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Günter Netzer spielte von 1963 bis 1973 für Borussia Mönchengladbach © getty

Günter Netzer spricht im SPORT1-Interview über den Sensationslauf von Borussia Mönchengladbach und nennt seinen Titelfavoriten.

Von Reinhard Franke

München - Er prägte die "Fohlen-Ära".

Als einer der großen Helden von Borussia Mönchengladbach feierte er mit der Borussia 1970 und 1971 die Deutsche Meisterschaft. Zudem spielte er noch für Real Madrid und Grashoppers Zürich.

Mit der Nationalmannschaft wurde Netzer 1972 Europameister und 1974 Weltmeister.

Nach der aktiven Karriere war er unter Trainer Ernst Happel noch Manager beim Hamburger SV, doch danach kehrte Netzer dem Fußball den Rücken zu. Er war nie der Typ, der Trainer werden wollte.

"Mir den Trainerposten anzubieten das wäre vergebene Liebesmüh gewesen", sagt Netzer. Und lacht dabei herzlich.

Sein Ex-Klub Borussia Mönchengladbach ist nach dem Sieg in Stuttgart (Bericht) Tabellenvierter und im Titelrennen voll dabei (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

Vor dem Spiel der Borussia in Wolfsburg (Sa., ab 15 Uhr im LIVE-TICKER) spricht Netzer im SPORT1-Interview über die sensationelle Saison der "Fohlen", die Gladbacher Baumeister, das Erfolgsduo Lucien Favre und Max Eberl - und er verrät seinen Titelfavoriten.

SPORT1: Herr Netzer, die Bundesliga wird von den beiden Borussias verzückt. Zuerst zur Dortmunder Borussia. Die Experten glauben, dass Dortmund im Titelrennen am Ende die Nase vorne haben wird. Wie sehen Sie es?

Günter Netzer: Ich halte nichts von solchen Experten, die von Woche zu Woche ihre Prognosen neu sortieren. Das ist nicht meine Sache. Ich habe mich frühzeitig und jahrelang auf Bayern München festgelegt aufgrund ihrer besten Voraussetzungen. Dazu stehe ich nach wie vor, sage aber auch ehrlich, wenn sie es nicht schaffen, dann haben sie eine schlechte Leistung erbracht. Aufgrund ihres Potenzials müssen sie es aber wieder machen.

SPORT1: Kommen wir nun zu Ihrer Borussia. Ist es eine Neugeburt von Gladbach, die die Fußballwelt da gerade erlebt?

Netzer: Ich freue mich, weil es sehr unerwartet ist, was Borussia da leistet. Es ist eine Großtat. Schon, dass sie mit dem Favre (Borussia-Coach Lucien Favre, Anm. d. Red.) den Abstieg vermieden haben, war großartig, dass sie jetzt diese Rolle in der Bundesliga spielen können, das ist einzigartig. Nach 15 Jahren ist endlich mal etwas passiert. Sie sind endlich aus der Lethargie erwacht und geben sich nicht nur mit dem Klassenerhalt zufrieden. Sie wurden von Lucien Favre geweckt und haben neue Ziele angestrebt. Die müssen das nutzen, was das Potenzial hergibt.

SPORT1: Sie schwärmen ja richtig.

Netzer: Ja. Sie haben ein schönes Stadion, ein tolles Umfeld, haben Spieler in ihren Reihen, die außergewöhnlich sind. Endlich geht es los.

SPORT1: Und das mit einem Kader, der fast genau der gleiche ist wie vor einem Jahr, als sie fast abgestiegen wären.

Netzer: Es ist eine große Leistung und ich wiederhole es, dass der Favre sie geweckt hat. Es war mehr drin in dieser Mannschaft und sie haben lange Zeit unter Wert gespielt. Favre hat Borussia mit strukturellen Änderungen, mit Ordnung auf dem Platz und seinem Spielsystem in den Griff gekriegt, die Spieler haben 100 Prozent mitgezogen und daraus resultiert dieser Erfolg. Dass er so groß werden würde, damit hat auch Favre nicht gerechnet.

[kaltura id="0_u1zyn7dl" class="full_size" title="Der gro e R ckhalt der Fohlen"]

SPORT1: Gladbach gewinnt die Spiele sehr souverän, es ist sehr schwer gegen diese Borussia zu bestehen. Sehen Sie das auch so?

Netzer: Naja, jetzt haben wir mal zwei Spiele in der Rückrunde gesehen. Es ist ein ganz langer Weg für alle bis zur Meisterschaft. Ich bin nach dem großartigen Auftritt von Stuttgart geneigt, die Gladbacher anders zu sehen, als ich sie noch zum Ende der Hinrunde gesehen habe. 512027(DIASHOW: Der 19. Spieltag)

SPORT1: Nämlich wie?

