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Nach seiner zweiten Amtszeit bei Bayern wurde Hitzfeld 2008 Schweizer Nationalcoach © getty

Ottmar Hitzfeld spricht im Audi Star Talk über das Titelrennen und schildert eindrücklich seine persönliche Burn-Out-Erfahrung.

München - Der FC Bayern ist für Ottmar Hitzfeld weiterhin eine Herzensangelegenheit.

Als im Audi Star Talk (ab 23 Uhr im TV auf SPORT1) eine Zusammenfassung seiner emotionalen Höhepunkte in München lief, inklusive Champions-League-Triumph und tränenreicher Verabschiedung, war der Ex-Bayern-Trainer zutiefst gerührt.

Und womöglich tauchte auch eine klitzekleine Träne beim Coach der Schweizer Nationalelf auf 488676(DIASHOW: Die Tops und Flops des 14. Spieltags).

Geistreich, charmant, aber auch mit klarer Ansage sprach Hitzfeld im Audi Star Talk über seine Karriere, die Situation beim FCB nach dem Verlust der Tabellenspitze und das Titelrennen in der Bundesliga. 487703(DIASHOW: Der 14. Spieltag)

Besonders eindrücklich schilderte er nach dem Selbstmord des walischen Nationaltrainers Gary Speed psychische Probleme im Fußballbetrieb und seine eigene Erfahrung mit dem Burn-Out-Syndrom.

SPORT1 hat die wichtigsten Aussagen zusammengefasst.

Ottmar Hitzfeld über...

das Titelrennen in der Bundesliga:

"Es sah nach einem Alleingang der Bayern aus. Aber jetzt ist der Ausgang ungewiss. Dortmund ist noch nicht auf Augenhöhe mit Bayern. Aber sie sind wieder in Form."

Bastian Schweinsteiger:

"Bastian Schweinsteiger hat sich enorm entwickelt. Er ist ein so wichtiger Spieler für die Mannschaft geworden. Nicht nur auf, sondern auch neben dem Platz. Er ist eine große Persönlichkeit. (DATENCENTER: Bundesliga)

Er ist einer, der auch einen guten Draht zu allen Spielern - auch zu den jungen - hat, ist das Gehirn der Mannschaft. Er kann den Rhythmus drosseln, den Rhythmus erhöhen, hat einen Torinstinkt und hohe Spielintelligenz.

Das ist wie wenn Xavi oder Iniesta bei Barcelona länger ausfallen. Und schon hätten auch die Probleme. Es gibt Schlüsselspieler, wenn die ausfallen, hat man ein Problem (BERICHT: Woran der FC Bayern krankt)."

[kaltura id="0_6iwtgkom" class="full_size" title="Bayern im Stimmungstief"]

Lucien Fave und Borussia Mönchengladbach:

"Favre hat ein Himmelfahrtskommando in Gladbach übernommen. Normalerweise hätte er da nie hingehen dürfen. Aber er hat es gemacht und Gladbach gerettet. Das war ja wie eine Meisterschaft mit dem FC Bayern München.

Das muss man genauso anerkennen. Lucien Favre ist ein akribischer Taktiker, der sehr viel mit der Mannschaft arbeitet und viele Finessen hat. Aber ich glaube nicht, dass sie jetzt Meister werden.

Die Meisterschaft geht nur über Bayern München."

den Selbstmord des walisischen Nationaltrainers Gary Speed:

"Das war natürlich ein Schock, als ich dies erfahren habe. Wir haben ja erst vor vier Wochen beim 2:0-Sieg der Waliser gegeneinander gespielt. Dabei haben wir auf der Pressekonferenz noch miteinander gesprochen.

Aber es fällt einem ja nie etwas auf, wenn jemand psychische Probleme hat, weil man darüber nicht gerne spricht. Besonders nicht in der Öffentlichkeit. Ich dachte, da ist jetzt ein junger, dynamischer Trainer mit 42 Jahren, der eine große Karriere vor sich hat.

Er hat mit Wales erfolgreich gearbeitet und uns geschlagen. Ich dachte, er wird bald in England sein und einen großen Verein trainieren (BERICHT: Trauer und Respekt nach Speed-Tragödie)."

sein Burn-Out-Syndrom:

"Ich habe auch Gespräche mit Professor Holsboer (Direktor Max-Planck-Institut für Psychiatrie, Anm.d.Red.) geführt, der auch mit Sebastian Deisler gesprochen hatte.

Ich hatte immer Kontakt mit Professor Holsboer. Da konnte man sich austauschen, das hat mir in dieser Zeit sehr geholfen."

das Ende seiner ersten Bayern-Amtszeit:

"Es war eine Erlösung für mich, als Bayern mir im Sommer 2004 gesagt hat, wir beenden das Arbeitsverhältnis. Denn ich selbst habe nicht mehr die Kraft dazu gehabt, von mir aus aufzuhören, weil ich in so einem Fahrwasser drin war und einfach nur noch den Job gemacht habe.

Man lebt ein bisschen von der Routine, aber man hat nicht mehr diese Spannkraft, diesen unbändigen Willen, eine Mannschaft zu führen. Wenn man dann sechs Jahre beim FC Bayern war, ist das wie wenn ich einen anderen Bundesliga-Klub 20 Jahre lang geführt hätte.

Dann muss man vernünftig sein, denn ich bin ja ehrgeizig. Ich habe überlegt, 2004 das Angebot als Bundestrainer anzunehmen. Aber wenn man die Kraft nicht hat, wird man auch keinen Erfolg haben.

Und falls man trotzdem Erfolg hat, wird man seine Gesundheit ruinieren. Dieses Risiko wollte ich einfach nicht eingehen. Darum habe ich mich nach Engelberg in die Schweizer Alpen zurückgezogen."

seine Auszeit als Trainer:

"Ich habe zwei Jahre benötigt, um wieder normal zu ticken und um wieder Kraft zu haben, um wieder Spannung, Freude am Leben zu haben sowie einen Job zu übernehmen.

Ich war ziemlich müde. 2003 haben wir das Double gewonnen. Ich habe mich nicht mehr so gefreut, nicht mehr so wie in meiner Anfangszeit bei den Bayern. Und auch 2004, wo wir auch ein paar Spiele gewonnen haben, habe ich mich nicht mehr so freuen können.

Das ist schon ein Indiz dafür, dass etwas nicht stimmt. Wenn man bei Bayern München Trainer ist, man immer diesen Druck hat bei jedem Spiel als Sieger vom Platz gehen zu müssen, und man investiert viel Kraft, dann ist es immer eine Erleichterung.

Aber diese habe ich einfach nicht mehr gespürt. Das sind dann Anzeichen, die dafür sprechen, dass man eben nicht mehr innerlich diese Spannkraft hat."

psychologische Hilfe für Schiedsrichter:

"Man braucht vielleicht auch ein bisschen mehr psychologischen Beistand. Die meisten Vereine haben auch schon einen Psychologen eingestellt.

Und es wäre wichtig für die Schiedsrichter, dass diese auch einen Psychologen zur Verfügung haben, damit man ein Spiel im Nachhinein verarbeiten kann. Wir alsTrainer können mit den Spielern darüber sprechen.

Wir werden zwar von den Medien kritisiert, aber das Leben und das Training gehen weiter, wir können das verarbeiten. Aber die Schiedsrichter gehen nach Hause, schließen sich ein, und haben bis auf Frau und Familie niemanden um darüber zu sprechen.

Von daher wäre es schon sinnvoll, dass man den Schiedsrichtern mehr psychologische Hilfe geben sollte."

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