"Vielleicht fehlt einer, der das Heft in die Hand nimmt"
Von Reinhard Franke
München - Der Start in die neue Bundesliga-Saison ist Bayer Leverkusen gründlich misslungen. (DIASHOW: Tops und Flops 1. Spieltag) .
Mit 1:2 verlor die Werkself bei Aufsteiger Eintracht Frankfurt. Viel zu wenig für Leverkusens Ansprüche. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)
Sportdirektor Rudi Völler nimmt die Mannschaft in die Pflicht und fordert im SPORT1-Interview gegen den SC Freiburg (Sa., ab 15 Uhr im LIVE-TICKER) eine deutliche Steigerung.
Der 52 Jahre alte Weltmeister von 1990 spricht über die Abgänge von Leistungsträgern, die Ziele in dieser Saison, Andre Schürrle, Lars Bender und Bayerns 40-Millionen-Mann Javier Martinez.
SPORT1: Herr Völler, macht Ihnen die Abwehr Sorgen? Andre Schürrle hat nach dem 1:2 in Frankfurt heftige Kritik geübt.
Rudi Völler: Wenn viele Chancen zugelassen werden, ist nicht nur die Abwehr der Hauptschuldige, dann sind in der ganzen Mannschaft Fehler passiert. Wir müssen diese abstellen, mit unserem enormen Offensiv-Potenzial ist mir auch nicht bange. Wir werden uns davon nicht umwerfen lassen, nur weil wir das erste Spiel verloren haben.
SPORT1: Der Verein hat sich ja auch hohe Ziele gesteckt.
Völler: Wir wollen in den internationalen Wettbewerb mit dem Minimalziel Europa League. Wir setzen uns hohe Ziele, aber man muss realistisch bleiben. Die Bayern und der BVB sind die beiden besten Mannschaften. Dass die uns einiges voraus haben, ist die Realität. Wir werden trotzdem versuchen, unser Ding zu machen und das Beste rauszuholen. Samstag spielen wir gegen Freiburg, da haben wir noch etwas gutzumachen. Die Freiburger werden sich umschauen.
SPORT1: Der Klub wird von einigen gar als Titelkandidat gehandelt. Wie zuversichtlich sind Sie, dass es eine erfolgreiche Runde für Bayer wird?
Völler: Wichtig ist, dass wir uns von kleinen Rückschlägen nicht umwerfen lassen und so reagieren, wie man als Spitzen-Mannschaft reagieren muss. Dann bin ich zuversichtlich, dass wir einen weiteren Schritt nach vorne machen werden.
SPORT1: Leverkusen hat mit Rene Adler, Michael Ballack, Eren Derdiyok und Tranquillo Barnetta vier wichtige Spieler verloren. Ein enormer Substanzverlust, oder?
Völler: Die vier haben ja aus den verschiedensten Gründen kaum noch gespielt. Eren hat noch am meisten Einsätze gehabt, aber auch nur als Backup für Stefan Kießling. Das waren sicher vier gestandene Profis mit Ausstrahlung und vielleicht fehlt unserer jungen Mannschaft einer, der das Heft in die Hand nimmt. Aber es gibt Spieler, die werden in diese Rolle reinwachsen, die bauen wir auf.
SPORT1: Welche?
Völler: Phillip Wollscheid, Andre Schürrle oder Lars Bender. Gerade Lars ist das klassische Beispiel. Er ist bei uns Vize-Kapitän geworden und hat die Fähigkeiten, auch mal seine Meinung zu sagen.
SPORT1: Wie sehen Sie seine Zukunft?
Völler: Bei allem Respekt für die Anfragen von Bayern München gibt es nur eine Antwort: Lars wird bei uns bleiben. Ohne Wenn und Aber. Er hat vor einem halben Jahr zum Glück den Vertrag bei uns verlängert und deshalb sind wir in einer angenehmen Situation. Lars Bender hat eine tolle Zukunft vor sich, er wird vielleicht irgendwann mal Bayer Leverkusen verlassen, aber nicht in diesem Jahr.
SPORT1: Gilt das auch für Andre Schürrle? Er durfte trotz des andauernden Bemühens von Chelsea nicht wechseln.
Völler: Was für Bender gilt, das gilt natürlich auch für Andre. Er hat überragende Fähigkeiten im Tempo-Dribbling, eine sensationelle Schusstechnik. Er ist erst ein Jahr bei uns und ich habe ihm in mehreren Telefonaten ganz klar erklärt, "Andre, du bleibst bei uns." Wir haben ein ganz herzliches Verhältnis. Du musst einem Spieler das heutzutage vernünftig erklären, warum wir solche Entscheidungen treffen. Andre hat das absolut verstanden und nichts kritisiert. Er ist wie Lars ein toller Junge. Beide werden für Bayer Gas geben.
SPORT1: Wie ist Ihre Meinung zum neuen 40-Millionen-Einkauf der Bayern, Javi Martinez?
Völler: Man hat von ihm noch gar nicht viel hier in Deutschland gesehen. Aber er scheint ein Riesentalent zu sein, das ist ein Transfer für die nächsten Jahre, nicht nur die nächsten ein, zwei Jahre. Ich bin mir sicher, dass die Bayern genau wissen, was sie an dem Spieler haben und ich muss zugeben, dass ich auch etwas neugierig bin auf den Jungen.
SPORT1: Wie sehen Sie den Titelkampf in der neuen Saison?
Völler: Borussia Dortmund ist zwei Mal verdient Meister geworden, obwohl Bayern den etwas besseren Kader hat. Die Bayern haben tolle Einzelspieler und sind mit der Dreifachbelastung bis ins Champions League-Finale gekommen, Dortmund ist im Winter schon ausgeschieden und das macht ein paar Punkte aus. Der BVB wird aber dieses Jahr eine bessere Rolle international spielen. Bayern bleibt eine Top-Mannschaft. Für die Leute wird es nicht langweilig.


