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Jupp Heynckes (l.) und Gerd Müller erzielten 220 bzw. 365 Bundesliga-Tore © imago

Das Duell Mönchengladbach gegen den FC Bayern bewegt die Fans. SPORT1 blickt auf die zweite Dekade der Bundesliga zurück.

Von Rainer Kalb

München - Die Folgen des großen Bundesliga-Skandals von 1971 wurden auch zu Beginn des zweiten Jahrzehnts der deutschen Fußball-Eliteklasse noch zu einer Belastung.

Die Fans waren skeptisch, die Zuschauerzahlen ließen zu wünschen übrig.

Erst allmählich wich die Skepsis der großen Begeisterung. Und schließlich führte die WM 1974 dazu, dass neue große Stadien in Deutschland entstanden.(HINTERGRUND: Vom hässlichen Entlein zum stolzen Schwan)

Aber auch sportlich hatte die Bundesliga einiges zu bieten. Beteiligt daran waren vor allem zwei Klubs, denn die zweite Bundesliga-Dekade wurde maßgeblich geprägt vom Duell zwischen Bayern München und Borussia Mönchengladbach.

Bayern legt vor

Zunächst diktierte die goldene Generation des FC Bayern das Geschehen. In der Spielzeit 1973/74 holte die Elf um Franz Beckenbauer, Sepp Maier, Gerd Müller, Uli Hoeneß zum dritten Mal in Folge den Titel.

Denkwürdig in jener Saison war auch ein Bayern-Spiel auf dem Betzenberg in Kaiserslautern: 4:1 führten die Gäste um die Weltstars am 20. Oktober 1973, doch am Ende siegte die "Roten Teufel" mit 7:4 und rangen den FCB nieder.

Trotzdem war es die Saison der Bayern.

Schwarzenbeck in letzter Sekunde

Im WM-Jahr 1974 gelang ihnen zudem der große Coup durch den Sieg im Endspiel des Europapokals der Landesmeister gegen Atletico Madrid.

Unvergessen, der Schuss wie ein Strich von Hans-Georg "Katsche" Schwarzenbeck, der in letzte Sekunde der Verlängerung das 1:1 brachte und damit dem FCB ein Wiederholungsspiel in Brüssel bescherte.

Zwei Tage später triumphierten die Bayern durch Doppelpacks von Gerd Müller und Uli Hoeneß mit 4:0 gegen den spanischen Traditionsklub.

Schlappe nach der Sause

Einen Tag später mussten die vom Feiern noch schwer gezeichneten Bayern am letzten Bundesliga-Spieltag auf dem Gladbacher Bökelberg antreten.

5:0 fegten die Borussen den alten und neuen deutschen Meister vom Platz, aber da der FC Bayern bereits eine Woche zuvor den Titel unter Dach und Fach gebracht hatte, nutzte den "Fohlen" der Kantersieg nichts mehr.

Wenige Wochen später standen sechs Bayern-Stars im deutschen Weltmeisterteam, das im Münchner Olympiastadion 2:1 gegen die von "König Johan" Cruyff angeführten Niederländer gewann.

Angriff ist Trumpf

Geprägt war die Bundesliga in jener Zeit von unglaublicher Offensivfreude. Besonders die Gladbacher erfreuten sich mit ihrem brillanten Angriffsschwung europaweit großer Beliebtheit.

Fußball-Professor Hennes Weisweiler hatte nach dem Abgang von Spielmacher Günter Netzer (1973 zu Real Madrid) eine Mannschaft zusammengestellt, die die nächsten Jahre dominieren sollte.

Keiner wusste zu diesem Zeitpunkt, dass es die letzte Saison von Weisweiler am Bökelberg sein sollte.

Weisweiler Mann der Stunde

Zum dritten Mal holte seine Mannschaft in der Saison 1974/75 den Titel unter dem "kölschen Buur", der dem Lockruf des großen FC Barcelona erlag und 1975 sensationell nach Katalonien wechseln sollte.

Weisweiler gewann mit seiner Elf außerdem den UEFA-Cup und rundete eine Traumsaison ab, während die Bayern nach dem Sensationsjahr 1974 in der Liga schwächelten und gleich zum Auftakt 0:6 bei Kickers Offenbach untergingen.

Sie hielten sich aber mit dem zweiten Triumph im Europapokal der Landesmeister (2:0 gegen Leeds United in Paris) schadlos.

Lattek kauft sich raus

Nachfolger von Weisweiler in Gladbach wurde Udo Lattek, der schon bei Rot-Weiss Essen unterschrieben hatte, sich aber aus dem Vertrag herauskaufte. Mit seiner Entscheidung bewies er Weitblick, denn die Borussia verteidigte 1975/76 ihren Titel erfolgreich.

Die Elf vom Niederrhein spielte zwar nicht mehr ganz so spektakulär wie unter Weisweiler, doch der Erfolg gab Lattek recht. Auch in der folgenden Saison 1976/77 wurde die Borussia Meister und schaffte den Hattrick.

Hysterie beim FC

Derweil herrschte wenige Kilometer rheinaufwärts beim 1. FC Köln unglaubliche Fußball-Hysterie: Hennes Weisweiler hatte Barca verlassen und ließ sich vom FC anheuern.

Um ihm entsprechendes Spielermaterial zu geben, sorgten die Geißböcke für den ersten Millionen-Transfer der Bundesliga-Geschichte. Rechtsaußen Roger van Gool wurde für 1,1 Millionen Mark vom FC Brügge geholt.

Später hieß es zwar hämisch rund um die Domtürme, "für das Geld hätte man sich lieber einen van Gogh gekauft", doch der kleine Belgier sollte seinen Wert im Kölner Team noch zeigen.

