"Jetzt gilt es, wieder neu anzugreifen"
Von Martin Volkmar
München - Marcell Jansen hatte in diesem Frühsommer ungewohnt viel Freizeit.
Von 2006 bis 2010 gehörte Jansen immer zum Turnierkader des DFB-Teams.
Die EM in diesem Jahr verfolgte er nur vor dem Fernseher.
Für den immer wieder von Verletzungen geplagten Jansen bot sich dadurch aber auch die Chance, sich intensiv auf die neue Saison mit dem HSV vorzubereiten. Denn noch so eine Seuchensaison wie die vergangene möchte in Hamburg niemand erleben.
Jansen möchte den Aufschwung entscheidend mit vorantreiben, verlängerte seinen Vertrag bis 2015.
Im SPORT1-Interview spricht er über die Kritik nach dem deutschen EM-Aus, die Vorfreude auf die neue Saison und die Zielsetzung des HSV.
SPORT1: Erstmals seit der WM 2006 waren Sie bei einem großen Turnier nicht dabei. Ist die Enttäuschung mittlerweile verflogen?
Marcell Jansen: Wir hatten mit dem Hamburger SV eine schwierige Saison, deswegen hatte ich keine gute Plattform, um mich zu empfehlen. Aber ich muss diese Entscheidung des Bundestrainers akzeptieren, nehme das aber als Anreiz für die neue Saison. Mein Ziel ist es, so schnell wie möglich wieder zur Nationalelf dazuzustoßen.
SPORT1: Wie bewerten Sie die teils heftige Kritik an der Nationalelf nach dem K.o. gegen Italien?
Jansen: Die Erwartungen waren aufgrund der Siege vorher und auch in der Qualifikation zu Recht so hoch. Für mich kam das Ausscheiden nicht ganz überraschend, weil es bereits im ersten Gruppenspiel gegen Portugal eng war. Ich sehe das alles nicht so dramatisch.
SPORT1: Warum?
Jansen: Die Mannschaft hat mit Ausnahme des Italien-Spiels ein gutes Turnier gespielt. Die Entwicklung in den letzten Jahren ist hervorragend. Diese Debatte sollte jetzt dazu führen, dass man die letzten Prozente noch rauskitzelt und wieder angreift. Dennoch ist das keine Garantie, dass man zu einem Turnier fährt und dort gewinnt, egal wie gut man ist.
SPORT1: Sie hatten in den letzten Jahren oft mit körperlichen Problemen zu kämpfen. War es für Sie im Hinblick auf die Bundesliga auch positiv, nicht mit zur EM gefahren zu sein?
Jansen: Kurz nach der Nominierung hat natürlich die Enttäuschung überwogen. Aber das war schnell abgehakt. Letzte Saison habe ich 30 Pflichtspiele und fast jede Trainingseinheit mitgemacht. Ich konnte meine Leistung abrufen und war mit mir selbst zufrieden. Aber ein richtiger Urlaub und eine lange Vorbereitung kann mir sicherlich nicht schaden. Wenn ich von Verletzungen verschont bleibe, dann hoffe ich im Vergleich zur letzten Saison noch einen draufsetzen zu können.
SPORT1: Freuen Sie sich, dass die Bundesliga wieder losgeht?
Jansen: Auf jeden Fall, ich brauche die Kugel wieder. Das geht aber vielen so, egal ob man Bundes- oder Kreisliga spielt. Wenn der Ball zu lange nicht dabei ist, dann fehlt es einem irgendwann.
SPORT1: Im Vergleich zur letzten Saison soll nun beim HSV alles besser werden. Wird alles besser?
Jansen: Wir haben bis zum Saisonstart sicherlich noch viel Arbeit vor uns. Doch im Gegensatz zum letzten Jahr hat Thorsten Fink nun die gesamte Vorbereitung Zeit. Dann sind wir Spieler in der Pflicht, dass so etwas wie letzte Saison nicht mehr passiert. Dafür ist das Potenzial unserer Mannschaft zu groß.
SPORT1: Das hat man letztes Jahr auch oft gehört.
Jansen: Ich bin optimistisch, dass wir das schaffen, sonst hätte ich meinen Vertrag nicht verlängert. Hamburg ist eine geile Stadt mit geilen Fans. Aber natürlich wird es nicht einfach.
SPORT1: Wie lautet das Saisonziel? Einstelliger Tabellenplatz?
Jansen: Ich war schon in den Jahren zuvor mit solchen Einschätzungen sehr realistisch. Im vergangen Jahr hätten wir die Saison vielleicht zwei bis drei Plätze höher beenden können, mehr aber auch nicht. Das muss man sich wieder aufbauen.
SPORT1: Vor einigen Jahren spielte der HSV noch um die Meisterschaft mit.
Jansen: Ja, als ich 2007 zum HSV kam, waren gute Strukturen da, die Mannschaft stand 2008 in zwei Halbfinals und war immer international vertreten. Das ist dann aus vielen Gründen abgebrochen und jetzt gilt es, wieder neu anzugreifen. Deshalb dürfen wir nicht von irgendwelchen Tabellenplätzen reden, sondern müssen uns einfach im Gegensatz zur letzten Saison steigern. Vielleicht kann der Verein dann in einigen Jahren wieder da stehen, wo wir ihn alle sehen wollen.


