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Babak Rafati leitete bisher zwei Länderspiele und sechs Europapokalpartien © getty

Nach dem Suizidversuch des Schiedsrichters steht Deutschland unter Schock. Rafatis Zustand ist "stabil". Lell setzt ein Zeichen.

Von Eric Böhm und Marc Rademacher

München - Auch am Sonntag rollte der Ball, doch die Bestürzung war in jedem Stadion allgegenwärtig.

Der Selbstmordversuch des Bundesliga-Schiedsrichters Babak Rafati hat seine Familie und den gesamten deutschen Fußball schockiert (BERICHT: Rafati versucht Selbstmord).

Die Gründe für diese Verzweiflungstat liegen weiterhin im Dunkeln. Die Kollegen finden kaum Worte, ihre Gefühlslage zu beschreiben.

"Wir Schiedsrichter sind alle tief betroffen. Das Wichtigste ist zunächst, dass es Babak Rafati gesundheitlich schnell wieder besser geht. Das Wichtigste ist immer der Mensch", betonte Schiedsrichter-Chef Herbert Fandel.

Vater offenbart Telefongespräch

Rafati hätte das Bundesliga-Spiel zwischen dem 1. FC Köln und Mainz 05 leiten sollen, war aber nicht zu der Besprechung mit seinen Assistenten erschienen und war daraufhin in seinem Hotelzimmer aufgefunden worden.

Vater Djalal Rafati offenbarte nun in einem Gespräch mit dem "Express", dass ihn sein Sohn am Samstagmorgen angerufen hatte (BERICHT: Rafatis Vater spricht über das Drama).

"Er rief an und sagte nur: 'Papa, es geht mir nicht so gut' Ich habe ihm geantwortet: 'Dann sag das Spiel ab'. Er sagte: 'Ich werde mich nachher wieder melden.' Dann hat er aufgelegt", erzählte Rafati senior.

Keine Erklärung

Eine Erklärung für die Tat seines Sohnes kann auch er nicht liefern: "Von Depressionen oder Burn-out hat mein Sohn nie etwas erzählt. Wenn er das getan hätte, hätte ich reagiert."

Inzwischen gab es auch den ersten Kontakt zwischen Vater und Sohn. Die emotionale Entschuldigung von der Intensivstation eines Kölner Krankenhauses ließ Djalal Rafati erschaudern.

"Er sagte nur: Papa, verzeih mir, was ich getan habe. Ich habe ihm gesagt. Natürlich, du musst dich jetzt erst einmal erholen."

[kaltura id="0_liibw4lq" class="full_size" title="Druck im Leistungssport: Der Fall Rafati"]

Rafati außer Lebensgefahr

Inzwischen ist der 41-Jährige auf dem Weg der Besserung. "Sein Gesundheitszustand ist stabil", sagte DFB-Sprecher Ralf Köttker. Die polizeilichen Ermittlungen gehen derweil weiter.

"Es geht ihm den Umständen entsprechend gut. Ich kann aufgrund meiner Augenoperation nicht dort sein, aber seine Lebensgefährtin ist bei ihm", sagte Djalal Rafati zu SPORT1.

Fandel und die anderen Kollegen beim DFB haben bereits angekündigt, dass sie dem Bankkaufmann aus Hannover jede mögliche Hilfe leisten werden.

"Auch wenn wir die Gründe für diesen ausweglosen Schritt nicht kennen, wird Babak Rafati von uns alle Unterstützung bekommen, die wir ihm geben können", erklärte der ehemalige Weltklasse-Schiedsrichter.

Psychischer Druck bei Schiedsrichtern

Zum jetzigen Zeitpunkt kann über Rafatis Beweggründe nur spekuliert werden. Dennoch wurde durch diese tragischen Ereignisse eine überfällige Diskussion angestoßen.

In der Vergangenheit wurde lediglich über psychischen Druck bei Spielern diskutiert. Der Rückzug von Schalkes Coach Ralf Rangnick rückte die Burnout-Problematik bei Trainern in den Vordergrund.

Der Gemütszustand der Schiedsrichter wurde nie thematisiert, obwohl sie wöchentlich bei jeder Fehlentscheidung vor einem Millionenpublikum vorgeführt werden.

Schließlich sind sich in ihrer Wut und Aufregung auf den Spielleiter gegnerische Fans, Mannschaften sowie Betreuer oftmals erstaunlich einig.

Lell beweist Klasse

Christian Lell von Hertha BSC Berlin setzte nach dem Auswärtsspiel in Freiburg ein bemerkenswertes Zeichen.

"Ich finde es tragisch, dass das nach einem Spiel immer alles auf den Schiedsrichter reduziert wird. Der hat sein Bestes gegeben. Das kotzt mich langsam an. Der war den Tränen nahe, als er den Platz verlassen hat", sagte Lell.

Markus Wingenbach hatte in der 81. Minute einen regulären Treffer der Gastgeber nicht anerkannt und musste nach Spielende unter wüsten Beschimpfungen von einem Regenschirm geschützt das Feld verlassen.

"Jetzt höre ich das gerade noch vom Rafati und muss mir an den Kopf langen. Das ist nicht mehr normal, das artet aus", sprach Herthas Verteidiger Klartext.

Was kann getan werden?

DFB-Präsident Theo Zwanziger äußerte sich ähnlich bestürzt: "Der Druck im Leistungssport ist ungeheuer hoch - und wir schaffen es einfach nicht, das in die richtige Balance zu bringen."

SPORT1-Experte Thomas Helmer fordert grundsätzliche Maßnahmen: "Ich finde es viel schlimmer, wenn man sagt es ist zu viel Druck, und dann wird ja wieder nichts unternommen."

Einen möglichen Ansatz lieferte Liga-Boss Reinhard Rauball. Er plädiert für eine intensivere Betreuung aller Akteure.

"Ich habe nicht geglaubt, dass so etwas möglich ist in einem so nahen Umfeld zu einem Bundesliga-Spiel. Wir müssen uns noch mehr Fachleute mit ins Boot holen. Wir müssen offen sein und Rat annehmen."

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