"Ich bin der richtige Mann"
Von Reinhard Franke
Köln/München - Der 1. FC Köln droht im Chaos zu versinken.
Die Mannschaft steht auf dem Relegationsrang, zudem droht vor der Mitgliederversammlung am Montag auch noch eine Schlammschlacht um den vakanten Präsidenten-Posten. ( Bericht)
Bei nur zwei Punkten Vorsprung auf einen direkten Abstiegsplatz und einem schweren Restprogramm mit Spielen gegen Stuttgart, in Freiburg und gegen den FC Bayern herrscht am Rhein Alarmstufe Rot. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)
Die Fans sind frustriert, die Verantwortlichen ratlos.
Doch einer versprüht Zuversicht: Frank Schaefer. Der Trainer, der Stale Solbakken vor einer Woche abgelöst hat, soll in seiner zweiten Amtszeit als Chefcoach den Klassenerhalt schaffen. (Schumacher-Kolumne: "Köln braucht drei Wunder")
Vor dem "Endspiel" gegen den VfB Stuttgart (Sa., ab 15 Uhr im LIVE-TICKER) spricht Schaefer im SPORT1-Interview über die bedrohliche Lage bei den "Geißböcken", erklärt, warum er sich der Verantwortung stellen musste, und sagt, was er von den Fan-Ausschreitungen aus dem eigenen Lager hält.
SPORT1: Herr Schaefer, zu Ihrem Start gab es ein 0:3 im Derby in Mönchengladbach. Schlimmer geht's nicht, oder?
Frank Schaefer: Ich hätte mir natürlich einen anderen Start gewünscht. Andererseits habe ich bei meiner Amtsübernahme zumindest in Erwägung gezogen, dass wir in Gladbach nicht hoch gewinnen. Für uns alle wäre ein Sieg sehr hilfreich gewesen, aber jetzt ist es so, dass wir dieses Spiel abhaken und unsere volle Konzentration auf die letzten drei Spiele richten müssen. Wir sind nicht mehr in der Situation, in der wir großartig nachhaken können. Jeder Tag muss so angegangen werden, als wenn es kein Gestern und kein Morgen gibt.
SPORT1: Zur sportlichen Krise kommt auch ein Problem mit den eigenen Fans. Nach der Derbypleite haben erneut FC-Hooligans einen Bus mit Anhängern von Mönchengladbach attackiert. Was sagen Sie dazu?
Schaefer: Bei allem Respekt vor unseren Fans muss man grundsätzlich sagen, dass das, was gerade passiert, nicht akzeptabel ist. Es kann nicht sein, dass wir uns nur noch mit Sicherheitskräften bewegen können und ständig die Polizei um uns herum ist. Ich habe absolutes Verständnis für die Enttäuschung und den Frust unserer Fans. Aber die Botschaft ist angekommen und jetzt muss es gut sein. Es ist ja bekannt, wie eng gerade meine Verbindung zu den FC-Fans auch ist. Ich kann nur an die Fans appellieren, dass sie ihren Beitrag dazu leisten, die Mannschaft in den nächsten drei Spielen bedingungslos zu unterstützen.
SPORT1: Warum kommen Sie bei den Fans so gut an?
Schaefer: Ich versuche in allem, was ich tue, authentisch zu sein. Ich will keine Rolle spielen. Zudem stehe ich stark für die Identifikation mit dem Verein und der Stadt. Das trägt wahrscheinlich dazu bei, dass ich ein gutes Standing bei den Fans habe. Aber meine erste Aufgabe liegt darin auf die Mannschaft und den Verein zu wirken.
SPORT1: Sie sprachen nach dem 0:3 in Gladbach von kleinen Dingen, die erkennbar waren. Welche konkret?
Schaefer: Wir müssen doch die Ausgangssituation sehen. Wir sind in einer sehr schwierigen Situation. Dann trittst du in einem Derby gegen eine deutlich bessere Mannschaft an und da prallten zwei Welten aufeinander. Aber ich habe keine leblose Mannschaft gesehen. Die Truppe lebt und sie will. Wir müssen aus jedem Tag positive Momente herausholen.
SPORT1: Sie haben nach der Entlassung von Stale Solbakken zum zweiten Mal den Job als Cheftrainer beim FC angenommen. Vor einem Jahr sind Sie aus persönlichen Gründen zurückgetreten. Warum tun Sie sich das erneut an?
Schaefer: Ich bin in einer speziellen Situation. Ich lebe in dieser Stadt und bekomme viele Dinge mit. Nach meiner ersten Amtszeit habe ich mit etwas Abstand noch mehr verinnerlicht, was das hier bedeutet. Jetzt in dieser Situation hätte ich es mir nicht verzeihen können, wenn ich die Verantwortung nicht übernommen hätte. Außerdem reizt mich diese Situation. Den FC zum Klassenerhalt zu führen ist eine riesige Motivation.
SPORT1: Damals lieferten Sie erfolgreiche Arbeit ab. Hat Ihr erneutes Engagement etwas damit zu tun, dass Ex-Sportdirektor Volker Finke nicht mehr da ist?
Schaefer: Damals hatten wir tatsächlich die wohl beste Phase des 1. FC Köln seit langer Zeit. Bei der Entscheidung zurückzutreten war ich völlig autonom und frei in meiner Entscheidung. Die Situation damals war sehr komplex und kompliziert, hatte aber nichts mit einzelnen Personen zu tun. Ich habe die Aufgabe jetzt übernommen, weil ich glaube, dass ich für diese Aufgabe der richtige Mann bin. Ich denke, dass ich mit meiner positiven Energie in all der Skepsis viel bewegen kann. Wir zerstören uns gerade atmosphärisch selber und dagegen kämpfe ich an.
SPORT1: Warum nur bis Saisonende?
Schaefer: Das war immer klar, weil es für mich wichtig war, eine Überschaubarkeit drin zu haben. Das ist eine Zeitspanne, in die ich all meine Kräfte investieren möchte. Für diesen Job und das Ziel. Danach werde ich in einer strategisch sehr wichtigen Position arbeiten. Das ist eine gute Lösung für alle.
SPORT1: Sie klingen optimistisch, was den Klassenerhalt angeht. Die Mannschaft auch? In Gladbach wirkte ein Lukas Podolski sehr lustlos.
Schaefer: Die Truppe hat zuletzt eine ganze Menge erlebt und damit umzugehen, ist nicht einfach. Das beschäftigt viele Spieler. Auch Lukas ist ein sehr sensibler Spieler, der natürlich über die Gesamtsituation gefrustet ist. Er kann uns aber mit seiner individuellen Klasse helfen und man muss ihm Zeit geben, um die Dinge zu sortieren. Er liebt diesen Verein.
SPORT1: Am Samstag kommt da der wiedererstarkte VfB Stuttgart. Wie schwer wird das Spiel?
Schaefer: Der VfB schwimmt auf einer Welle des Erfolgs. In unserer Situation können wir uns die Gegner nicht aussuchen. Egal, wer da kommt, wir müssen punkten.


