vergrößernverkleinern
Verzweiflung auf der Berliner Bank: Rehhagel (r.) und Co-Trainer Tretschok © getty

Berlin geht beim FC Augsburg unter, Altmeister Otto Rehhagel verbreitet nach seiner Einstands-Pleite wenig Optimismus.

Von Björn Seitner und Thorsten Mesch

München/Augsburg - Am Samstagnachmittag gegen 15.30 Uhr war es soweit: Otto Rehhagel betrat den Innenraum der Augsburger Arena.

Von den einlaufenden Mannschaften des FCA und der Berliner Hertha nahm kaum jemand Notiz, denn direkt hinter ihnen schritt der Altmeister der deutschen Trainergilde in Richtung Gästebank.

Bis zu seinem Platz rechts um die Ecke waren es nur wenige Meter, und so drängten sich die etwa 40 Fotografen entlang des roten Absperrbands 522863(DIASHOW: Der 23. Spieltag).

Wie ein Schwarm wilder Wespen stürzten sie auf Rehhagel zu, die Ordner hatten alle Hände voll zu tun, es waren beinahe tumultartige Szenen.

"König Otto" blieb gelassen und winkte sogar kurz staatsmännisch den Zuschauern hinter seiner Bank zu, auf der pikanterweise die Werbeaufschrift eines Malerfachbetriebs prangte.

Richtig: Rehhagel erste berufliche Schritte machte er als Maler und Anstreicher.

Rehhagels Ratschläge nicht erhört

Jedes Detail wurde nach Rehhagels 4165 -tägiger Absenz von der Bundesliga-Bühne genau beobachtet, doch am Ende musste die Trainerlegende mit ansehen, wie Hertha mit 0:3 im Abstiegsduell beim FC Augsburg unterging (Bericht).

Er könne nur Ratschläge geben, die Spieler seien "die Protagonisten, die den Erfolg bringen können", erklärte Rehhagel noch vor der Partie bei LIGA total!.

Ganz offensichtlich kamen diese Ratschläge bei seinen Mannen nicht an.

Mit einem Doppelschlag bestrafte FCA-Stürmer Torsten Oehrl in der 61. und 63. Minute den 90-Sekunden-Schlaf der Berliner Hintermannschaft. Mit einem mustergültigen Konter machte Marcel Ndjeng in der Nachspielzeit den Deckel drauf (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

"Den Schneid abgekauft"

"Wenn man gegen den Abstieg spielt, muss man in erster Linie auch kämpfen", kritisierte der Hertha-Trainer seine Truppe, die rund 75 Minuten unterlegen war.

Ein Rehhagel-Effekt nach der Entlassung von Michael Skibbe war, wenn überhaupt, nur in der ersten Viertelstunde festzustellen.

Den Schuss von Raffael, den "Rehakles" bei Amtsantritt zu seinem verlängerten Arm auf dem Platz auserkoren hatte, konnten die Augsburger von der Linie kratzen.

Was danach kam, war spielerische Mangelware.

"Augsburg hat uns den Schneid abgekauft, sie haben gefightet wie die Löwen", musste Rehhagel, der zuletzt von 1996 bis 2000 den 1. FC Kaiserslautern in Deutschland trainierte, eingestehen.

Mijatovic fühlt sich wie im falschen Film

In der ersten Halbzeit sei es ihm noch gut gegangen, "nachher ging's mir schlechter", erklärte der ehemalige griechische Nationalcoach.

Auch Hertha-Kapitän Andre Mijatovic bezeichnete die zweiten 45 Minuten als "absolut katastrophal": "Ich habe manchmal das Gefühl, dass ich im total falschen Film bin. So werden wir nicht in der Liga bleiben."

Fakt ist: Die Hertha rutschte zum ersten Mal in dieser Saison auf den Relegationsplatz ab, im zwölften Spiel in Serie glückte kein Sieg.

Wenig Optimismus bei Berlin

Auf die Frage, ob der Kader die Qualität habe, den Klassenerhalt zu schaffen, antwortete Rehhagel vielsagend: "Ich hoffe das" - Optimismus hört sich anders an.

Auch Michael Preetz hatte einen dicken Kloß im Hals: "Ich muss das erstmal sacken lassen."

Der Hertha-Manager weiß, dass Rehhagel seine letzte Chance ist. Geht das Projekt mit dem zweitältesten Bundesligacoach der Geschichte daneben, wird auch Preetz nicht mehr zu halten sein (521372DIASHOW: Die ältesten Trainer der Bundesliga-Historie).

FCA: Leidenschaftlich und kompromisslos

Der FC Augsburg dagagen überholte die "Alte Dame" und steht erstmals seit dem dritten Spieltag auf einem Nicht-Abstiegsplatz.

Das, was Rehhagel bei seinem Team bemängelte, hob Trainerkollege Jos Luhukay positiv hervor:

"Die Mannschaft hat über 90 Minuten leidenschaftlich gekämpft", lobte der FCA-Coach.

"Wir waren in der Defensive kompromisslos und in der Offensive entschlossen und zielstrebig. Die Situation war für uns vor dem Spiel nicht einfach, aber die Mannschaft ist gut mit dem Druck umgegangen."

Hertha läuft die Zeit davon

"Wir haben uns vor dem Spiel viel vorgenommen und sind so letztlich dann auch auf dem Platz aufgetreten", erklärte Doppeltorschütze Oehrl.

Während Augsburg sich über den ersten Dreier der Rückrunde freute, reisen die Berliner mit vielen Sorgen zurück in die Haupstadt.

Rehhagel bleibt erstmal nur der Appell an die Mannschaft: "Wir müssen jetzt endgültig aufwachen. Wir sind jetzt da angekommen, wo wir praktisch keine Zeit mehr haben."

teilentwitternE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel