vergrößernverkleinern
Nach seinem 821. Bundesligaspiel als Trainer trat Rehhagel im Anzug vor die Presse © getty

Nach Herthas Niederlage in Augsburg überspielt Otto Rehhagel die Probleme der Berliner. Tags drauf gibt er seinen Spielern frei.

Von Thorsten Mesch

Augsburg/Berlin - Der Presseraum der SGL-Arena war so voll, als hätte gerade der FC Barcelona vorgespielt.

Sogar ein Kamerateam von "Dubai Sports" war zum ersten Mal in Augsburg zu Gast. Aber nicht, um Lionel Messi oder Josep Guardiola zu filmen.

"König Otto" Rehhagel hielt Hof, und etwa 90 Journalisten warteten neugierig darauf, wie der Trainer-Altmeister die 0:3-Niederlage seiner Berliner Hertha (Bericht) wohl erklären würde (521372DIASHOW: Die ältesten Trainer der Bundesliga-Historie).

Rehhagel kurz fast sprachlos

Um 17.57 Uhr trat der 73-Jährige in Begleitung von Augsburgs Trainer Jos Luhukay das Pult. Doch als FCA-Pressesprecher Dominik Schmitz Rehhagel um sein Statement zum Spiel bat, streikte dessen Mikrofon.

"Wir wollten es spielerisch erledigen, das hat nicht geklappt. Jetzt stehen wir auf einem Relegationsplatz", murmelte Rehhagel kaum verständlich und ergänzte. "Die Jungs müssen begreifen, dass sie so kämpfen müssen wie Augsburg, um wieder mal einen Sieg zu landen."

Galgenhumor oder Ratlosigkeit?

Als ein Fragesteller wissen wollte, wie ernüchtert er nach der Niederlage sei, witzelte Rehhagel ausweichend: "Ich bin immer nüchtern. Ich bin Antialkoholiker."

Die Lage der Hertha ist jedoch alles andere als spaßig.

Nach der sechsten Niederlage in Folge sind die Berliner auf Rang 16 abgerutscht (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

[kaltura id="0_zb0aq8ec" class="full_size" title=" Es ist drei Minuten vor Zw lf "]

Seine Mannschaft hatte besonders in der zweiten Halbzeit ein desolates Bild abgegeben, vor allem in der Abwehr hatte es lichterloh gebrannt 522863(DIASHOW: Der 23. Spieltag).

"Keine Schuldzuweisungen an meine Spieler"

Wie er die Hertha wieder auf Vordermann bringen will, konnte er zwar nicht erklären, Rehhagel stellte sich jedoch vehement vor sein Team.

"Es gibt hier von mir keine Schuldzuweisungen an meine Spieler. Jetzt lassen wir es erst einmal die Niederlage sacken", erklärte er nach seinem 821. Bundesligaspiel als Trainer milde.

Doch dann froren ihm plötzlich die Gesichtszüge ein.

Pressekonferenz abgebrochen

Ob er zu seiner Funktion als Wahlmann bei der im März anstehenden Ernennung des neuen Bundespräsidenten etwas sagen könne, wurde er gefragt.

"Wir haben hier über das Spiel gesprochen und machen jetzt keine Politik", stellte Rehhagel fest und brach die Veranstaltung nach nur sechs Minuten einfach ab: "Hiermit beende ich die Pressekonferenz und wünsche allen einen schönen Abend."

Nur Auslaufen und trainingsfreier Montag

Am Sonntagmorgen war der Trainer-Altmeister schon wieder etwas besser gelaunt.

Am Vormittag beließ er es bei einem lockeren Auslaufen. Auch den trainingsfreien Montag strich er seinen Spielern nicht.

"Die Jungs müssen sich seelisch erholen, sie sind alle wahnsinnig enttäuscht. Sie sollen zu ihren Familien gehen, und am Dienstag werden wir wieder mit ihnen arbeiten", sagte Rehhagel den Pressevertretern in Berlin.

"Wir sind alle enttäuscht und haben schlecht geschlafen", meinte Rehhagel. Er wirkte dabei, als bräuchte er nach seinem Bundesliga-Comeback nach mehr als elf Jahren etwas Zeit zum Verschnaufen.

"Tanz auf der Rasierklinge"

Doch die hat er kaum, denn die Lage ist äußerst prekär.

"Es ist jetzt drei Minuten vor Zwölf und ein Tanz auf der Rasierklinge", warnte der ehemalige Bremer und Kaiserslauterer Meistercoach.

"Die einzige Möglichkeit, um im Fußball seinen Seelenfrieden wieder herzustellen, ist das nächste Spiel. Wir müssen versuchen, das zu tun, was wir uns vorstellen, und die Dinge zu unterlassen, die wir kritisch gesehen haben", meinte Rehhagel. Was er genau ändern werde, verriet er nicht.

"Wir müssen zeigen, dass wir den Kampf annehmen und der Sache gewachsen sind. Wir müssen versuchen, in den 90 Minuten ziemlich viel richtig zu machen. Nur so kommen wir weiter."

Preetz fordert Antworten auf dem Platz

Wie der Trainer forderte auch Manager Michael Preetz mehr Kampfgeist von den Spielern. "Wir brauchen diese Leidenschaft im Abstiegskampf, die die Augsburger vorgelebt haben", sagte Preetz.

Man solle nicht die Qualität der Mannschaft in Frage stellen, "sondern wir müssen die Antworten auf dem Platz geben", meinte Preetz.

Ein Training auf dem Platz fand am Sonntagmorgen nicht statt.

Deshalb durften die rund 30 Hertha-Fans, die vor der Schranke warteten, auch nicht das Vereinsgelände betreten, was für etwas Unmut unter den Anhängern sorgte.

"Wir gestalten das Training und unsere Abläufe so, wie wir das für richtig halten", erklärte Rehhagel und beendete die Pressekonferenz: "Okay, das war?s!"

teilentwitternE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel