Sturmflaute und Rettungsanker: Angst vor dem Untergang
Von Reinhard Franke und Tobias Wiltschek
München - Mit Beginn der Rückrunde geht für zahlreiche Klubs der Abstiegskampf in die entscheidende Phase. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).
Noch aber ist keine Mannschaft abgeschlagen, alle Teams im unteren Tabellendrittel können noch auf die Rettung hoffen.
Selbst Schlusslicht Freiburg hat noch Kontakt zu den Nichtabstiegsplätzen und liegt nur drei Punkte hinter Relegationsrang 16.
Während die Breisgauer mit dem neuen Coach Christian Streich noch einmal das Ruder herumreißen wollen, hielten die Konkurrenten an ihren Trainern fest. (DIASHOW: Die Bundesliga-Wechselbörse).
Sie setzen dagegen auf die positive Wirkung von neuen Spielern. Den namhaftesten Neuzugang durften dabei die Nürnberger begrüßen. Der Club holte Ex-Nationalspieler Hanno Balitsch, der bei Bayer Leverkusen in Ungnade gefallen war.
Neben Freiburg und den Franken sind mit Mainz 05, dem 1. FC Kaiserslautern und dem FC Augsburg drei weitere Mannschaften akut vom Abstieg in die Zweite Liga bedroht.
SPORT1 analysiert die Lage der Kellerkinder und wagt zusammen mit SPORT1-Experte Toni Schumacher eine Prognose über den Ausgang des Abstiegskampfes.
FSV Mainz 05 (Tabellenplatz 14, 22:29 Tore, 18 Punkte):
Die Ausgangsposition:
Nach einer enttäuschenden Hinrunde mit nur vier Siegen haben die Mainzer lediglich zwei Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz.
Seit dem furiosen 3:2-Sieg gegen die Bayern im November konnten die Rheinhessen kein Erfolgserlebnis mehr feiern.
Die Baustellen:
Im Trainingslager auf Mallorca stand bei Trainer Thomas Tuchel die Defensivarbeit im Vordergrund.
Er wolle "die Sinne für das Abwehrverhalten schärfen", sagte der Coach und krempelte prompt das Spielsystem der 05er in eine 4-4-2-Formation um. Damit will er seiner Mannschaft eine straffere Ordnung verpassen
Das Personal:
Mit dem wiedergenesenen Adam Szalai soll die zweite große Baustelle behoben werden: die mangelnde Chancenauswertung. Der Ungar erzielte beim 2:1 im Test gegen die Reserve des RCD Mallorca ein Tor und bereite das zweite vor.
Auf namhafte Verstärkungen verzichtete Mainz 05. Nur das bereits von Manchester City ausgeliehene Torwart-Talent Loris Karius wurde vertraglich bis 2014 gebunden.
Die SPORT1-Prognose:
Wenn die Spieler das neue Abwehr-Credo ihres Trainers verinnerlichen, wird Mainz der Bundesliga erhalten bleiben.
1.FC Nürnberg (Tabellenplatz 15, 17:28 Tore, 18 Punkte):
Die Ausgangsposition:
Wie Mainz konnte auch der Club nicht an die hervorragende Vorsaison anknüpfen und rutschte nach einem passablen Start immer weiter in Richtung Tabellenkeller ab.
Die Baustellen:
Verletzungspech und Formkrisen - das sind die Gründe für die Abstiegssorgen der Nürnberger.
Vor allem die Ausfälle der beiden Leistungsträger in der Abwehr - Torwart Raphael Schäfer und Linksverteidiger Javier Pinola - konnte der FCN nicht gleichwertig kompensieren.
Andere Akteure, wie Almog Cohen oder Timothy Chandler, konnten die starken Leistungen aus der vorigen Spielzeit nicht bestätigen. "Der Trainer erwartet mehr von mir", gab sich Verteidiger Chandler im "kicker" selbstkritisch.
