogar zum Vorteil werden.

Dann könnte auch klar gemacht werden, dass für den absoluten Erfolg ein Trainer nicht so lange verheizt werden muss, bis er gefeuert wird oder ausgebrannt ist.

Sondern, dass das innere Feuer brennen kann, ohne gefährlich für den Trainer zu werden.

Das wäre der größte Sieg von Ralf Rangnick in seiner Laufbahn: Die Entmystifizierung einer psychischen Erkrankung im Profi-Fußball, Leistungssport und in der Gesellschaft.

Christian Nawrath (35) ist Diplom-Psychologe. In seiner Diplomarbeit beschäftigte er sich mit dem Thema "Burnout und Arbeitsplatzunsicherheit von Fußballtrainern". 2006 veröffentlichte er sein Buch "Arbeiten auf dem Schleudersitz. Trainer werden, Trainer sein, Trainer bleiben." Zu diesem Thema promoviert er derzeit an der Sporthochschule in Köln. Dazu betreibt er die Internetseite "www.trainerburnout.de"

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