Wunder dauern etwas länger. Otto Rehhagel verpatzt den Start bei Hertha BSC. Mut macht nur ein desolater Konkurrent.

Hypothetisch gedacht: Sollte Hertha BSC absteigen, wessen Ruf ist dann schwerer beschädigt?

Derjenige der Berliner Verantwortlichen um Manager Michael Preetz oder der von Trainerlegende Otto Rehhagel?

Nach dem ersten Auftritt des 73-Jährigen bei der 0:3-Pleite in Augsburg ist klar: Sein Denkmal hätte einen kleinen Kratzer - mehr nicht.

Ach, er hat es gut gemeint und ist in der Not eingesprungen, würde es dann heißen.

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Die "Ottokratie" würde leise in die Geschichtsbücher einsortiert. Als Fußballphilosophie eben, mit der sich zwar fußballerisch unterlegene Teams wie Griechenland oder Kaiserslautern zu Europa- beziehungsweise Deutschen Meistern trimmen lassen.

Aber als Nothilfe für launische Berliner Profis taugen die althergebrachten Rehhagel-Herberger-Weisheiten nicht mehr, wäre die Erkenntnis.

Und welche Ironie des Fußballgottes, dass er die Hertha pünktlich zum ersten Einsatz von "König Otto" auf einen Relegationsplatz hinunterstufte.

In Augsburg wirkte er wie ein Häuptling ohne Indianer. Die Spieler, die er in der Woche noch zumeist kumpelhaft umgarnt hatte, ließen ihn auf der Trainerbank buchstäblich alt aussehen.

Der freundliche Herr Rehhagel wird jetzt auf sein komplettes Programm zurückgreifen: viel mehr Peitsche und Zuckerbrot in homöopathischen Dosen.

Doch eines kann Rehhagel während seiner dreimonatigen Regentschaft kaum aufholen: In Augsburg, aber auch in Freiburg bilden die Teams trotz ihrer Talfahrt eine verschworene Gemeinschaft.

In Berlin ist es lediglich eine Schicksalsgemeinschaft.

Nach einem Teamgefühl dürfte man auch in der Pfalz momentan vergeblich fahnden.

Trainer Marco Kurz und Vorstandsboss Stefan Kuntz haben in der Winterpause den Kader durcheinander gewirbelt, fünf neue Spieler geholt, acht abgegeben.

Nicht ohne Grund donnert Kaiserslautern nach dem 0:4 in Mainz mit Karacho der Zweiten Liga entgegen. Die streckenweise peinliche Kapitulation im Derby ist Beleg genug.

Für Rehhagel und Berlin stellt die Schwäche des Konkurrenten ein Hoffnungsschimmer dar.

Doch um zumindest nicht tiefer als Platz 16 abzurutschen, braucht der Trainerveteran nun seine ganze Autorität. Im Moment scheint die Herthas einzig verbliebener Trumpf.

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