Gedämpfte Euphorie im Fohlenstall
Von Reinhard Franke
München - Die Leistungskurve von Borussia Mönchengladbach zeigte in den letzten zwei Jahren steil bergauf.
Vorletzte Saison sicherte die Borussia nach einer nervenaufreibenden Relegation noch die Klasse, darauf folgte der sensationelle vierte Rang, der zur Teilnahme an der Champions-League-Qualifikation berechtigt.
Dort kann der ukrainische Spitzenklub Dynamo Kiew zum großen Stolperstein auf dem Weg in die Gruppenphase werden.
Die Erwartungshaltung rund um den Borussia-Park ist trotzdem riesengroß, nicht zuletzt seit Erfolgstrainer Lucien Favre seinen Vertrag bis 2015 verlängert hat.
Gelingt ihm auch noch der Einzug in das europäische Konzert der ganz Großen, würde Favre von den Fans ein Denkmal gesetzt bekommen.
Die Verantwortlichen wollen sich gleichzeitig aber auch in den oberen Gefilden der Bundesliga etablieren.
Teil 15 der SPORT1-Bundesliga-Vorschau: Borussia Mönchengladbach.
• Das ist neu:
Neu ist vor allem die Euphorie-Bremse, auf die Sportdirektor Max Eberl vor dem Saisonstart treten muss. In der vergangenen Saison zeichnete die Mannschaft aus, dass sie immer sehr kompakt gestanden ist.
Hinzu kam ein sehr schnelles und effektives Umschalten in den Angriff. Damit hatten die Gegner der Borussia so ihre liebe Mühe.
Inzwischen - das wurde schon gegen Ende der alten Saison deutlich - wissen die gegnerischen Teams aber, was die Borussia kann und sie stellen sich darauf ein.
Hochkarätige Zugänge
Um die wertvollen Abgänge Marco Reus (zu Borussia Dortmund), Dante (Bayern München) und Roman Neustädter (Schalke 04) zu kompensieren, wagte die Borussia bisher nicht dagewesene Investitionen:
Granit Xhaka, der vom FC Basel kam, Peniel Mlapa aus Hoffenheim, Branimir Hrgota (Jönköping Södra), Alvaro Dominguez (Atletico Madrid) und natürlich der holländische Goalgetter Luuk de Jong, der sich nach wochenlangen Verhandlungen mit seinem Ex-Klub Twente Enschede endlich das Prädikat "teuerster Transfer der Vereinsgeschichte" anheften konnte.
Mit ihnen soll die neue Dreifach-Belastung aufgefangen werden.
• Das soll besser werden:
In der Offensive muss wegen des Reus-Abschieds die Last zwangsläufig auf mehrere Schultern verteilt werden.
Außerdem sind die Standards stark verbesserungswürdig. Das gilt insbesondere für Ecken, nach denen kaum Tore fielen.
Die Borussia kann nach dem 2:0 im letzten Testspiel in Norwich mit einem positiven Eindruck in die nächsten, so intensiven Wochen gehen. Im Sturm harmonierten Luuk de Jong und Igor de Camargo.
Auch Favre zeigte sich zufrieden mit seinem Zweier-Angriff. "Wir waren beweglich im Sturm", sagte der Schweizer. Richtig angetan hatte es ihm der schön herausgespielte Treffer zum 2:0 durch Hrgota.
Favre wird zum Tüftler
Das bevorzugte 4-4-2-System, wie es Favre spielen lässt, braucht viel Bewegung. Auch ein 4-2-3-1 oder 4-3-3 ist möglich.
Die neue Borussia wird also variabler agieren als bisher. Wobei man sich nicht nur nach dem Gegner richten will. "Wir adaptieren uns nie an den Gegnern, sondern gehen höchstens auf Details des gegnerischen Spiels ein", stellte Favre klar.
Er wird künftig nicht nur von Spiel zu Spiel denken, sondern auch verstärkt von Spiel zu Spiel tüfteln.
• Das sagt der Vize-Präsident:
"Wir freuen uns sehr auf die neue Spielzeit. Nach drei Monaten Sommerpause wird es Zeit, dass es endlich wieder losgeht", sagt Rainer Bonhof im Gespräch mit SPORT1. "Da Borussia nach 16 Jahren wieder im Europapokal dabei ist, ist die Vorfreude besonders groß."
Doch Bonhof hält den Ball flach. Vom Angriff auf die Spitze will er nichts hören.
"Wer sagt, dass wir die Spitze angreifen wollen?", fragt der 60-Jährige. "Wir haben eine nahezu perfekt verlaufene Saison hinter uns. Wir sollten nicht so vermessen sein zu glauben, dass wir uns mit den Großen der Liga, wie Borussia Dortmund oder Bayern München, messen können. Diese beiden Klubs, aber auch andere Vereine, wie Schalke, Bayer Leverkusen, aber auch der VfL Wolfsburg oder 1899 Hoffenheim, haben ganz andere Voraussetzungen als wir."
• Saisonziel:
Für Bonhof geht es "weiterhin darum, dass wir uns zwischen Platz fünf und neun stabilisieren." Wenn man jedoch die tolle Saison wiederholen könnte, hätten die Veranwtortlichen in Gladbach sicher nichts dagegen.
• SPORT1-Prognose:
Auch wenn Eberl und Bonhof auf Understatement machen, dürften sie insgeheim wissen, dass ihnen das keiner abnimmt. Bonhof betont zwar, dass "niemand in Mönchengladbach träumt. Unsere Fans freuen sich über die positive Entwicklung, die die Mannschaft in den vergangenen anderthalb Jahren gemacht hat."
Doch Eberl hat einen zu guten Job gemacht, holte mit den Neuen enorme Qualität in die Truppe. Vor allem de Jong und Dominguez sind zwei absolute Kracher, die für mehr stehen als nur Mittelmaß.
Wenn Favre es schafft, eine homogene Truppe zu formen, dann spricht Gladbach ein deutliches Wörtchen im Kampf um die europäischen Startplätze mit. Für ganz oben dürfte es allerdings noch nicht reichen.


