Sturmtief über Gladbach: Favres Sorge vor dem Deja-Vu
Von Martin Volkmar
München - Das Sturmtief "Andrea", das am Donnerstag für Orkanböen und Regen in Nordrhein-Westfalen sowie einen verspäteten Abflug ins Gladbacher Trainingslager sorgte, passte bestens zur Stimmung bei der Borussia.
Die Abgänge von Roman Neustädter und vor allem Marco Reus zum Saisonende haben für tiefen Frust bei den "Fohlen" gesorgt (BERICHT: Reus geht zum BVB).
Zumal sich führende Vereinsmitglieder noch zu Jahresbeginn intern fast sicher waren, dass der Nationalspieler auf jeden Fall bis 2013 beim Bundesliga-Vierten bleiben werde.
Schon kursiert am Niederrhein das Horror-Szenario von Ausverkauf und Absturz (DIASHOW: Bundesliga-Wechselbörse) .
Favres Erinnerungen an Hertha
Auch für Lucien Favre dürfte die Absage seiner beiden Stammspieler ein Deja-vu gewesen sein.
Wie die Gladbacher führte der Schweizer vor drei Jahren schon seinen Ex-Klub Hertha BSC an die Tabellenspitze und verpasste am Ende nur hauchdünn die Champions League.
Dann verließen die Leistungsträger Andrej Voronin, Josep Simunic und Marko Pantelic die Berliner, das Team stürzte in der folgenden Saison in die Zweitklassigkeit ab und der Coach wurde entlassen.
Entsprechend skeptisch kommentierte Favre den Tiefschlag. "Natürlich habe ich Respekt vor ihren Entscheidungen, aber ich kann auch kein Geheimnis aus meiner Enttäuschung machen", sagte er.
"Es wird mit Sicherheit nicht leichter werden. Und es wird schwer, vielleicht sogar unmöglich, die beiden zu ersetzen.
"Die Großen fressen die Kleinen"
Auch Max Eberl konnte seine schlechte Laune kaum verbergen. "Es ist im Profifußball so, dass die Großen die Kleinen fressen", schimpfte der Sportchef (EXKLUSIV: Michael Zorc im Interview).
"Der Verein ist über seine Schmerzgrenze hinaus gegangen. Wir haben ihm ein für Gladbacher Verhältnisse fast unmoralisches Angebot gemacht", ergänzte Eberl.
Angeblich bot der Verein Reus eine Million Euro Gehalt mehr pro Jahr, doch der Mittelfeldspieler entschied sich trotzdem für eine Rückkehr zu Borussia Dortmund.
Verheerendes Signal von Neustädter
Fast noch gravierender ist allerdings die Entscheidung von Neustädter zu bewerten, denn der Einruck ist: Gladbach kann keine Spieler mit Perspektive halten.
"Wir wollten mit ihm verlängern, weil er sich zu einem wichtigen Spieler entwickelt hat. Mit dem Angebot, das wir ihm gemacht haben, hätte sich sein Gehalt vervielfacht", berichtete Eberl über den 23-Jährigen, der wohl zu Schalke 04 wechselt.
"Wir haben ihm eine hervorragende sportliche Perspektive geboten, er ist Stammspieler bei einem Verein aus dem oberen Tabellendrittel."
Trotzdem reichen die sportlichen und vor allem wirtschaftlichen Perspektiven beim Fast-Absteiger des Vorjahres (noch) nicht aus, Leistungsträger von einem Verbleib zu überzeugen.
Eberl erinnert an die Abgänge von Netzer und Co.
"Das wird uns nicht umhauen. Die Welt wird sich weiterdrehen", meinte Eberl trotzig. "Selbst in glorreichen Zeiten war Borussia nicht in der Lage, Spieler wie Netzer, Simonsen oder Matthäus zu halten."
Dennoch brauche man sich keine Sorgen um die "Fohlen zu machen": "Die Mannschaft bricht nicht auseinander, nur weil ein Spieler den Verein verlässt. Wir wollen die fantastische Saison gut zu Ende spielen."
Danach wollen die Borussen die 17,1 Millionen Euro Ablöse für Reus in mehrere hochkarätige Neuverpflichtungen reinvestieren.
"Reus mit viel Geld ersetzen"
"Wir werden versuchen, Marco Reus mit viel Geld zu ersetzen und den Kader damit zu unterfüttern, um nachhaltig in den Regionen zu spielen, die wir uns vorstellen", sagte Eberl.
"Es bringt ja nichts, jetzt zu jammern. Wir müssen weiter unseren Weg gehen und vielleicht irgendwann dahin kommen, dass wir mit Vereinen wie Borussia Dortmund oder Bayern München konkurrieren können."
Der Weg dahin dürfte nach der doppelten Hiobsbotschaft vom Mittwoch kein leichter sein, das schwante auch dem "gebrannten Kind" Favre:
"Was das für die mittelfristige Perspektive des Vereins bedeutet, wird die Zukunft zeigen."
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