Thomas Berthold glaubt in seiner Kolumne nicht, dass der HSV-Neuzugang alle Probleme löst. Hoffenheim muss sich hinterfragen.

Hallo Fußball-Freunde,

Rafael van der Vaart hat von der Tribüne aus zugesehen, wie der HSV in Bremen verloren hat. In Hamburg ist der Niederländer nun der große Hoffnungsträger. Aber zu glauben, dass ein neuer Spieler kommt und alles wird gut ? so einfach ist das nicht.

Die Mannschaft hat durch den Verlust von Mladen Petric und Paolo Guerrero vorne keine Durchschlagskraft und in der Defensive macht sie keinen stabilen Eindruck.

Eine Mannschaft braucht eine Struktur, eine Führung, eine Hierarchie. David Jarolim war ein etablierter Spieler über viele Jahre, auch sein Abgang dürfte Spuren hinterlassen haben.

Schon vor der vergangenen Saison wurde Substanz abgegeben, damals setzte der HSV verstärkt auf Spieler mit einer Chelsea-Vergangenheit.

Ich habe einfach den Eindruck, dass Frank Arnesen die Bundesliga unterschätzt hat. Die Verantwortlichen haben alles auf die Karte Arnesen gesetzt.

Ich denke, ein Verein muss im Aufsichtsrat und im Vorstand mit genügend Fußballkompetenz ausgestattet sein, um sich nicht nur auf eine Person verlassen zu müssen.

Die Aussage von Arnesen, dass der HSV sich nicht kaputt sparen dürfe, irritiert mich angesicht des sechst- oder siebtgrößten Etats in der Liga ein wenig.

Nun kommt van der Vaart und die Erwartungshaltung ist sehr groß. Wie immer, wenn ein Spieler zurückkehrt, der bei einem Verein sehr gute Leistungen gebracht hat.

Aber 13 Millionen Euro sind eine stolze Ablösesumme für einen 29 Jahre alten Spieler. Für das Geld hätte ich ihn nicht geholt.

Die drei Aufsteiger, die stark gestartet sind, gehören fast schon traditionell zu den Abstiegskandidaten. Ich würde noch den FC Augsburg dazurechnen.

Es ist zwar noch zu früh, um eine Tendenz abzugeben, aber es ist gut möglich, dass noch ein Klub da unten rein rutscht. Das könnte der HSV sein, oder Hoffenheim.

Das 0:4 gegen Aufsteiger Eintracht Frankfurt war ein herber Rückschlag für 1899. Im Pokal gab es schon vier Gegentore gegen den Regionalligisten Berliner AK.

Zwar kann man am ersten Spieltag in Gladbach mit 1:2 verlieren, aber wenn man zehn Gegentore in den ersten drei Pflichtspielen kassiert, muss etwas Grundsätzliches im gesamten Defensivverhalten, im Umschalten nach Ballverlusten, nicht stimmen.

Wenn man so startet, muss sich jeder hinterfragen. Jeder Baustein muss umgedreht werden.

Strukturell scheint in Hoffenheim das gleiche Problem wie in Hamburg vorhanden zu sein, vielleicht ist Markus Babbel mit der Doppelfunktion Trainer/Manager auch überfordert.

Dietmar Hopp muss sich selbst hinterfragen, ob sein Geschäftsmodell so funktioniert. Ich erinnere an die Ausleihe von Lakic, als Hopp den Kontakt zu VW-Boss Winterkorn aufnahm.

Was hat dabei eigentlich der damalige Sportdirektor Ernst Tanner gemacht?

Generell ist mir die Ausrichtung bei Hoffenheim nicht ganz klar.

Erst hieß es, man wolle ein Ausbildungsverein sein, dann wollte man ins internationale Geschäft, dann wieder Ausbildungsverein sein.

Nun wurde wieder von Europa geträumt, mit Wiese, Delpierre und Derdiyok wurden gestandene Bundesligaspieler geholt.

Aber auch die Mannschaft braucht eine Identität. Mal so eben drei neue Spieler holen und vier abgeben, und dann hat man eine funktionierende Mannschaft auf dem Platz - das geht im Fußball nicht so schnell.

Da fehlt mir die klare Linie. Da ist der Verein gefragt, eine Ausrichtung zu artikulieren: Wer ist man, wo steht man und wo will man hin?

Bis nächste WocheEuer Thomas Berthold

Thomas Berthold nahm als Spieler an drei Weltmeisterschaften teil und krönte seine Karriere mit dem WM-Titel 1990 in Italien. In der Bundesliga war er für Eintracht Frankfurt, den FC Bayern München und den VfB Stuttgart aktiv. Zudem lief er in der Serie A für Hellas Verona und AS Rom auf. Der ehemalige Manager von Fortuna Düsseldorf ist regelmäßig als LIGA total!-Experte im Einsatz und schreibt wöchentlich die Bundesliga-Kolumne für SPORT1.

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