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Bastian Schweinsteiger (M.) verschoss gegen Chelsea den entscheidenden Elfmeter © getty

Deislers Psychiater warnt: Drei Wochen Urlaub werden nach den diversen Traumata bei Schweinsteiger oder Robben nicht ausreichen.

Von Eric Böhm

München - Matthias Sammer gehört zur alten Schule.

Entsprechend hat der neue Sport-Vorstand des FC Bayern München gleich in seiner ersten Woche an der Säbener Straße die Zeit der Ausreden für beendet erklärt.

Anlaufschwierigkeiten nach den vielen Enttäuschungen der abgelaufenen Saison zählen für die EM-Fahrer nach ihrem Urlaub nicht mehr als Entschuldigung.

"Die Nationalspieler haben drei Wochen Urlaub, so viel Urlaub hatte ich als Spieler nie. Das ist eine exzellente Zeit für körperliche und mentale Erholung", sagte Sammer bei seiner Vorstellung:

"Ich sehe überhaupt keinen Grund für irgendein Alibi, um den Ansprüchen des FC Bayern nicht gerecht zu werden."

Deisler-Arzt warnt

Psychologen halten diesen Standpunkt jedoch für gefährlich.

"Die Narbe im Kopf bleibt - das kann man nicht mal eben mit drei Wochen Urlaub wegpacken", sagte Professor Florian Holsboer der "tz".

Der Experte hat Erfahrung im Fußball-Geschäft. Er behandelte einst unter anderem Sebastian Deisler, Ottmar Hitzfeld oder Oliver Kahn.

Zwar sind psychische Erkrankungen oder Depressionen in erster Linie genetisch bedingt, das Risiko sei laut Holsboer "bei psychisch stark belastenden Berufen - und dazu zähle ich den bezahlten Fußball - höher als bei anderen Berufen".

Fehlschuss kann "ein Leben lang" belasten

Besonders für Bastian Schweinsteiger und Arjen Robben wird es nicht leicht sein, den Ballast abzuschütteln, schließlich standen ihre Fehlschüsse bei dem verlorenen Champions-League-Finale gegen den FC Chelsea besonders im Fokus.

"Das geht nicht spurlos an einem vorbei. Ich glaube, es gibt Fußballer, die ihr Leben lang über einen verschossenen Elfmeter in einem entscheidenden Spiel nicht hinwegkommen", meint Holsboer.

[kaltura id="0_7iyqvxrr" class="full_size" title="Sammer gibt schon Vollgas"]

Allgemeingültiges Rezept gibt es nicht

Dazu kommt für alle deutschen Nationalspieler, Robben, Anatoly Tymoshchuk und Franck Ribery die teilweise extrem enttäuschende EM, die auch körperlich die letzten Reserven raubte.

Ein allgemeingültiges Rezept zur Verarbeitung einer solchen Flut an Enttäuschungen gibt es nicht.

"Kein Spieler ist gleich, schon gar nicht seine Psyche. Die Verarbeitung ist höchst individuell. Gerade Schweinsteiger: Es sollte ja seine Saison werden", betont Holsboer.

Am 22. Juli steigen die DFB-Akteure ins Training ein, Robben und Ribery sogar schon eine Woche früher.

Blick nur noch nach vorne

Geht es nach Sammer, soll der Blick dann nur noch nach vorne gehen.

Nicht zuletzt diese knallharte und kompromisslose Gangart bewog die Bayern-Bosse um Präsident Uli Hoeneß, den Ex-Nationalspieler zu installieren.

Er spricht unangenehme Wahrheiten aus und soll die Mannschaft und den gesamten Verein aus der titellosen Lethargie der vergangenen beiden Jhre reißen.

Gegenpol zu Heynckes

Sammer könnte so der Gegenpol zu Trainer Jupp Heynckes werden, der Schweinsteiger bereits versprach, sich "besonders um ihn zu kümmern".

Ob die sensiblen Stars wie Schweinsteiger, Robben und Ribery mit Sammers fordernder Art klarkommen werden, wird die Zukunft zeigen.

Netzer sieht Spieler in der Pflicht

Legende Günther Netzer sieht in der "Bild am Sonntag" nach Sammers Ankunft großes Konfliktpotenzial beim Rekordmeister.

"Krach und Dissonanzen sind vorprogrammiert. Wichtig wird die Zusammenarbeit mit Heynckes sein. Es muss eine Einheit entstehen. Die Spieler dürfen keine Gelegenheit erhalten, sich hinter jemandem zu verstecken", erklärt Netzer.

Trotzdem sieht der Europameister von 1972 - ähnlich wie Sammer - vor allem die Profis gefordert:

"Die Spieler sind jetzt zu Erfolgen verurteilt. Diesem Druck müssen sie aufgrund ihrer Reputation gewachsen sein."

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