Netzer: Es ist etwas Großes passiert. Ob es dauerhaft möglich ist, etwas Großes zu schaffen, wird man sehen. Das gilt ja auch für die anderen Meisterschaftskandidaten. Gladbach hat zwar keinen Vorteil gegenüber Dortmund oder Bayern, aber die anderen sind gewarnt.

SPORT1: Ganz ehrlich, trauen Sie Gladbach den Titel zu?

Netzer: Nein. Weil ich denke sie spielen am äußersten Rand ihrer Möglichkeiten - und das bravourös und schon sehr lange, das gebe ich ehrlich zu. Aber ich glaube nicht, dass es zum ganz großen Wurf reicht. Da sehe ich Bayern oder Dortmund.

SPORT1: Wie viel Prozent am Erfolg geben Sie Sportdirektor Max Eberl?

Netzer: Ein Manager wird an den Erfolgen des Vereins gemessen. Man konnte nicht sagen, dass er in den letzten Jahren Erfolg gehabt hat. Für mich war das eine Katastrophe, dass sie sich in der Vergangenheit immer da unten bewegt haben. Aber wenn die Mannschaft jetzt da oben steht, dann muss man einen Max Eberl mit einbeziehen. Natürlich hat er den Trainer und einige Spieler geholt. Da ist etwas passiert, was man Eberl zuschreiben muss.

SPORT1: Konnten Sie es verstehen, dass Ihr enger Freund Berti Vogts Eberl vor einem Jahr jegliche Qualität absprach?

Netzer: Die erste Aktion ging von Eberl aus. Die war auch nicht sehr gut, weil vor einem verdienten Spieler wie Berti Vogts muss auch ein Max Eberl Respekt haben. Vogts hat mehr für den Verein getan als ich. Ihm gebührt eine gehörige Portion Respekt. Er war in der Fußballwelt unterwegs und kennt den Fußball sehr gut. Solche Auseinandersetzungen sind nicht gut. Da ist Eberl zu weit gegangen, Berti hat auch nicht gut reagiert. Aber in seiner Art ist das verständlicher als dass ein junger Manager wie Eberl auf so einen Mann wie Vogts losgeht.

SPORT1: Herr Netzer, viele Gladbach-Fans fragen sich, warum Sie nie ein Amt bei Borussia übernommen haben. Warum nicht?

Netzer: Ich habe immer gesagt, dass man mich nie im Leben als Trainer sehen wird, weil ich weiß, was ich kann und vor allem weiß, was ich nicht kann. Mir den Trainerposten anzubieten das wäre vergebene Liebesmüh' gewesen. Dass ich zum HSV ging, war schon ein kleines Versehen. In Gladbach war der Herr Grashoff (Gladbachs früherer Manager Helmut Grashoff, Anm. d. Red.) als Manager und er war unumstritten. Ihn ersetzen zu können, das wollte ich mir nicht anmaßen. Ich habe nach dem HSV gesagt, dass man mich nie mehr im Fußballgeschäft sehen wird und das hat bis heute seine Gültigkeit behalten.

SPORT1: Sind Sie eigentlich mit dem Herzen noch richtiger Borusse? Ihr alter Kumpel Jupp Heynckes spricht immer wieder von "seinem Verein", wenn er über Gladbach spricht. Von Ihnen hört man so etwas nie.

Netzer: Das stimmt. Ich hinterfrage mich da auch schon selbst. Ich habe die fußballerisch schönste Zeit in Mönchengladbach gehabt. Diese fußballerische Zeit war unvergesslich, weil es bergauf ging, wir unter Weisweiler (Hennes Weisweiler, Gladbachs Meister-Coach in den 70er Jahren, Anm. d. Red.) einen Fußball entwickelt hatten, der in Europa einzigartig war. Da sind meine Wurzeln, da fing alles an. Weisweiler habe ich am meisten zu verdanken. Der Verein konnte nicht mehr tun, wir wurden sehr schlecht bezahlt, haben alles mitgemacht und sind trotzdem geblieben. Da war schon mehr Herz dabei als finanzielles Denken.

SPORT1: Das Maskottchen "Jünter" wurde ja sogar nach Ihnen benannt. Das muss Sie stolz machen, oder?

Netzer: Das ist Tradition, die sie erhalten und da freue ich mich natürlich darüber.

SPORT1: Wo landet Borussia am Saisonende?

Netzer: Wenn Sie zwischen Platz zwei und fünf einlaufen, ist das eine grandiose Leistung.

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