Sammer-Time: Viel Meinung, Eifer, Reibung
Von Mathias Frohnapfel
München - An 100-Tage-Bilanzen von Christian Nerlinger erinnert man sich nicht.
Beim Amtsvorgänger von Matthias Sammer ging es von Beginn an nur um Trainer-General und Lautsprecher Louis van Gaal.
Im Fall von Sammer ist das anders. Das liegt nicht nur daran, dass er als Sportvorstand eine Ebene höher angesiedelt ist als der frühere Sportdirektor Nerlinger.
Sammer hat Ecken und Kanten, doziert gern und ist ziemlich meinungsfreudig.
Bayern-Präsident Uli Hoeneß hat ihn sogar extra geholt, damit er Reibung erzeugt.
Hoeneß-Spezl und FCB-Trainer Jupp Heynckes weiß spätestens seit der Käse!-Lätschern!-Rede Sammers in Bremen, wovon die Rede ist.
Eine Art "Schleudertrauma" hatte Sammer nach den ersten zehn Tagen beim deutschen Rekordmeister registriert, wie er im Trainingslager am Gardasee verriet.
Genau 100 Tage sind seit seinem ersten Arbeitstag am 3. Juli vergangen.
SPORT1 analysiert den Start des 45-Jährigen.
• Sportliche Bilanz:
Zehn Pflichtspiele, neun Siege. Die Bayern holten noch vor Saisonbeginn gegen Dortmund den Supercup, sind im DFB-Pokal weiter und brillierten in der Liga mit einer ununterbrochenen Siegesserie.
Nur die Niederlage in der Champions League bei Bate Borissow trübt das schmucke Zahlenwerk.
"Er tut dem FC Bayern sehr gut, ist ein sehr guter Partner von Jupp Heynckes und bei der Mannschaft beliebt, sagt manchmal auch unangenehme Dinge", stellt nicht nur Bastian Schweinsteiger Sammer ein positives Zeugnis aus.
"Die Bilanz sieht auch ganz gut aus. Die ersten 100 Tage waren erfolgreich, ich hoffe, die nächsten 200 Tage werden es auch." ( DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)
• Zusammenarbeit mit dem Trainer
"Kein Blatt Papier" passe zwischen Sammer und Heynckes, so hatte es beim FCB nach dem jüngsten Knatsch der beiden Alpha-Tiere geheißen.
Sicher ist, die erste öffentliche Auseinandersetzung hat Spuren hinterlassen.
Sammers deftige Mannschaftsschelte nach dem Werder-Spiel schmeckte Heynckes nicht, was er drei Tage später kalkuliert und vor laufenden Kameras kundtat.
FCB-Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge musste höchstpersönlich die Missstimmung bei einem Friedensgipfel klären.
Hoeneß stärkte anschließend Sammer, Heynckes breche doch "kein Zacken aus der Krone", wenn sich der Sportvorstand äußere.
Kritik - auch nach siegreichen - Spielen ist beim FCB zulässig und erwünscht, zumal es die Sinne schärft, wie auch Rummenigge befindet.
"Die komplette Führung darf nicht zu emotional oder zu euphorisch reagieren. Wir müssen den Spielern ehrlich sagen, wenn sie schlecht gespielt haben", sagte er zum neuen Geist im "kicker".
• Zusammenarbeit mit Vorstand und Präsident
Vorstandschef Rummenigge stellt zur Arbeitsteilung zwischen ihm und Sammer fest: "Matthias ist sehr eng an der Mannschaft dran."
Hoeneß ist ohnehin damit zufrieden, wie sich Sammer bereits in seine neue Aufgabe reingefuchst hat.
"Es hat sich gezeigt, dass wir für diese Position einen Mann brauchen von der Ausstrahlung und von der Stärke nach außen, wie sie Matthias hat", erklärte er im "Spiegel".
Als Aufsichtsratschef initiierte er den Wechsel von Nerlinger zu Sammer und registriert erfreut dessen streitbare Seite.
Als Sammer öffentlich Mario Gomez nach einer Hoeneß-Kritik verteidigte, freute das den Bayern-Oberboss sogar:
"Richtig so. Leute, die sofort in Deckung gehen, wenn der Alte da oben etwas sagt, kann ich nicht gebrauchen."
• Zusammenarbeit mit der Mannschaft
Wenn es irgendwie geht, verfolgt Sammer jedes Mannschaftstraining.
Sein persönlicher Assistent und wissenschaftlicher Mitarbeiter Dr. Karsten Schumann begleitet zudem jede Einheit, analysiert seine Beobachtungen gemeinsam mit dem gebürtigen Sachsen.
Und Sammer sitzt mit auf der Trainerbank, allerdings nicht neben Heynckes, sondern neben Co-Trainer Hermann Gerland.
"Sammer äußert seine Meinung, gibt sich nicht zufrieden. Das ist eine Einstellung, die wir brauchen", schildert FCB-Spielmacher Toni Kroos Sammers Einfluss.
Dass die Spieler in den Gesprächen mit dem Sportvorstand auch manchmal schlucken müssen, wertet dessen Rolle nicht ab.
"Bastian ist ein außergewöhnlicher Spieler Das reicht aber auf Dauer nicht, er muss auch verbal noch mehr in Erscheinung treten", forderte Sammer etwa nach Bayerns Sieg über Wolfsburg.
• Transferbilanz
40-Millionen-Euro hat Bayern in den Spanier Javier Martinez investiert, auch Sammer hat sich intern für den Deal stark gemacht.
"Er war am Rande beteiligt", beschreibt Hoeneß' Sammers Rolle.
Er räumt aber mit Blick auf den ehemaligen DFB-Sportdirektor ein:
"Es wäre doch grob fahrlässig gewesen, einen Neuling nach Bilbao zu schicken oder nach Madrid, um mit dem spanischen Verband die Modalitäten zu klären. Passiert da ein Fehler, ist der Manager verbrannt, bevor es losgeht."
Da Sammer erst im Juli seinen neuen Job antrat, dürfte es also bis zu einem echten Fazit in diesem Bereich noch etwas dauern.
• Jugendarbeit
Beim DFB war die Jugendarbeit Sammers Arbeitsfeld, beim FCB bleibt sie für ihn eine Herzensangelegenheit.
Der Sportvorstand sieht viele Spiele der Nachwuchsteams vor Ort, mit den Trainern gibt es immer wieder Besprechungen.
Sammer führt an. Ob das ein Grund für Nachwuchschef Jörg Butt war, bereits im August seinen Job hinzuschmeißen, ist unklar.
Sammers Machtposition hat es sicher nicht geschadet.


