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Wolfgang Overath war seit Juni 2004 Präsident des 1. FC Köln © getty

Der FC-Vorstand mit Präsident Overath an der Spitze tritt mit sofortiger Wirkung zurück. Interne Querelen geben den Ausschlag.

Von Eric Böhm

Köln - Wolfgang Overath hat auf der Mitgliederversammlung des 1. FC Köln eine Bombe platzen lassen.

Der Präsident trat am Sonntag in einer denkwürdigen Sitzung völlig überraschend zurück und hinterlässt ein Machtvakuum bei den Domstädtern.

Denn mit Ende der Sitzung gaben auch die Vize-Präsidenten Jürgen Glowacz und Friedrich Neukirch ihre Posten mit sofortiger Wirkung auf.

Plötzlicher Sinneswandel

Overath, Weltmeister von 1974, und seine Präsidiumskollegen waren bis 2013 gewählt. Noch in der vergangenen Woche hatte der 68-Jährige erklärt, dass er bis 2013 weitermachen wolle.

"Mit Ende der Mitgliederversammlung treten wir von unseren Ämtern als Präsident und Vizepräsidenten des 1. FC Köln zurück. Die Entscheidung ist uns schwer gefallen, weil der FC uns immer eine Herzensangelegenheit war und bleiben wird", hieß es in der Presseerklärung des Klubs.

Interne Querelen

Um genau 14.49 Uhr beendete Overath seine siebenjährige Amtszeit und deutete interen Querelen als mögliche Ursache an.

"Wir waren auch intern in letzter Zeit nicht immer ein Team. Dann überlegt man, warum man so etwas freiwillig und ehrenamtlich macht. Und man überlegt, ob man so etwas fortsetzen will", sagte Overath.

Auch Geschäftsführer Claus Horstmann bekam eine deutliche Spitze zu spüren: "Der FC braucht einen Geschäftsführer. Aber ein Verein wie der FC hat es verdient, eine Seele zu haben."

"Nicht mehr Wochenenden versauen"

Unter Pfiffen von Teilen der insgesamt rund 2500 anwesenden Mitgliedern in der Lanxess-Arena legte der scheidende Präsident seine Unzufriedenheit deutlich dar.

"Ich bitte den Verwaltungsrat um Verständnis, dass wir vorher darüber nicht gesprochen haben. Wir wollen uns nicht mehr über Spielberichte ärgern. Nicht mehr die Wochenenden versauen", meinte Overath.

Einige Mitglieder reagierten auf die Äußerungen des einstigen FC-Idols mit Pfiffen und Buh-Rufen. Immer wieder gab es aber auch Zustimmung von Unterstützern Overaths. Während der vierstündigen Veranstaltung kam es zu Handgreiflichkeiten unter den Fans, einige wurden abgeführt.

[kaltura id="0_iqlrxo46" class="full_size" title="Overath-Rücktritt löst Chaos aus"]

Overath kartet nach

Auch die Jahreshauptversammlung des vergangenen Jahres hat das FC-Idol nicht vergessen und bezog diese Demütigung - er wurde gnadenlos ausgepfiffen - in seine Abschiedsrede ein.

"Es nervt, wenn eine vielleicht auch nur kleine Gruppe immer wieder attackiert", so der 68-Jährige. Er habe sich geärgert über diese Menschen und deren nie konstruktive Kritik.

Den darauffolgenden Rufen "Trete doch zurück" schleuderte er seinen Rücktritts-Paukenschlag entgegen.

Sportliche Führung ausgenommen

Die aktuelle sportliche Führung und den Kader nahm Overath dabei bewusst aus. Der 1. FC Köln sei für die Zukunft gut aufgestellt (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

"Die von uns verpflichtete sportliche Leitung mit Sportdirektor Volker Finke und Trainer Stale Solbakken macht einen tollen Job. Die Mannschaft hat genügend Potenzial", hieß es in einer Mitteilung des Klubs.

Sportchef Volker Finke sagte: "Ich muss mich selbst sortieren. Ich habe in extrem wichtigen Situationen neben dem Vorstand gesessen. Ich weiß, was das bedeutet, dass irgendwo eine Grenze erreicht wird, an der man zurücktritt."

Neuer Verwaltungsrat gewählt

Der plötzliche Rückzug des Führungsgremiums hinterlässt den FC im Schockzustand. Erst am Samstagabend hatten sich die drei Vorstände zum Abtreten entschieden.

Noch am Sonntag wurde ein neuer Verwaltungsrat gewählt. An seiner Spitze stehen der neue Vorsitzende Werner Wolf und sein Stellvertreter Josef Sanktjohanser, die den Verein übergangsweise führen. Bis zu einer außerordentlichen Mitgliederversammlung, die wohl nicht vor 2012 stattfinden wird, ist der Traditionsklub ohne Vorstand.

Immerhin wurde der zurückgetretene Vorstand entlastet, wenngleich nur mit 66,4 Prozent Ja-Stimmen der 2422 anwesenden Mitglieder. Im Vorjahr hatten diese noch die Entlastung verweigert und Overath damit eine schallende Ohrfeige verpasst.

Solbakken verblüfft

Als Coach Solbakken das Podium betrat, wollte er sich nicht zum Rücktritt des Vorstands äußern, fand es aber "jetzt komisch über Sport zu sprechen, wenn so etwas passiert."

Auch Lukas Podolski leistete wohl seinen unfreiwilligen Beitrag zum Rücktritt der Führungscrew, als er die Fans in der vergangenen Woche mit öffentlich geäußerten Abwanderungs-Gedanken weiter verunsicherte.

Die hatten sich zuletzt etwas beruhigt, nachdem Solbakken die sportliche Talfahrt nach einem veritablen Fehlstart abbremsen konnte.

Immer wieder Grabenkämpfe

Seit seinem Amtsantritt zog der Weltmeister von 1974 immer wieder den Unmut der Anhänger auf sich.

Zwar stemmte er 2009 die Rückholaktion des "verlorenen Sohnes" Podolski, doch vor allem die Diskussion um den Rücktritt des überaus beliebten Trainers Frank Schaefer im April 2011 ließ sein Ansehen sinken.

"Mobbing, nein Danke. Vorstand raus!", forderten Fans auf Spruchbändern. Sechs Trainer verschliss der FC unter Overaths Führung, zudem wurde der umstrittene Manager Michael Meier vor Jahresfrist entlassen.

Kein Nachfolge-Kandidat in Sicht

"Maat et joot", verabschiedete sich Overath am Sonntag. Es wird keine leichte Aufgabe für seinen Nachfolger. Ein Kandidat ist jedoch weit und breit nicht in Sicht.

Neukirch bewies im Anschluss aber schon wieder typisch rheinländischen Humor, als er die Fragerunde mit der Bitte um Kürze eröfnnete: "Schließlich wollen wir ja alle zum Tatort zu Hause sein."

Verantwortlichen und Anhängern bleibt bei all dem Schlamassel nur das Kölsche Sprichwort: "Et hät noch immer joot jejange."

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