"Kaiser" geht, Overath macht Schluss

Das Jahr 1977 bedeutete auch Abschied zu nehmen von zwei Galionsfiguren der Bundesliga. "Kaiser" Franz Beckenbauer verließ die Bayern und wechselte zu Cosmos New York, wo er unter anderem Teamkollege von Pelé wurde.

Wolfgang Overath, wie Beckenbauer Weltmeister von 1974, beendete nach Querelen mit Weisweiler seine Karriere.

Ausgerechnet in der ersten Saison ohne Overath wurden die Geißböcke erstmals nach 14 Jahren wieder Deutscher Meister und holten sogar das Double. Allerdings wurde der Titel erst in einem Herzschlagfinale am letzten Spieltag besiegelt.

Wettschießen um den Titel

Die punktgleichen Spitzenteams aus Köln und Gladbach lieferten sich ein Torduell, das es in dieser Art und Weise bislang nicht mehr gegeben hat. Die Borussia siegte im Düsseldorfer Rheinstadion 12:0 gegen Borussia Dortmund mit Trainer Otto Rehhagel, der zu "Otto Torhagel" mutierte und am nächsten Tag vom BVB entlassen wurde.

Köln siegte 5:0 beim Absteiger FC St. Pauli, doch sicherte sich der FC durch die um drei Treffer bessere Tordifferenz den Titel. Köln hatte bei St. Pauli ein großes Kartenkontingent bestellt, sodass sich die Gastgeber zum Umzug vom Millerntor ins Volksparkstadion entschieden.

In der normalen Heimstätte der Kicker aus dem Bundesliga-Freudenhaus hätte der FC wohl kaum 5:0 gewonnen?

Sechs Hütten von Dieter Müller

Am 17. August 1977 erzielte Kölns Dieter Müller im Übrigen einen Bundesliga-Rekord, der auch heute noch Bestand hat. Beim 7:2 gegen Werder Bremen war der Mittelstürmer sechsmal erfolgreich.

Bemerkenswert war in jener Saison auch die Rückkehr von Paul Breitner, der nach drei Jahren bei Real Madrid wieder in der Bundesliga spielte.

Allerdings nicht beim FC Bayern, sondern bei Eintracht Braunschweig. Jedoch blieb es die einzige Saison beim Klub von Mäzen Günter Mast (Jägermeister), der mit einer Finanzspritze von 1,6 Millionen Mark den Sensationstransfer möglich gemacht hatte.

Keegan mischt die Liga auf

Der Saison 1978/79 drückte ein Spieler seinen Stempel auf, der eine längere Anlaufzeit benötigte. Die Rede ist von England-Import Kevin Keegan.

Die Mighty Mouse lief unter Trainer Branko Zebec zur Höchstform auf, erzielte 17 Saisontreffer und verhalf dem HSV zum Titeltriumph.

Den Rothosen blieb 1979/80 aber die erneute Meisterschaft versagt, denn erstmals seit sechs Jahren triumphierten wieder die Bayern.

Die Ausfälle von Sepp Maier (Autounfall) und "Katsche" Schwarzenbeck (Achillessehnenriss/beide Karriereende) konnten überraschend gut kompensiert werden. Rückkehrer Breitner war der Lenker im Mittelfeld und vorne knipste "Rotbäckchen" Karl-Heinz Rummenigge. (HINTERGRUND: Auf der Suche nach Professionalismus)

Der einst aus Lippstadt geholte Angreifer wurde mit 26 Treffern Torschützenkönig. In Mönchengladbach beendete Berti Vogts seine Karriere als UEFA-Cup-Sieger und Fußballer des Jahres.

Happel lässt den HSV aufleben

Zwei Punkte lagen indes die Bayern am Ende vor dem HSV. Und auch im darauffolgenden Jahr (1980/81) sollten die Münchner wieder die Nase vor den Hamburgern vorn haben, die im November 1980 Franz Beckenbauer als neuen Star in ihren Reihen begrüßen konnten.

Und in den letzten beiden Spielzeiten des zweiten Bundesliga-Jahrzehnts sollte der HSV dominieren. Dies lag vor allem am neuen Trainer Ernst Happel. (DATENCENTER: Die Bundesliga)

Der Grantler aus Wien war mit seiner Vision des Fußballs vielen anderen Kollegen um Jahre voraus. Er ließ Pressing spielen und hatte in Beckenbauer, Manfred Kaltz, Felix Magath oder Horst Hrubesch auch Spieler, die als Führungspersönlichkeiten in kritischen Momenten das Heft an sich rissen.

Kaltz füttert Hrubesch

Als kongeniales Duo entpuppte sich das Gespann Kaltz/Hrubesch. Der Rechtsverteidiger Kaltz bedienten mit seinen "Bananenflanken" sehr häufig mustergültig das Kopfball-Ungeheuer Hrubesch, der mit 27 Treffern, viele per Kopf, Torschützenkönig wurde.

Am 29. Mai 1982 trat der von Verletzungen geplagte Beckenbauer nochmals als Meisterspieler von der Bundesliga-Bühne ab ? sollte aber auch in Zukunft die Lichtgestalt des deutschen Fußballs bleiben.

Völlers Stern geht auf

In der Saison 1982/83 wiederholte der HSV den Meiterschaftscoup, lag allerdings im Schlussklassement nur aufgrund der besseren Tordifferenz vor dem Nordrivalen Werder Bremen, bei dem der Stern von Rudi Völler aufging.

Der 23-Jährige wurde Torschützenkönig (23 Tore) und Fußballer des Jahres.

Das Happel-Team errang außerdem durch das fulminante Tor von Felix Magath im Endspiel gegen Juventus Turin in Athen den Europapokal der Landesmeister und krönte so die Hamburger Traumsaison.

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