96: Vollgas in der Liga und Europa
Von Christian Paschwitz
München - Bei den "Roten" wollen sie noch einen Gang höher schalten als in der Vorsaison.
Das hatte sich bildlich bereits nach dem ersten Trainingslager angedeutet, als die Profis von Hannover 96 mit Luftkissenbooten Vollgas gaben.
Und auch eineinhalb Wochen vor dem Saison-Start ist mancher im Team von Trainer Mirko Slomka schneller denn je unterwegs:
Zählte bisher Jan Schlaudraff mit seinem Ferrari F 430 Scuderia (Spitzengeschwindigkeit von 324 km/h) zu den rasantesten Akteuren, legt der orange-farbene McLaren MP 4 von Rückkehrer Szabolcs Huszti noch sechs Sachen mehr hin.
Hoffen auf Rückkehrer Huszti
Und auch auf dem Platz will der Rückkehrer von Zenit St. Petersburg durchstarten:
"Seit meinem Weggang hat sich der Klub toll entwickelt, den weiteren Weg möchte ich jetzt mitgehen", sagt der 29-Jährige - und fügt an: "Es fühlt sich ein bisschen an, wie wieder nach Hause zu kommen."
Coach Mirko Slomka hört das gern - und hat von Huszti und 96 klare Vorstellungen: "Seine Stärken kommen sicherlich im linken offensiven Mittelfeld am besten zur Geltung. Ich bin überzeugt davon, dass er unsere Qualität im Team noch einmal erhöht."
Bester Nord-Klub und Euro-League-Viertelfinale
Und das national wie auf europäischem Parkett:
Der Vorjahres-Siebte des Bundesliga war zuletzt zweimal in Folge bester Nord-Klub, erreichte mit dem Einzug ins Europa-League-Viertelfinale international das beste Resultat seiner Klub-Historie.
"Wir haben nicht die finanziellen Voraussetzungen wie Wolfsburg beispielsweise. Um weiter erfolgreich zu sein, müssen wir akribische Arbeit und absoluten Willen dagegensetzen", betont Jan Schlaudraff im "kicker".
Doch der Stürmer meint auch: "Wir haben eine gute Mannschaft, ein funktionierendes Umfeld, inzwischen sogar die Ruhe, was bei 96 nicht immer der Fall war."
• Das ist neu:
Insofern war und ist auch an der Transferfront kein Aktionismus vonnöten (gewesen) - mit Huszti als Zehner ist das gewichtigste Puzzleteil zum neuen Kaders gelegt.
"Wir sind auf den meisten Positionen doppelt oder noch besser besetzt, wie im Sturm, wo wir fünf Kandidaten haben", schwärmt Schlaudraff.
Mehr Qualität versprechen unter anderem auch die Zugänge Hiroki Sakai (Reysol), Felipe (Standard Lüttich) und Adrian Nikci (FC Zürich) - die Abgänge von Moritz Stoppelkamp (1860 München) und Emanuel Pogatetz (VfL Wolfsburg) scheinen dagegen gut verkraftbar.
Zieler nun Deutschlands Nummer zwei
Und mit Ron-Robert Zieler haben die 96er wieder einen Nationalkeeper mit Perspektive.
"Ich will eine Position aufrutschen und Nummer zwei werden", hatte der Youngster nach der EM gesagt.
Der Abgang von Tim Wiese (1899 Hoffenheim) im DFB-Team hat das bereits ermöglicht.
Besondere Situation um Schmadtke
Und auch das darf als Novum gelten: 96 ist inzwischen eine Adresse für mittlere Top-Klubs. Nicht von ungefähr kam unlängst Red Bulls Salzburgs Acht-Millionen-Euro-Offerte für Stürmerstar Ya Konan, die auch intern viel Wirbel entfachte.
Gerade der Transferpoker um den Ivorer könnte andeuten, dass die Niedersachsen aktuell zu einem gewissen Grad handlungsunfähig sind - weil Jörg Schmadtke fehlt.
• Das soll besser werden:
Der Manager befindet sich aus familiären Gründen nach wie vor in einer Auszeit, soll erst ab Mitte September wieder als Teilzeitkraft halbtags den Managerposten bekleiden, bevor er 2013 dann wieder voll einsteigt.
Offiziell wiegeln die Sportlich Verantwortlichen dieses personelle Dilemma ab, so wie Klub-Chef Martin Kind ("Alles ist organisiert, nichts bleibt liegen").
Tatsächlich aber könne Schmadtkes "Mini-Sabbatical", eine bislang einzigartige Arbeitskonstellation in der Liga, 96 noch Probleme bereiten. Vor allem bei einem Saison-Fehlstart.
Eklatante Auswärtsschwäche
Zudem drückt Hannover die zuletzt so eklatante Schwäche in der Fremde:
"Elf Punkte auswärts waren zu wenig. Es hat uns gewundert, warum es eine Diskrepanz zwischen Bundesliga und Europa League gab", monierte Slomka im "kicker".
Trotz eines Torverhältnisses von 41:45 in der Vorsaison erachtet der Coach die Abwehr dabei keineswegs als größte Baustelle: "Die Defensive ist gut organisiert. Wir waren vor dem gegnerischen Tor zu ungefährlich. Gerade aus dem Mittelfeld heraus verlange ich mehr Torgefahr."
• Das sagt der Trainer:
Die war in den Testspielen nur dann und wann erkennbar, wurde nicht zuletzt auch vermisst bei den Pleiten gegen Preußen Münster (0:2) und Hertha BSC (0:4).
Gut in Schuss zeigte sich 96 dagegen beim 3:4 gegen Manchester Uniteds Star-Ensemble.
"Wir wollen uns in der oberen Hälfte behaupten. Obwohl sich andere Klubs extrem positionieren", sagte Slomka im "kicker".
Gegen den nächsten Höhenflug auf internationalem Parkett hätte der 44-Jährige nichts einzuwenden, will die Europa League aber nur als Nebengeschäft betrachten.
"Die Reise durch Europa stand für unsere Fans an erster Stelle", so Slomka. "Ich wünsche mir, dass es so weitergeht. Doch die Bundesliga bleibt unser Kerngeschäft. Wir wollen unsere Position behaupten."
• Saisonziel:
"Unter den ersten Zehn etablieren. Wenn alles passt, dann in die Europa League", lautet denn auch das Saisonziel für Schlaudraff.
Das Auftaktprogramm gegen Schalke, Wolfsburg, Bremen und Hoffenheim dürfte dabei zum Lackmustest werden.
Gleiches gilt für die Playoffs zur Europa League im Duell mit Polens Meister Slask Breslau.
Zum personellen Nachbessern haben die "Roten" nach der unerwartet erfolgreichen Vorsaison indes immerhin Zusatzeinnahmen von 20 Millionen Euro in der Kasse.
• SPORT1-Prognose:
Für den Fall, dass die Abwesenheit Schmadtkes gut gehandhabt wird, stehen die Aussichten gut: Der Kader steht so gut wie nie da, auch wenn Mame Diouf (Syndesmoseband-Teilabriss) noch bis Mitte September ausfällt und von Leon Andreasen (Comeback nach zweijähriger (!) Verletzungspause) keine Wunderdinge zu erwarten sind.
Platz zehn sollte das Minimalziel sein, Rang fünf ist keineswegs utopisch.
Zumal auch die Fans angesichts von fast 27.000 verkaufter Dauerkarten - ein neuer Rekord - zusätzliche Euphorie freisetzen mögen.


