Taktik-Überfall als Misstrauensvotum
Von Martin Hoffmann
München - Vielleicht wäre ja alles gut gegangen, hätte Jürgen Klopp auf den Mann gesetzt, den die "Bild" mal als sein "neues Supertalent" feierte.
Dem er eine "wahnsinnig gute Entwicklung" bescheinigte, als Borussia Dortmund ihn vor einem Jahr verpflichtete.
Sie war zuletzt offenbar nicht mehr wahnsinnig gut genug, denn Klopp setzte bei der 1:2-Heimniederlage gegen Schalke 04 ( Bericht) nicht auf Chris Löwe, den natürlichen Vertreter des verletzten Linksverteidigers Marcel Schmelzer (DIASHOW: Der 8. Spieltag).
Dass er stattdessen erfolglos sein System umwarf und auf Dreierkette umstellte, offenbarte mehr als ihm lieb sein konnte - und mehr als sein schuldbewusstes Auf-die-eigene-Kappe-nehmen verhüllen konnte ( DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).
Klopp traut nicht allen alles zu
Von der Derby-Pleite und ihren Umständen geht eine Botschaft aus, die nachhallt:
Der BVB-Coach, der sonst auch noch seinen Platzwart auf Champions-League-Niveau starkzureden vermag, traut doch nicht all seinen Schützlingen die allerhöchsten Aufgaben zu.
Und bestätigt damit indirekt den Verdacht, dass die Mission doppelte Titelverteidigung plus Königsklasse an Ungleichgewichten im Kader zu scheitern droht.
Kehl: "War überrascht"
In der Viererkette zeigte sich das am Samstag exemplarisch.
Wo die um zwölf Punkte enteilten Bayern den Ausfall ihres etatmäßigen Linksverteidigers wochenlang weggesteckt haben, sah sich Klopp in Anbetracht desselben Problems zu einem Taktik-Überfall aufs eigene Team gezwungen.
"Wir haben von der Systemumstellung erst eineinhalb Stunden vor dem Spiel erfahren", berichtet Kapitän Sebastian Kehl bei "Sky".
Er sei "überrascht" gewesen, sein Team habe die Variante "in dieser Form vorher nicht trainiert".
Kein Vertrauen in 1:1-Ersatz
Einen 1:1-Ersatz Schmelzers hielt Klopp offensichtlich für eine weniger gute Idee:
Löwe blieb nach dem Abbruch des Dreierketten-Experiments ebenso auf der Bank wie Oliver Kirch, der Ersatz-Außenverteidiger für die rechte Seite.
Stattdessen schob Klopp andere hin und her, allein Kevin Großkreutz war - je nach Zählweise des Beobachters - auf vier bis fünf Positionen unterwegs.
Ausfälle nicht kompensiert
Es gab auch viele Lücken zu stopfen: Neben Schmelzer fehlten schließlich auch Ilkay Gündogan, Mario Götze und Jakub Blaszczykowski.
Das Taktik-Chaos im Derby ist ein deutliches Indiz, dass der BVB derartige Ausfälle nur bis zu einem gewissen Grad kompensieren kann.
Auch prominentere Ersatzspieler wie Moritz Leitner, Julian Schieber und Ivan Perisic waren gegen Schalke keine entscheidende Hilfe.
Verlorene Balance
Neben dem nicht passgenauen zweiten Anzug müssen Klopp auch die Balanceprobleme zwischen Defensive und Offensive Sorgen bereiten.
Dortmunds Verteidiger werden, anders als in den Meisterjahren, nicht mehr konstant von einem kollektiven Abwehrbewusstsein der ganzen Mannschaft entlastet.
Es hat damit zu tun, dass Einzelne - unter ihnen der offensiv so bewunderte Neuzugang Marco Reus - in der Rückwärtsbewegung weniger stark sind.
Womöglich stößt Dortmunds kräftezehrendes Laufspiel einfach an seine Grenzen, setzt in der Dreifachbelastung körperlicher und mentaler Verschließ ein, den sich der BVB nicht dauerhaft erlauben kann.
Zorc setzt auf die Rückkehrer
Manager Michael Zorc hofft jedenfalls, dass am Mittwoch gegen Real Madrid "einige der verletzten Spieler dazukommen". Und ist guter Dinge, dass er mit den Rückkehrern Schmelzer, Gündogan und Götze, "ein anderes Spiel" sehen kann.
Kehl weist derweil darauf hin, dass sein Team auch in der Liga noch die Chance hat, das erste Team zu sein, das einen Zwölf-Punkte-Rückstand nach acht Spieltagen aufholt.
Der Kapitän erinnert an das vergangene Jahr, als auch alle geglaubt hätten, "dass nach den ersten Spieltagen die Schale schon in München war".
Schlechtere Voraussetzungen für einen Lauf
In der Tat steht der BVB nach acht absolvierten Partien nur um einen Punkt schlechter da als in der Vorsaison, die bekanntlich von einem einzigartigen Lauf gekrönt wurde.
Der wurde aber eben dadurch begünstigt, dass die Dortmunder die Dreifachbelastung mit dem Vorrunden-Aus in der Champions League loswurden.
Da sie das diesmal nicht wollen, brauchen sie nun Spieler, die noch mehr über sich hinauswachsen als in der letzten Saison.
Und womöglich auch Chris Löwe.