Das Personal:
Der Verein hat in der Winterpause auf die Personalsorgen reagiert und mit Hanno Balitsch von Bayer Leverkusen einen erfahren Defensiv-Akteur geholt.
Beim Rückrunden-Auftakt bei Hertha BSC wird der 31-Jährige seinem neuen Verein wegen einer Oberschenkelverletzung aber noch nicht helfen können (EXKLUSIV: Hanno Balitsch im SPORT1-Interview).
Außerdem holten die Franken den Mittelfeldakteur Adam Hlousek von Slavia Prag. Auf dem tschechischen Nationalspieler ruhen die Club-Hoffnungen. Für Neuverpflichten Omar Gonzales, ein Verteidiger aus der US-Profiliga, ist die Saison nach einem Kreuzbandriss bereits beendet.
Die SPORT1-Prognose:
Der Verein hat trotz der mageren Ausbeute in der Hinrunde an Trainer Dieter Hecking festgehalten. Dieses Vertrauen wird belohnt, Hecking bewahrt den FCN vor dem Abstieg - wenn auch nur knapp.
1. FC Kaiserslautern (Tabellenplatz 16, 13:21 Tore, 16 Punkte):
Die Ausgangsposition:
Der FCK ging mit einer enormen Hypothek aus der letzten Saison in die aktuelle Runde: Platz sieben. Von Anfang an war den Verantwortlichen klar, dass dieser Platz in diesem Jahr utopisch sein wird. Die "Roten Teufel" schlitterten schnell in die Krise.
Die Baustellen:
Der Sturm ist das Sorgenkind der Pfälzer. Die Sommer-Abgänge der Offensivkräfte Srdjan Lakic, Jan Moravek und Erwin Hoffer konnten bis heute nicht kompensiert werden.
Die Stürmer Dorge Kouemaha, Richard Sukuta-Pasu und Itay Shechter enttäuschten bisher alle. Shechter, eigentlich als Lakic-Nachfolger in die Pfalz gekommen, erzielte nur drei Tore.
Das Personal:
Der Klub hat auf die Sturmmisere reagiert und in der Winterpause mit Nicolai Jörgensen von Bayer Leverkusen und dem 19-jährigen Jakub Swierczok zwei Stürmer verpflichtet.
"Wir glauben, dass Nicolai Jörgensen den Sprung zum Stammspieler schafft und mit Dänemark auf den Euro-Zug aufspringt", setzt Trainer Marco Kurz große Hoffnungen in den 20 Jahre alten Leihspieler. Der 19-jährige Swierczok gilt als Perspektivspieler.
Auch neu im Team: Gary Kagelmacher. Der Deutsch-Uruguayer hat am Betzenberg einen Vertrag bis 2016 unterschrieben. Er soll der Abwehr Halt geben. Beim Test gegen PSV Eindhoven konnte Kagelmacher auf Anhieb überzeugen.
"Der Vierer-Abwehrverband stand absolut sicher", freute sich Kurz. So weit, so gut. Das größte Problemfeld dürfte aber weiter der Sturm sein.
Die SPORT1-Prognose:
Es wird extrem schwer, die Klasse zu halten. Bei nur 13 geschossenen Toren werden die Lauterer deutlich eine Schippe drauflegen müssen, um dem dritten Abstieg der Vereinsgeschichte zu entkommen. Es muss bis zum Schluss gezittert werden.
FC Augsburg (Tabellenplatz 17, 15:28 Tore, 15 Punkte):
Die Ausgangssituation:
Für die "Fuggerstädter" gilt das gleiche wie für Kaiserslautern. Trotz eines leichten Aufwärtstrends mit vier Punkten aus den letzten zwei Spielen vor der Winterpause dürfte der FCA bis zum Schluss um den Klassenerhalt kämpfen.
Das Ziel Platz 16 wäre schon ein Erfolg. Eines ist aber sicher: Es gibt keine Trainerdiskussion in Augsburg. Coach Jos Luhukay kann unabhängig vom Tabellenplatz in aller Ruhe arbeiten.
Die Baustellen:
Kleinere Baustellen sind die Langzeitverletzten Axel Bellinghausen und Dawba Bah, die aktuell ihr Reha-Training absolvieren. Die Spieler, die im Sommer kamen, haben nicht wirklich überzeugt.
Wie in Kaiserslautern liegt das Hauptproblem im Sturm. Sascha Mölders startete in den ersten zwei Spielen furios mit drei Toren, doch danach traf er nur noch ein Mal.
Das Personal:
Offensivspieler Jan Moravek, der im Winter auf Leihbasis von Schalke kam, soll dem Angriffsspiel der Augsburger jetzt Beine machen.
Aufatmen können die Augsburger bei Marcel Ndjeng. Der Ex-Gladbacher kehrt nach seiner langen Verletzung wieder zurück. Luhukay hat die Qual der Wahl. Er kann auf zwei komplette Teams plus den angeschlagenen Jonas de Roeck als Reservisten zugreifen.
Die SPORT1-Prognose:
So gut der Zusammenhalt und die Stimmung rund um den Verein auch ist, so wird der FCA am Ende der Saison den bitteren Gang zurück in die Zweite Liga antreten müssen.
SC Freiburg (Tabellenplatz 18, 21:39 Tore, 13 Punkte):
Die Ausgangssituation:
Trotz aller Treueschwüre der Verantwortlichen war Ex-Coach Marcus Sorg kurz vor der Jahreswende seinen Job beim Tabellenletzten los. Über Nacht stand Christian Streich im Breisgau plötzlich im Rampenlicht.
Der Trainerwechsel verblüffte viele in der Branche. In höchster Abstiegsgefahr hatte der Sportclub erstmals in seiner Bundesliga-Geschichte einen Trainer vorzeitig entlassen.
Die etwas überraschende Trennung des Tabellenschlusslichts von Sorg markierte das Ende des einstigen Trainer-Idylls im Breisgau.
Die Baustellen:
Die größte Baustelle und ein Grund für die Sorgenfalten bei Streich heißt: Papiss Demba Cisse. Der Stürmer weilt gerade beim Afrika-Cup. Ob er nach Freiburg zurück kommt, ist ungewiss.
Der Sportclub rechnet täglich mit einem neuen konkreten Angebot aus der Premiere League. Ohne Cisse fehlt den Freiburgern vorne die große Torgefahr. Und Zeit, einen Großteil der Ablöse in einen anderen Stürmer zu investieren, bleibt kaum.
Das Personal:
Cisse will wohl bald weg, ein anderer ist schon da. Der Wechsel von Linksverteidiger Michael Lum ist perfekt. Der dänische Nationalspieler wird bis Saisonende von Zenit St. Petersburg ausgeliehen, danach besitzt Freiburg ein Vorkaufsrecht.
Lumb ist der zweite Neuzugang nach Fallou Diagne. Der Innenverteidiger kam für 500.000 Euro vom französischen Zweitligisten FC Metz und unterschrieb bis 2016.
Die SPORT1-Prognose:
Ob mit oder ohne Cisse – der Sportclub wird erneut ins Unterhaus absteigen. Trainernovize Streich wird da nicht mehr viel ausrichten können.
Und das sagt SPORT1-Experte Toni Schumacher: "Augsburg und Kaiserslautern sehe ich ganz stark gefährdet. Bei Freiburg muss man beobachten, ob der Trainerwechsel etwas bringt.
Da ging es auch darum, nach außen ein Zeichen zu setzen. Die Verpflichtung eines neuen Trainers ist immer eine Art Rettungsanker, den man versucht zu werfen. Aber wie man letztes Jahr bei Gladbach gesehen hat, ist zu diesem Zeitpunkt sehr schwer zu sagen, wen es dann letztlich wirklich trifft."
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