"Stuttgart hat mich kompletter gemacht"
Von Reinhard Franke
München - Aus seiner Stimme klingt die pure Überzeugung.
Wenn Bruno Labbadia über seinen Job beim VfB Stuttgart spricht, dann weiß man, dass ein harter Weg hinter ihm liegt. Nach Darmstadt, Fürth, Leverkusen und Hamburg ist Stuttgart seine fünfte Trainerstation. Und im Schwabenland ist Labbadia endlich glücklich.
Er übernahm den VfB 2011 im Abstiegskampf, schaffte die Rettung und führte den Verein in der letzten Saison auf Platz sechs und damit in die Europa League. Die Kritiker, die behaupten, der 46-Jährige sei nur ein Trainer für die Hinrunde, sind erst mal verstummt.
Im SPORT1-Interview spricht Bruno Labbadia über seinen Ruf, einen persönlichen Wandel, den VfB - und verrät, dass er mit einem Verbleib von VfB-Stürmer Cacau rechnet.
SPORT1: Herr Labbadia, mit welchem Gefühl gehen Sie in die neue Saison?
Bruno Labbadia: Mit einem sehr guten und optimistischen Gefühl. Meine Mannschaft macht mir einfach Freude, wie sie arbeitet. Sie macht da weiter, wo sie im letzten halben Jahr aufgehört hat. Ich gehe mit einer gewissen Zuversicht in die neue Runde.
SPORT1: Der Verein muss sparen und konnte demzufolge mit Tunay Torun und Tim Hoogland nur zwei Neuzugänge präsentieren. Ist das nicht gefährlich? ( BERICHT: Ibisevic verhindert VfB-Blamage)
Labbadia: Das hat immer Vor- und Nachteile. Für mich kommt etwas zu kurz, dass sehr erfolgreiche anderthalb Jahre hinter uns liegen. Wir waren die drittbeste Mannschaft in der Rückrunde und haben die zweitmeisten Tore erzielt. Da waren viele Dinge sehr positiv. Nicht nur im sportlichen Bereich, auch im wirtschaftlichen. Die Mannschaft hat es verdient, unterstützt zu werden. Da ist es nicht immer wichtig, dass man viele neue Leute holt.
SPORT1: Bei fünf Abgängen und nur zwei Zugängen ist es dennoch ein schmaler Grat, oder?
Labbadia: Wir haben natürlich einen kleinen Kader. Das birgt ein gewisses Risiko, und dessen müssen wir uns bewusst sein. Wir sind aber seit meinem Start zu einem richtigen Team geworden, das in anderthalb Jahren 83 Punkte geholt hat, waren letztes Jahr Sechster. Die Truppe hat fußballerisch eine tolle Entwicklung genommen.
SPORT1: Ist das neue Stadion vielleicht der Grund für diesen Weg, den man jetzt gehen muss?
Labbadia: Nein. Das Stadion ist nicht das Problem. Wir haben ähnliche Probleme wie Mannschaften die kurzzeitig in der Champions League gespielt haben. Wenn du in der Königsklasse warst, dann musst du auch mal investieren. Irgendwann holt dich das ein, und dann hast du eine gewisse Zeit, wo der Gürtel enger geschnallt werden muss.
SPORT1: Aber man hat das Gefühl, dass bei dem engen Gürtel keine rechte Euphorie aufkommt...
Labbadia: Der gesamte Verein ist sehr positiv. Der Verein muss sich für den Sparkurs nicht schämen, wir sollten damit offensiver umgehen. Wir sind ein gesunder Verein, der einen hohen Stellenwert in der Bundesliga hat und der die Leute gerade im letzten halben Jahr begeistert hat.
SPORT1: Reden Sie die Situation nicht schön?
Labbadia: Nein. Es gab in der Rückrunde kaum ein Spiel, wo wir nicht drei oder vier Tore gemacht haben. In den letzten zwei Jahren wurde am Limit gearbeitet, und ich hoffe, dass wir mal keine Spieler abgeben müssen, wenn der Vertrag ausläuft. Wir mussten Spieler verkaufen und ich trage das mit. ( SERVICE: Bundesliga-Sommerfahrpläne)
SPORT1: Sie galten in der Branche lange als ein Trainer, der nur kurzzeitigen Erfolg hat. Seit anderthalb Jahren sind Sie nun beim VfB. Ist Stuttgart Ihre schönste Station?
Labbadia: Es gibt nicht so viele junge Trainer, die im Pokalfinale mit Leverkusen und im Europacup-Halbfinale (mit dem HSV, Anm. d. Red.) waren. Ich habe es mit meinen Mannschaften immer geschafft, wenn auch manchmal nur für eine gewisse Phase, die Leute zu begeistern. Dass man Dinge festigen und unbequeme Wege gehen muss, dessen bin ich mir bewusst. Dazu braucht man Leute, die den Weg mitgehen. Die Stationen, wo ich war, waren dennoch sensationell gut. Auch die Sachen, die weniger gut waren, bringen dich weiter.
SPORT1: Und? Ist der VfB ihre schönste Station?
Labbadia: Stuttgart war ein sehr harter Weg und hat mich ein Stück kompletter gemacht, weil ich mit meinen Mannschaften immer auf der Sonnenseite war und nie die Erfahrung Abstiegskampf machen musste. Diese Erfahrungen in Stuttgart haben mich an den Verein gefesselt.
SPORT1: Warum wurde von Ihnen kein Saisonziel ausgegeben?
Labbadia: Wir haben einige Millionen Euro eingenommen und wenig investiert. Andere investieren deutlich mehr, deshalb ist es nicht sinnvoll, wenn wir uns hinstellen und Prognosen wagen. Es wird interessant zu sehen wie unser kleiner Kader der Dreifachbelastung standhält. Wir wollen vor allem unseren Fußball festigen.
SPORT1: Wo sehen Sie die Marke VfB?
Labbadia: Der VfB ist ein großer und top seriöser Verein mit viel Potenzial, der Stärken hat. Manchmal wünsche ich mir, dass wir noch offensiver mit unseren Stärken umgehen. Der Verein muss sich vor keinem verstecken. Man sollte diesen Verein noch viel mehr wertschätzen.
SPORT1: Tut das auch Cacau? Er hat Abwanderungsgedanken geäußert.
Labbadia: Cacau hat ein schwieriges Jahr hinter sich. Wir hatten ein sehr angenehmes, ehrliches Gespräch. Man muss mit so einem erfahrenen Spieler sehr klar umgehen. Wir brauchen ihn, weil wir seine Qualität nicht kaufen können. Er will sich Gedanken machen. Wir wollen ihn halten und ich gehe davon aus, dass er bleibt.


