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15 Kamerateams und zahlreiche Fotografen wollten Rehhagels (2.v.r.) Vorstellung sehen © imago

Die Trainer-Legende soll die Hertha retten. Manager Preetz kann etwas durchatmen, ein gutes Comeback-Beispiel gibt Hoffnung.

Von Matthias Becker und Andreas Kloo

München/Berlin - Mit Staatsempfängen ist das so eine Sache, momentan in Berlin.

Staatsoberhaupt gibt es nach Christian Wulffs Rücktritt derzeit keines, und Kanzlerin Angela Merkel hatte zuletzt auch alle Hände voll zu tun.

Da traf es sich für die Hauptstadtpresse gut, dass ein wahrer Monarch am Sonntagmittag Hof hielt.

"König Otto" Rehhagel ist wieder da! Unter viel Blitzlichtgewichter wurde er als Retter der taumelnden Hertha in Berlin vorgestellt.

Hertha im freien Fall

Das sensationelle Comeback der Trainer-Legende überschattete am 22. Spieltag alles - sogar die Tatsache, dass der Rückstand des FC Bayern auf Tabellenführer Borussia Dortmund auf vier Punkte angewachsen ist.

Doch ist die Verpflichtung Rehhagels für die Hertha mehr als nur ein öffentlichkeitswirksames Ablenken von der eigenen Negativserie?

Seit zwölf Spielen haben die Berliner nicht mehr gewonnen, alle sechs Pflichtspiele im Jahr 2012 gingen verloren und der Vorsprung auf den Relegationsplatz beträgt nur noch zwei Punkte.

Rehhagel frisch und schwungvoll

In dieser Situation soll Rehhagel innerhalb von zwölf Spielen die Rettung gelingen - fast zwölf Jahre nach seinem letzten Einsatz als Bundesliga-Coach.

Sorgen, schon zum alten Eisen zu gehören, konnte Rehhagel bei seiner Vorstellung immerhin zerstreuen. Der 73-Jährige wirkte frisch und schwungvoll, als er sich den Medienvertretern stellte und betonte:

"Solange ich lebe, will ich Spannung haben. Ich freue mich, dass ich solch eine Aufgabe für drei Monate übernehmen kann." (520465DIASHOW: Die Karriere von Otto Rehhagel)

"Berlin ein besonderer Ort"

Die Hilfe für die Hertha sei ihm ein besonderes Anliegen, betonte Rehhagel, der am 24. August 1963 als Spieler der Berliner die Geburtsstunde der Bundesliga miterlebte hatte.

"Ich habe es deshalb gemacht, weil Berlin ein besonderer Ort ist und ich möchte, dass die Hertha in der Bundesliga bleibt", sagte er.

Diesem Ziel sei ab sofort alles unterzuordnen, forderte der "demokratische Diktator" (Rehhagel über Rehhagel), und verkündete via "Bild am Sonntag": "Ab Montag bin ich bei Hertha das Gesetz und alle hören auf mein Kommando."

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Lemke warnt Rehhagel

Es sind Phrasen wie diese, die Zweifel aufkommen lassen, wie gut der hochdekorierte Europameister-Coach von 2004 noch in die aktuelle Zeit passt.

"Das Geschäft hat sich dramatisch verändert. Und zwar nicht nur das Fußballspiel an sich", warnte Willi Lemke, langjähriger Bremer Weggefährte Rehhagels.

Der neue Chef soll den Berlinern aber nicht modernen Systemfußball beibringen, sondern das psychologisch labile Team mit seiner Erfahrung und Scheinkraft aus der Schusslinie nehmen.

Im Training sollen die beiden Interimstrainer und zukünftigen Assistenten Rene Tretschok und Ante Covic viele Aufgaben übernehmen. "Aber ich werde eingreifen, das ist doch klar", erklärte Rehhagel.

"Auf Rehhagel sind sie nicht gekommen"

Das Risiko, mit einer gescheiterten Rettungsmission seinen Ruf zu beschädigen, ist gering für den mehrmaligen Meister-Trainer. "Meine Reputation kann man mir nicht mehr nehmen", stellte er zurecht fest.

Für Hertha-Manager Michael Preetz werden die drei Monate mit Rehhagel dagegen über den weiteren Verlauf seiner Karriere entscheiden. Ein weiterer Abstieg würde vor allem mit seinem Namen verbunden werden.

"Auf Rehhagel sind sie nicht gekommen", feixte Preetz gegenüber einem Boulevard-Journalisten.

Ihm gibt der Überraschungscoup etwas Luft zum Durchatmen. Die Aufmerksamkeit lenkt sich in den kommenden Wochen auf Rehhagel und weg von Preetz.

Calmund gibt den Tipp

Für den Manager ist Rehhagel in seiner relativ kurzen Amtszeit bereits der fünfte Cheftrainer - und so etwas wie die letzte Chance. "Wir brauchen jemanden, an dem sich die Spieler aufrichten können", sagte Preetz. Auch er kann einen Stützpfeiler derzeit aber gut gebrauchen.

Wohl auch deshalb hat er sich vor der Auswahl Hilfe von erfahrener Stelle geholt. Reiner Calmund, Kolumnist der "B.Z.", hatte den Namen Rehhagel im Gespräch mit Preetz Anfang der Woche genannt, wie der frühere Manager von Bayer Leverkusen SPORT1 bestätigte:

"Ich bin ja eigentlich ein Verfechter von jungen Trainern, aber in der Situation muss man einen Trainer haben, der eine Menge Erfahrung hat, viel Autorität besitzt und sofort auf Anhieb Dinge regelt wie absolutes Teamwork und Zusammengehörigkeitsgefühl."

Weitgehend positive Reaktionen

Die Reaktionen aus der Branche waren fast durchweg positiv. "Er brennt an beiden Enden", schwärmte Jürgen Klopp, Trainer von Tabellenführer Borussia Dortmund, über Rehhagel.

Klaus Allofs, Ex-Spieler von Rehhagel in Bremen und heute dort Geschäftsführer, sagte: "Schön, dass er wieder da ist, wir werden eine Menge Spaß haben."

Ex-Rehhagel-Schüler Rudi Völler ergänzte im Kia Doppelpass auf SPORT1: "Er wird vor allem aber wieder Ruhe reinbringen. Bei der Hertha herrscht nämlich ein Kopfproblem."

Lattek als gutes Beispiel

Ein großer Name vergangener Tage als Retter? In Frankfurt scheiterte dieses Experiment vergangene Saison mit Christoph Daum - auch der übrigens als Nachfolger Michael Skibbes engagiert - kläglich.

Es gibt aber auch Gegenbeispiele: Udo Lattek übernahm im Jahr 2000 im Alter von 65 Jahren in akuter Abstiegsnot Borussia Dortmund, assistiert von Jung-Trainer Matthias Sammer.

Lattek gelang die Rettung des BVB, zwei Jahre später wurden die Dortmunder mit Sammer Deutscher Meister.

Der Klassenerhalt reicht

Auf solch eine Entwicklung werden sie in Berlin kaum spekulieren, der Klassenerhalt würde es fürs Erste tun.

Gelänge der, würden sie "König Otto" auch sicher wieder wie einen Staatsgast verabschieden.

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