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Stale Solbakken trainierte bis Sommer 2011 den FC Kopenhagen © imago

Trotz Krise darf der FC-Trainer weitermachen. Geschäftsführer Horstmann kündigt "drastische Veränderungen in der Mannschaft" an.

Köln - Als Stale Solbakken nach einem stundenlangen Possenspiel erleichtert das Geißbockheim verließ, kochte die Kölner Volksseele über.

Unter Buhrufen und Beschimpfungen von etwa 100 Fans verkündete FC-Geschäftsführer Claus Horstmann um 16.30 Uhr in einer improvisierten Pressekonferenz am Zaun hinter der Spielerkabine, dass der Norweger seinen Job behalten darf.

Die Kölner Bosse handelten damit gegen die Gesetzmäßigkeiten des Fußballs - zumindest vorerst.

Allerdings wird es nun für die Spieler ziemlich ungemütlich werden. Dem Trainer wurde auferlegt, die Mannschaft vor dem Spiel gegen Werder Bremen am kommenden Samstag kräftig durchzuwirbeln. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

"Es wird drastische Veränderungen in der Mannschaft und in der Vorbereitung geben. Wir sind überzeugt davon, dass Solbakken durch diese radikalen Veränderungen im Umfeld der Mannschaft die Trendwende schaffen kann. Er hat nicht nur in der Mannschaft, sondern auch bei den Verantwortlichen die totale Rückendeckung", behauptete Horstmann.

"Wollen klare Reaktion sehen"

Die FC-Führung fordert nun Ergebnisse - und zwar sofort. "Es gibt keine Alibis für mangelnde Leistungsbereitschaft. Von der Mannschaft erwarten wir den unbedingten Willen, sich mit aller Kraft und Leidenschaft gegen das weitere Abrutschen in den Keller der Liga zu stemmen", sagte Horstmann, der auch die Fans mit ins Boot nahm.

"Sie und wir alle wollen beim nächsten Heimspiel eine klare Reaktion auf dem Platz sehen."

"Kamelle" für die "Lutscher"

Ein reichlich kurioser Tag hatte für Solbakken mit "Kamelle" begonnen. Während er am Morgen den Trainingsplatz betrat, flogen ihm schon in hohem Bogen die Lollis entgegen.

"Hebt die auf, ihr Lutscher!", rief ein Fan dem Coach und den Spielern zu. Ein anderer fragte, ob er denn noch am Sonntag erlöst werde.

"Kann sein", sagte Solbakken mit süßsaurer Miene. In der Tat war die Zukunft des 44-Jährigen bis in den Nachmittag hinein völlig offen gewesen.

[kaltura id="0_lxqqbkcu" class="full_size" title="Schumacher Schmadtke und Rettig kein Thema"]

Solbakken: "Mourinho hat nicht abgehoben"

Die x-te Bankrotterklärung der Kölner Profis beim 1:2 im "Endspiel" beim FC Augsburg (Bericht) hat den Verein zwar in akute Abstiegsnot versetzt, die Fans auf die Palme gebracht - den Trainer aber hat sie nicht den Job gekostet.

Dabei hatte Solbakken die Chancen noch Stunden vor dem Treuebekenntnis auf 50:50 beziffert. Zudem versicherte er, dass er nicht zurücktreten werde und sich für den "richtigen Mann" halte.

Am Morgen habe er mit Horstmann eine Stunde lang gesprochen. "Wir haben offen diskutiert. Wir sind uns in vielen Punkten einig, in anderen Punkten nicht", sagte Solbakken und erklärte schmunzelnd, Horstmann habe versucht, bei Jose Mourinho anzurufen: "Aber der hat nicht abgehoben."

Diskussionen zwischen Fans

So oder so müsse es Änderungen geben, sagte der Coach: "Ich habe den Spielern gesagt, es muss einen anderen Weg geben. Aber wenn ich nicht mehr hier bin, ist das ja auch eine große Veränderung."

Während des Trainings waren laute Diskussionen zwischen den Fans entbrannt, das eine Lager pro, das andere contra Solbakken.

Eine Entlassung hätte sämtliche Zeitpläne des FC über den Haufen geworfen. Eigentlich soll der unter der Woche nominierte Vorstand mit Präsidentschaftskandidat Werner Spinner sowie seinen Vize-Präsidenten Markus Ritterbach und Toni Schumacher nach seiner Wahl am 23. April einen neuen Sportdirektor wählen - und dieser dann die Trainerfrage entscheiden.

Schaefer galt als Kandidat

Neben der mangelnden Handlungsfähigkeit des FC könnten auch fehlende Alternativen Solbakken eine Galgenfrist verschafft haben. Nach der Entlassung von Sportdirektor Volker Finke galten U-23-Coach Dirk Lottner und Ex-Trainer Frank Schaefer als einzige interne Kandidaten.

Einige Kölner Medien hatten am Nachmittag bereits den Rauswurf Solbakkens und die Einsetzung Schaefers verkündet.

Der jetzige Koordinator Talententwicklung Schafer hatte aber auf der FC-Trainerbank nie seinen Frieden im Profi-Geschäft finden können.

Fans fangen Profis ab

Die FC-Profis waren am Samstagabend von etwa 50 wütenden und teilweise vermummten Fans am Geißbockheim empfangen und zur Rede gestellt worden. Solbakken und Nationalspieler Lukas Podolski stiegen aus und verließen mit ihren Autos umgehend den Parkplatz, die anderen Spieler wurden an der Ausfahrt gehindert.

Der Tunesier Ammar Jemal wurde beim Einstieg in sein Auto sogar körperlich bedrängt. Die Spieler stellten sich aber den Fans, die unter anderem "Wir sind Kölner und ihr nicht!" riefen.

Zuvor hatten enttäuschte Anhänger den FC-Profis bereits am Flughafen die Leviten gelesen.

Verbal-Attacke von Horstmann?

Schon im Mannschaftsbus auf dem Weg zum Flughafen hatte nach Angaben des "Express" Horstmann die Nerven verloren. Er soll die Mannschaft verbal attackiert haben. "Ihr seid keine Kerle, ihr seid Memmen, ihr könnt direkt die Kapitulation unterschreiben", wurde Horstmann zitiert.

Schon direkt nach dem Spiel hatte er in Interviews Frust abgelassen. "Ich kann das Gelaber der Spieler nicht mehr hören", sagte er: "Die Mannschaft hat keine Reaktion auf die schlimme zweite Halbzeit gegen Dortmund gezeigt. Das war ein kollektiver Totalausfall."

Solbakken hatte schon auf der Pressekonferenz in Augsburg Humor bewiesen. "Oh", sagte Solbakken, nachdem sein Handy geklingelt hatte, "das ist meine Frau. Die will fragen, ob ich morgen noch eine Arbeit habe."

Nun kann auch Anneken Solbakken vorerst aufatmen.