"Aus meiner Zeit bei Hannover habe ich gelernt"
Von Reinhard Franke
München - Dieter Hecking ist die Ruhe selbst.
Zum Auftakt der Rückrunde gewann der 1. FC Nürnberg das 1000. Bundesligaspiel seiner Vereinsgeschichte mit 2:0 gegen Hertha BSC.
Neun Punkte aus den letzten fünf Bundesliga-Partien stehen für den Club zubuche, mit Platz zwölf liegt man wieder im Mittelfeld der Tabelle. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)
Vor dem Spiel bei Hannover 96 (ab 20 Uhr im LIVE-TICKER) spricht Dieter Hecking im Interview mit SPORT1darüber, was ihn beim Club auf die Palme bringen kann, warum ihm Hannover immer noch am Herzen liegt und warum er sich pudelwohl fühlt im Frankenland.
SPORT1: Herr Hecking, der Rückrundenstart ist geglückt. Zum Jubiläum gab es einen 2:0-Sieg gegen Berlin. Besser geht es nicht, oder?
Dieter Hecking: Es war natürlich schon wichtig, dass wir das erste Heimspiel nach der Pause gleich gewonnen haben. Die Mannschaft hat in diesem wichtigen Spiel im Großen und Ganzen alles gut umgesetzt.
SPORT1: Der Club holte aus den letzten fünf Spielen neun Punkte. Nachdem es in der Hinrunde auch mal elf Spiele ohne Sieg gab, ist Ihre Mannschaft deutlich im Aufwind. Fühlen Sie sich bestätigt, immer ruhig geblieben zu sein?
Hecking: Was heißt bestätigt? In dieser Phase mit den elf Spielen da kam einiges zusammen. Wichtige Spieler fielen monatelang aus und junge Spieler mussten Verantwortung übernehmen. Wenn dann nicht die Ergebnisse kommen, ist es immer schwierig. Wenn die Ergebnisse stimmen, kriegt man es auch mit jungen Spielern hin, weil sie dann nicht groß darüber nachdenken. Außerdem haben wir auch Punkte nicht bekommen, die uns zugestanden hätten.
SPORT1: Warum sind Sie da immer ruhig geblieben?
Hecking: Weil ich das Vertrauen in diese Truppe nie verloren habe. Gegen Berlin war es das dritte oder vierte Mal, wo wir richtig Druck hatten und gewonnen haben. Das war in der Hinrunde zu Hause gegen Augsburg und gegen Lautern so, in Leverkusen und jetzt gegen Berlin. Diese Qualität stimmt uns zuversichtlich, dass wir auch die kommenden Aufgaben lösen können.
SPORT1: Woher nimmt Ihre Mannschaft diese mentale Stärke?
Hecking: Wir versuchen intern die Ruhe zu bewahren. Martin Bader (FCN-Manager, Anm. d. Red.) und ich versuchen auf besondere Situationen immer besonnen zu reagieren. Die Truppe weiß, dass das Vertrauen da ist und wir in der Lage sind auch schwierige Spiele zu gewinnen.
SPORT1: In der Vergangenheit war das mit der Ruhe beim Club immer so eine Sache. Wieso schaffen Sie das?
Hecking: Ich muss ehrlich sagen, dass ich aus meiner Zeit bei Hannover gelernt habe. Zum Ende hin war es dort hektisch und da ist viel auf mich eingestürzt, als ich fünf Monate in Doppelfunktion als Trainer und Manager arbeiten musste. Ich hatte damals keinen neben mir, der einiges abfängt wie hier in Nürnberg Martin Bader, habe aber gemerkt, dass, wenn man selber unruhig reagiert und sich zu Aussagen hinreißen lässt, die man hinterher bereut, dass das nie gut ist. Ich bin eigentlich ein ruhiger Vertreter. Es braucht lange, bis ich aus der Haut fahre. (lacht)
SPORT1: Wann denn?
Hecking: Wenn Dinge nicht umgesetzt werden, die ich voraussetze, wenn es unehrlich wird, Lügen verbreitet werden. Das war in Hannover zum Schluss manchmal der Fall. Das war mir als Gerechtigkeitsfanatiker zuwider, also habe ich Dampf abgelassen und mir damit keine Freunde gemacht. Aber ich kann immer in den Spiegel schauen.
SPORT1: Sie pendeln immer zwischen Nürnberg und Hannover, wo Ihre Familie wohnt. Zeit, um im privaten Umfeld runterzukommen, haben Sie also nicht oft.
Hecking: Aber ich habe beim Club auch ein Umfeld, was passt mit meinen Co-Trainern und mit Martin Bader. Das ist mit ihnen schon eine Freundschaft. Wir unternehmen auch außerhalb des Fußballs einiges zusammen. Ich habe in der Altstadt von Nürnberg eine schöne Wohnung und meine Kinder sind so groß, dass sie auch in der Woche mal kommen. Meine Frau kommt auch oft in den Süden, wenn wir ein Heimspiel haben. Es ist nie eine Trennung von vier, fünf Wochen. Wir kriegen es als Familie gut hin, weil wir damit groß geworden sind.
SPORT1: Als Trainer wurden Sie in der Bundesliga in Hannover groß. Am Samstag geht es zu Ihrem Ex-Klub. Wie steht es da um Ihre Gefühlslage?
Hecking: Das ist inzwischen drei Jahre her, zu den Verantwortlichen habe ich nach wie vor ein freundschaftliches Verhältnis. Auch zu dem ein oder anderen Spieler. Aber jetzt ist es Normalität. Die Besonderheit liegt darin, dass meine ganze Familie und viele Bekannte 96-Fans sind. Die sagen alle "wenn wir schon verlieren sollten, dann am liebsten gegen dich."
SPORT1: Und wie gehen Sie das Spiel sportlich an?
Hecking: Wir wollen den Rückenwind aus den letzten fünf Spielen mitnehmen. Wir sind topfit und gehen mit einem gesunden Optimismus das Spiel an, können auch da etwas mitnehmen, müssen aber konzentriert sein, dürfen Hannover nicht in ihr schnelles Spiel kommen lassen. Wir wollen unsere Chance nutzen.
SPORT1: Sie sind das dritte Jahr in Nürnberg. Planen Sie langfristig oder möchten Sie - nichts gegen den Club - nicht auch mal einen Spitzenverein trainieren?
Hecking: Ich habe noch Vertrag bis 2014. Wenn ich irgendwo genannt werde, dann interessiert mich das nicht. Das Arbeiten in Nürnberg macht mir richtig Spaß, ich habe hier vieles so, wie ich mich als Trainer verwirklichen kann. Wer weiß, ob ich das woanders auch so finden kann. Und die Frage nach dem Spitzenklub stellt sich nicht. Ich bin glücklich beim Club. Ich bin zuversichtlich, dass wir auch im nächsten Jahr in der Bundesliga spielen.
SPORT1: Und da laufen die Planungen schon für den Sommer?
Hecking: Wir halten Augen und Ohren offen, wer zu uns passen könnte. Aber Spieler wie Helmes, Ibisevic oder Lakic sind für uns kein Thema. Wir müssen versuchen in unserem Rahmen Toptransfers zu tätigen. Das wird schwierig genug.
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